Mittelmarks Landwirte im Stress : Wer bringt die Ernte ein?

Bei Werder Frucht fehlen Erntehelfer, es entstehen Hunderttausende Euro Schaden. Für den Spargelhof meldeten sich hingegen hunderte Menschen als Erntehelfer. 

Noch sind nur wenige Spargelstangen erntereif, die Saison beginnt im April. 
Noch sind nur wenige Spargelstangen erntereif, die Saison beginnt im April. Foto: Uwe Anspach/dpa

Beelitz/Werder (Havel) - Geld allein löst nicht alles. Werder Frucht-Chef Gerrit van Schoonhoven glaubt nicht, dass seine polnischen Pendler wieder in den beiden zum Konzern gehörenden Gewächshäusern nahe der Grenze arbeiten werden, nur weil es dafür 65 Euro am Tag von der Landesregierung geben soll. Nachdem die polnische Regierung in der Nacht zum Freitag das Pendeln für ihre Landsleute praktisch unmöglich gemacht hat, sind bei ihm 70 Helfer ausgefallen. 20 polnische Mitarbeiter beschäftigt er in den Gewächshäusern in Bralitz und Wollup (beide Märkisch Oderland) noch, für sie wurden Unterkünfte angemietet. „Die Pauschale vom Land ist natürlich ein gut gemeinter Anreiz. Sie hilft aber nicht, wenn die Menschen Angst haben, nicht wieder in die Heimat zurückzukommen“, so van Schoonhoven.

Der Schaden für seine Unternehmensgruppe mit knapp tausend Mitarbeitern durch die Coronakrise liege bereits bei mehreren Hunderttausend Euro. Hauptsächlich sei der beinahe komplette Wegfall der Belieferung der Gastronomie schuld am Defizit, doch auch fehlende Erntehelfer sorgen für ein Minus. Und in der vergangenen Woche hat van Schoonhoven zufolge auch der Einzelhandel deutlich weniger Obst und Gemüse umgesetzt, was man bei der Logistikfirma der Gruppe, die in Groß Kreutz sitzt, gemerkt habe. Die Menschen hätten eine Woche zuvor große Hamsterkäufe gemacht. „Jetzt waren die Kühlschränke voll“, so der Geschäftsführer. In der Existenz bedroht sei die Firma nicht. Da der Unternehmensverbund aber nicht mehr zum Mittelstand zähle, sei der Zugang zu Fördermitteln sehr schwer.

Seit 2018 baut Werder Frucht Auberginen an.
Seit 2018 baut Werder Frucht Auberginen an.Foto: Bernd Settnik/dpa

Niederländische Zeitarbeiter sollen aushelfen

Derzeit werden Gurken und Auberginen in den Gewächshäusern geerntet. Auf den Plantagen rund um Werder werden zudem noch etwa eine Woche lang die Obstbäume beschnitten. Auch das erledigen unter anderem polnische Saisonkräfte. „Da hilft erst einmal die Regelung, dass sie jetzt 115 statt 70 Tage am Stück im Land bleiben dürfen“, so Gerrit van Schoonhoven. Er hofft, dass man so die schlimmste Phase überbrücken kann. Allerdings: Ostern steht bevor, und die polnischen Mitarbeiter seien sehr katholisch und wollen zum Fest nach Hause. Ob sie danach wiederkommen, ist ungewiss.

Bei der Fachhochschule in Eberswalde habe van Schoonhoven inzwischen gefragt, ob sie Studenten für die Arbeit auf Feldern und Gewächshäusern vermitteln könne. Auch mit Unternehmen, in denen Kurzarbeit herrscht, sei man im Gespräch zur Überlassung von Arbeitnehmern. Am Samstag sollten zudem 30 Mitarbeiter einer niederländischen Zeitarbeitsfirma in den Gewächshäusern im Oderbruch eintreffen.

Viele Bewerbungen für Klaistower Spargelhof 

Vor Anfragen nach Jobs als Erntehelfer kaum retten kann sich derzeit wie berichtet Ernst-August Winkelmann, Geschäftsführer des Klaistower Spargelhofes. „Wir haben in den vergangenen Tagen nicht hundert, sondern hunderte Bewerbungen erhalten“, so Winkelmann. „Das kann uns wirklich helfen!“ Viele Anfragen stammten von Arbeitnehmern, die derzeit in Kurzarbeit sind. Die Regelungen für Nebentätigkeiten während der Kurzarbeit seien für viele lukrativ: Die 9,35 Euro Mindestlohn werden nahezu als Nettogehalt ausgezahlt. Wer viel Spargel stechen kann, erhält ohnehin mehr Geld.

Auch landesweit gibt es viele Bewerbungen für Stellen in der Landwirtschaft, sagt der Präsident des Landesbauernverbands, Henrik Wendorff. „Die Anteilnahme und das Interesse, zu unterstützen, waren in den vergangenen Tagen gigantisch. Die Solidarität mit den Landwirten ist ermutigend in dieser so herausfordernden Zeit“, so Wendorff. Gleichzeitig warb er bei den Menschen, die sich direkt bei Bauern beworben haben, um Verständnis, wenn die Antwort auf sich warten lässt. Die Bauern befänden sich schließlich im Ausnahmezustand.

Eine herausfordernde Saison

Ernst-August Winkelmann will in den kommenden Tagen die ersten Bewerber kontaktieren, die dann schnell mit der Arbeit beginnen könnten. Am Freitag habe man deshalb eine Arbeitsgruppe auf dem Spargelhof speziell zur Eingliederung der Bewerber gegründet. Denn: Einige Saisonarbeitskräfte aus Rumänien und Polen waren vor den Grenzschließungen angekommen. Aus Gründen des Infektionsschutzes wurden sie in kleine Gruppen unterteilt, Kontakt mit den neuen Helfern müsse unterbunden werden. Ohnehin ist bei der Personalplanung derzeit größtmögliche Flexibilität gefragt. So rechnet Winkelmann damit, dass einige Neulinge nach einem Tag nicht mehr auf die Felder gehen wollen.

Inklusive der festen Mitarbeiter seien derzeit 600 Menschen für den Hof tätig, so Winkelmann – 60 Prozent der Beschäftigten, die Winkelmann eigentlich brauche. Er hat sogar einen Kiosk für die Saisonkräfte aus dem Ausland auf dem Hof, sie sollen das Gelände aus Infektionsschutzgründen möglichst nicht verlassen. Wie berichtet gab es vergangene Woche zwei Polizeieinsätze in Supermärkten in Beelitz und Kloster Lehnin, weil sich Spargelstecher dort nicht an die derzeitigen Ausnahmeregeln gehalten haben sollen. Auch um so etwas zu verhindern, habe Winkelmann den Kiosk bei den Unterkünften der Spargelstecher eingerichtet.

Insgesamt sei es die herausforderndste Saison, die Winkelmann in knapp 30 Jahren als Klaistower Spargelbauer erlebt hat. Und das, obwohl die Haupterntesaison erst noch beginnt. Immerhin: Trotz geschlossenem Hofrestaurant laufe der Absatz derzeit gut. Diese Woche sollen weitere Verkaufsstände öffnen.

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