Mehr Zuzug in ländlichen Raum : Schnupperwohnen im Hohen Fläming

Stadtmüde Berliner und Potsdamer will die Region Hoher Fläming mit innovativen Angeboten zum Umzug aufs Land bewegen.

Eine der Gründerinnen der Digitalschmiede „Coconat“, Iris Wolfer, und Franka Kohler (r.), die ein Existenzgründerprogramm im Fläming leitet, sind vom Landleben überzeugt. Zuvor haben sie jahrelang in großen Städten gelebt, auf dem Land fehlt ihnen bisher nichts.
Eine der Gründerinnen der Digitalschmiede „Coconat“, Iris Wolfer, und Franka Kohler (r.), die ein Existenzgründerprogramm im...Foto: Andreas Plata

Wiesenburg/Mark - Es klingt modern, jung und innovativ: Mit Begriffen wie Tiny Houses, Co-Working und Smart Village wollen Bad Belzig, Wiesenburg und Niemegk bei Städtern aus Berlin und Potsdam punkten und für einen Umzug in den Hohen Fläming werben. Die Region hat dafür nun eigens eine Ansprechpartnerin, die jegliche Fragen potentieller Zuzügler, Rückkehrer sowie Flüchtlinge, die im Fläming bleiben wollen, beantworten soll. Am Donnerstag wurde das Projekt „Neulandgewinner“ im Bahnhof von Wiesenburg vorgestellt. Finanziert wird das Vorhaben von der Robert-Bosch-Stiftung, die damit ländliche Regionen Ostdeutschlands unterstützen will.

Man trifft schnell auf Gleichgesinnte

Idyllisch gelegen, leidet der Hohe Fläming am westlichen Zipfel des Landkreises seit Jahren unter sinkenden Bevölkerungszahlen. Die Region ist teilweise so dünn besiedelt, dass zum Beispiel in Rabenstein und Wiesenburg weniger als 20 Einwohner pro Quadratkilometer leben.

„Wir wollen Hemmnisse abbauen“, sagt Wiesenburgs Bürgermeister Marco Beckendorf auf der Pressekonferenz am Donnerstag. Und meint damit all die Vorbehalte, die Städter mit einem Leben auf dem Land verbinden. Dabei, so betont Beckendorf, treffe man im Fläming schnell auf Gleichgesinnte, die Kreativ- und Künstlerszene sei groß, es gebe viele Kulturangebote. Der einzige Unterschied: „Man trifft sich nicht im Café, sondern an anderen Orten.“

Probewohnen auf dem Land

Um jungen Menschen, die der Fläming dringend braucht, das Landleben schmackhaft zu machen, hat die Ansprechpartnerin des Zuzugsprojekts, Barbara Klembt, schon eine Idee: Sie will Interessierten ein Schnupperwohnen ermöglichen. So könnten Ferienwohnungen, -häuser oder Mietwohnungen der kommunalen Wohnungsgesellschaften für einen Monat genutzt werden, „um herauszubekommen, wie es sich hier lebt und zu spüren, ob das für einen passt“. Falle das Urteil positiv aus, will Klembt bei allen weiteren Fragen helfen: Wo findet man Wohnraum, wo sind Kitas und Schulen, was für Kulturangebote gibt es und wie kann man das Pendeln meistern?

Bereit. Wiesenburgs Bürgermeister (l.) und Barbara Klembt (3. v. l.).
Bereit. Wiesenburgs Bürgermeister (l.) und Barbara Klembt (3. v. l.).Foto: Eva Schmid

Klembt, die übrigens Wiesenburgs ehemalige Bürgermeisterin ist und das Zuzugsprojekt nun ehrenamtlich begleitet, will auch interessierte Städter mit Gleichgesinnten zusammenbringen. Wenn Menschen, die selbst erst vor Kurzem aufs Land gezogen sind, den Zuzugswilligen von ihren Erfahrungen erzählen würden, dann sei das authentisch. In Gesprächen merke man schnell, was leicht und schwer ist auf dem Land.

