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Nach Neonazi-Bestattung in Stahnsdorf : Kirche prüft Umbettung von Holocaustleugner

Die Bestattung eines Neonazis im Grab eines jüdischstämmigen Wissenschaftlers sorgt weiter für Empörung. Bischof spricht von einem „Versagen unserer Kirche“.

Oliver von Riegen Markus Geiler
Der Grabstein von Max Friedlaender.
Der Grabstein von Max Friedlaender.Foto: dpa

Berlin/Stahnsdorf - Die Evangelische Kirche will nach der Beisetzung eines Holocaustleugners auf der früheren Grabstätte des jüdischstämmigen Wissenschaftlers Max Friedlaender den Schaden begrenzen. Sie prüft eine Umbettung der Urne im Südwestkirchhof Stahnsdorf bei Berlin. „Das ist eine der Ideen, um das wieder gutzumachen, was nicht wieder gutzumachen ist“, sagte eine Sprecherin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) am Mittwoch.

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hatte berichtet, Bischof Christian Stäblein sei dafür, dass der Mann möglichst bald umgebettet werde. Die Sprecherin sagte, der Stein könnte auch an einen anderen Ort gestellt werden, um ein ehrendes Andenken an Max Friedlaender zu bewahren.

Dem RBB-Sender Radioeins hatte Stäblein am Dienstagabend gesagt: „Man muss das ganz deutlich sagen, das war ein Fehler, ein Versagen unserer Kirche.“ Dass ein Neonazi auf einer jüdischen Grabstätte liege, sei so erschütternd, das lasse sich nicht in irgendeiner Weise entschuldigen. Max Friedlaender habe ein Anrecht darauf, dass in seinem Grab kein Holocaustleugner liegt.

Innenminister Stübgen: "Fataler Fehler"

Der ganze Vorgang mache ihn fassungslos, sagte auch der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Es gelte aufzuklären, wie diese Bestattung genehmigt werden konnte und Konsequenzen daraus zu ziehen, sagte Schuster der „Jüdischen Allgemeinen“ (online). „Die Zuweisung dieser Grabstätte an einen Holocaustleugner ist ein fataler Fehler und lässt jedes Fingerspitzengefühl vermissen“, erklärte Brandenburgs Innenminister Michael Stübgen (CDU).

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Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, teilte der Deutschen Presse-Agentur mit: „Es ist tatsächlich ein äußerst unglücklicher Fehler, der hier unterlaufen ist. Ich habe bereits mit den Beteiligten gesprochen und die Verantwortlichen haben glaubhaft versichert, den Fall gründlich intern aufzuarbeiten und künftig Strukturen zu schaffen, dass so etwas nicht mehr passiert.“

Grabstätte stand zur Wiederbelegung frei

Der Holocaustleugner wurde laut Kirche am vergangenen Freitag auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf in Brandenburg, am Südwestrand Berlins, auf der ehemaligen Grabstätte des Musikwissenschaftlers Max Friedlaender beigesetzt. Die Grabstätte des jüdischstämmigen Protestanten (1852-1934) stand seit 1980 zur Wiederbelegung frei. Sein Grabstein steht aber noch, weil er unter Denkmalschutz steht.

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Die Beisetzung hatte bundesweit für Empörung gesorgt. Der Antisemitismusbeauftragte von Berlin, Samuel Salzborn, erstattete Strafanzeige gegen unbekannt wegen des Verdachts der Störung der Totenruhe. Die Fachstelle Antisemitismus Brandenburg forderte eine Umbettung. Bürgermeister Bernd Albers sagte am Mittwoch bei Twitter, Stahnsdorf sei eine weltoffene Gemeinde. „Die Bestattung eines Holocaustleugners und Rechtsextremisten im Grab eines jüdischen Bürgers passt nicht zu uns.“

Die Friedhofskapelle auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf.
Die Friedhofskapelle auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf.Foto: Sebastian Gabsch PNN

Landeskirche und Friedhof wussten nach eigenen Angaben, dass es sich um einen Holocaustleugner handelte. Die EKBO entschied, die Anfrage nach einer Grabstätte in Stahnsdorf nicht abzulehnen, da jeder Mensch ein Anrecht auf eine letzte Ruhestätte habe. Der Mann wünschte sich laut Kirche eine zentrale Grabstelle.

Nach seinem Tod habe sein Bevollmächtigter im August eine Grabstätte erworben, die wieder entzogen wurde, weil im zentralen Bereich viele Gräber jüdischer Verstorbener lägen. Auf Grundlage des Bestattungsregisters, in dem Friedlaender mit evangelischer Konfession steht, habe die Kirche dann eine dezentrale Grabstelle gewählt, damit sich keine Anlaufstelle für Rechtsextreme bilde. (dpa/epd)

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