Potsdam-Mittelmark : Muttis Milch für Kita-Kinder gefordert

Ärztin wendet sich gegen „Zwang zum Abstillen“ in Schwielowsee. Rathaus sieht Hygieneproblem

Henry Klix
Die Muttermilch machts. Aber in einwandfreiem Zustand, warnt das Rathaus.
Die Muttermilch machts. Aber in einwandfreiem Zustand, warnt das Rathaus.Foto: dpa

Schwielowsee - Sie ist Assistenzärztin der Kinder- und Jugendmedizin, und was die Wirkung von Muttermilch anbetrifft, kennt sie sich auch als Mutter sehr gut aus. „Muttermilch ist die beste Ernährung für den jungen Säugling und bietet einen einzigartigen Schutz gegen Infektionen und Allergien“, sagt die Caputherin Winnie Berlin. Seit einigen Monaten kämpft die Kinderärztin einen einsamen Kampf: Berlin setzt sich dafür ein, dass an den Kindertagesstätten der Gemeinde Schwielowsee Muttermilch gefüttert werden darf. Denn das ist seit September nicht mehr erlaubt – aus hygienischen Gründen, wie es aus dem Rathaus heißt.

Der Streit köchelt seit Monaten, und er hat eine Vorgeschichte: Anfang vergangenen Jahres hatte Berlin von einer Mutter erfahren, die Probleme bei der Unterbringung ihres zehn Wochen alten Kindes in einer Kita in Schwielowsee hatte. Es war das dritte Kind der Frau. Die Verfütterung abgepumpter Muttermilch wurde ihr unerwartet verweigert. Nach einigem Streit gab es eine Ausnahmeregelung, doch im September dann wurde ein neuer Passus in den Kitavertrag der Gemeinde eingeführt: „In unseren Kindertageseinrichtungen wird nur Muttermilchersatz verfüttert. Eine Verabreichung von mitgebrachter Muttermilch ist nicht zulässig.“

Berlin regt das auf: „Ein Zwang zum Abstillen als Aufnahmevoraussetzung in unsere Kitas führt zu einer potenziellen Gesundheitsgefährdung der betroffenen Kinder.“ Ein solcher Passus diskriminiere stillende, berufstätige Mütter und sei mit einer Gemeinde, die sich als familienfreundlich ausgibt, nicht vereinbar. „Die Förderung des Stillens ist eine gesundheitspolitische und gesellschaftliche Aufgabe, die von allen mitgetragen werden sollte“, meint Berlin.

Die Kinderheilkundlerin verweist auf den besonderen Rechtsanspruch im Land Brandenburg: Schon nach acht Wochen gibt es eine Betreuungspflicht, in manchen Lebenssituationen würden Eltern gern davon Gebrauch machen. „Nach dem zweiten Kind kann sich zum Beispiel die Frage stellen, ob man sich weitere Abwesenheiten von der Arbeit noch leisten kann“, sagt Berlin.

Nach ihren Recherchen gab es seit dem Jahr 2005 vier Säuglinge oder kleine Kinder in Schwielowsees Kitas, die ausschließlich oder zusätzlich mit echter Muttermilch versorgt wurden. „Wenn das jetzt nicht mehr möglich ist, signalisiert man vielen Eltern, dass eigentlich gar keine Betreuung dieser Kinder mehr erwünscht ist“, meint Berlin. Mit ihrem Anliegen hat sie sich inzwischen an die Nationale Stillkommission gewandt, ein dem Bundesinstitut für Risikobewertung angegliedertes Gremium, das die Förderung des Stillens von Säuglingen in Deutschland zum Ziel hat. Außerdem hat Winnie Berlin beantragt, die Sache auf die Tagesordnung der nächsten Sozialausschusssitzung der Gemeinde am kommenden Montag zu setzen. Die Leiterin der Frauenmilchbank in Leipzig hat sie als Referentin vorgeschlagen.

Bürgermeisterin Kerstin Hoppe (CDU) ist sauer über den Streit. Die Gemeinde könne nicht gewährleisten, dass die Muttermilch in einwandfreiem Zustand abgegeben werde. „Wenn etwas schiefgeht, stehen wir aber dafür gerade.“ Außerdem sei man völlig einverstanden, wenn die Mütter zum Stillen in die Kitas kommen. „Der Arbeitgeber muss sie dafür freistellen“, betont Hoppe. Das werde in anderen Kitas der Region – ob in Potsdam, Michendorf, Werder (Havel) oder Seddiner See – nicht anders gehandhabt. Der Vorgabe aus dem Kitagesetz, die gesunde Ernährung zu gewährleisten, werde derweil auch mit Ersatzmilch gewährleistet.

Winnie Berlin kann das Hygieneargument nicht ganz nachvollziehen: Anders als Tiefkühlerdbeeren benötige Muttermilch keine geschlossene Kühlkette, werde nur einem Kind frisch gegeben und könne auch mal ein paar Stunden warm stehen. Weder die Lebensmittelüberwachung noch das Gesundheitsamt des Landkreise hätten Bedenken, Muttermilch in Kitas zu verabreichen. Aus dem Landratsamt wurde das gestern auf PNN-Anfrage bestätigt. Henry Klix

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