Mordprozess am Landgericht Potsdam : Mann fuhr womöglich absichtlich gegen Baum

Feuervögel, die auf Autos zufliegen, hätten ihn abgelenkt, meint der Angeklagte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord an seiner Ehefrau vor.

Der Angeklagte muss sich vor dem Potsdamer Landgericht verantworten.
Der Angeklagte muss sich vor dem Potsdamer Landgericht verantworten.Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Nuthetal - Mit über 100 Stundenkilometern fuhr Michael A. am ersten Weihnachtstag 2015 auf der L77 zwischen Güterfelde und Saarmund ungebremst gegen einen Baum. Seine Ehefrau Anna starb noch am Unfallort, Michael A. wurde schwer verletzt per Hubschrauber in ein Berliner Krankenhaus gebracht und ist inzwischen wieder komplett genesen. Das Potsdamer Landgericht versucht nun herauszufinden, ob es sich um einen Unfall handelte oder ob Michael A. plante, sich und seine Frau umzubringen.

„Wenn mir mal was passiert, kannst du davon ausgehen, dass es kein Unfall war“, soll Anna A. einmal zu ihrer Chefin Andrea L. gesagt haben. „Sie war eine ruhige Person, hat erst nach und nach mehr von sich erzählt“, sagte Andrea L., Wohnbereichsleiterin des Altenheims, in dem Anna mehr als 15 Jahre beschäftigt war, am gestrigen Donnerstag vor Gericht. Die Kolleginnen hätten gewusst, dass Annas Beziehung zu ihrem Mann sehr unglücklich war. Immer wieder seien die beiden zeitweise getrennt gewesen, dann aber doch wieder zusammengekommen. Es sei außerdem ein offenes Geheimnis gewesen, dass Michael A. seine Frau schlug. „Ihr Körper war übersät mit blauen Flecken“, sagte Andrea L. im Zeugenstand. Anfangs habe Anna A. immer wieder Ausreden für die Verletzungen parat gehabt, aber schließlich zugegeben, dass sie von ihrem Ehemann stammten. Sie sagte den Kolleginnen auch, dass ihr Mann sie vergewaltigt habe. Zur Polizei habe sie deswegen aber nicht gehen wollen, um die Beziehung nicht aufs Spiel zu setzen.

Angeklagter wollte mit Ehefrau wieder zusammenziehen

Die zum Todeszeitpunkt 57-jährige Lettin lernte ihren Mann, einen gebürtigen Russen, vor einigen Jahren über eine Annonce kennen. Nachdem sich das Ehepaar im Oktober 2014 offiziell getrennt hatte, nahm sich Michael A. ab März eine eigene Wohnung. Er habe das Alleinleben zunächst genossen, sagte der Angeklagte: „Aber es fehlte in der neuen Wohnung die häusliche Atmosphäre, die ich gewohnt war.“ Ab Oktober 2015, nachdem er zwei Monate in seiner Heimatstadt Moskau verbracht hatte, hätten sich seine Ehefrau und er wieder angenähert. Er habe geplant, ab April 2016 wieder in die gemeinsame Wohnung einzuziehen.

Zum Zeitpunkt des Unfalls seien seine Frau und er auf dem Rückweg von einem Thermenbesuch gewesen, so Michael A.s Version der Geschichte. Anna sei aufgebracht gewesen, da sie zu Weihnachten Besuch von Freundinnen aus Lettland erwartete. Der Besuch sei für sie mit viel Vorbereitungsaufwand verbunden gewesen, dann aber hatten ihn die Freundinnen verschoben. Um sich besser zu fühlen, habe seine Frau in die Sauna gewollt. Michael A. habe sich nach dem fünfstündigen Saunabesuch schwindelig gefühlt und auf dem Rückweg Wahrnehmungsstörungen bemerkt. Kurz vor dem Unfall seien drei Vögel auf sein Auto zugeflogen. Er habe das Gefühl gehabt, einer der Vögel kommuniziere per Gedankenübertragung mit ihm, erzählte Michael A. gestern dem Richter Theodor Horstkötter. „Und was hat der Vogel Ihnen mitgeteilt?“, fragte der Richter. „Er sagte sowas wie: ,Fahr nicht so schnell!‘“, erklärte der Angeklagte. Anschließend habe sich der Vogel vor seinen Augen in einen Feuerball verwandelt. Um eine Kollision mit dem Feuerball zu verhindern, habe er das Auto dann wohl in den Baum gelenkt, so der Angeklagte.

Michael A. war in der Vergangenheit mehrfach wegen schwerer Depressionen in psychiatrischer Behandlung. Am ersten Weihnachtstag 2015 habe er sich aber psychisch vollkommen gesund gefühlt, so der Angeklagte.