Zwei Jahre soll das Projekt laufen, 50 000 Euro stehen als Budget zur Verfügung. Klemt wird ihr Büro im Bahnhof Wiesenburg haben – dem Eintrittstor in den Hohen Fläming. Von dort startet unter anderem der Kunstwanderweg durch die Region, beliebtes Ausflugsziel vieler Touristen am Wochenende. Wer mit dem Regionalexpress anreist, kann sich noch vor seinem Besuch im Ort von Klembt beraten lassen. Möglich seien auch Sprechstunden am Wochenende, so Klembt.

Zielgruppe: junge Familien, digitale Nomaden, Heimkehrer

Die Zielgruppe des Projekts sind junge Familien und sogenannte digitale Nomaden. Menschen also, die von überall aus arbeiten können und dafür nur einen Laptop und eine gute Internetverbindung brauchen. Im Fokus stehen auch die Kinder von Familien, die aus der Region weggezogen sind. Für ihren Rückzug will Klembt bei den Eltern werben. Das „Neulandgewinner“-Projekt im Fläming ist ähnlich der jüngst gestarteten und umstrittenen Imagekampagne des Landes, das mit Plakaten und Videos bei Berlinern für einen Umzug nach Brandenburg wirbt. Ebenso fördert das Land auch sogenannte Rückkehrer-Initiativen.

Wohnen im Fläming: Was die Region zu bieten hat
Im 16. Jahrhundert wieder aufgebaut, trohnt das Schloss Wiesenburg über der kleinen, historischen Altstadt. Dahinter der denkmalgeschützte Schlosspark, der sich bis zum Bahnhof zieht. Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Eva Schmid
01.03.2019 13:22Im 16. Jahrhundert wieder aufgebaut, trohnt das Schloss Wiesenburg über der kleinen, historischen Altstadt. Dahinter der...

Werben mit Begriffen wie Co-Working, Tiny Houses und Smart Village

Wodurch das Zuzugsprojekt im Fläming indes besticht, ist der Anteil an innovativen Ideen: So plant der Wiesenburger Bürgermeister in einer alten Brauerei ein sogenanntes Co-Working-Zentrum zu etablieren. An das Backsteingebäude angrenzend kann er sich Tiny Houses vorstellen, also Minihäuser in einfacher Modulbauweise. Der Vorteil: Derartige Wohnmodelle können sich viele Menschen leisten, besonders auch junge Kreative. Direkt am Bahnhof Wiesenburg ist ein Baugemeinschaftsprojekt mit 40 Wohneinheiten geplant. Auch gibt es Stipendien für Existenzgründer, die sich im Fläming ansiedeln wollen.

Ein weiterer Vorteil der Region und ein gutes Lockmittel für Städter ist die Digitalschmiede „Coconat“, die sich in einem alten Gutshof zwischen Wiesenburg und Bad Belzig angesiedelt hat. Die Macher des Projektes stammen aus der Berliner Co-Working-Szene und bringen mitten im Fläming die junge, internationale digitale Elite zusammen. Parallel dazu wird derzeit auch unter Federführung des Coconats daran gearbeitet, Bad Belzig und Wiesenburg zu einer Smart Village Region zu machen. Mithilfe digitaler Angebote soll den Menschen vor Ort mehr Lebensqualität geboten werden.


Hintergrund

Kuhdorf? Nein, Ko-Dorf. Eine solch außergewöhnliche Wohnform könnte demnächst direkt am historischen Bahnhof in Wiesenburg entstehen. Ein Ko-Dorf besteht laut seinen Erschaffern aus einer Ansammlung von kleinen Häusern und einigen zentralen Gemeinschaftsgebäuden: Einem Coworkingspace, einer Küche mit langer Tafel, Seminarräumen, einer Dorfschenke oder einem gemütlichen Café, auch einem Kulturraum oder einem Kindergarten - also allem, was Menschen in der Stadt hält. So entsteht ein Dorf im Dorf. Solche Projekte werden oft auch als Baugenossenschaft realisiert. Wer sich auch im Fläming beruflich etablieren will, kann sich noch für einen Workshop im April und Mai bewerben. Coach Franka Kohler leitet das Gründungsprojekt mit Möglichkeit für Stipendien, Infos unter www.zieh-aufs-land.de. Wer Fragen rund um das Thema Zuzug in den Hohen Fläming hat, kann sich an Barbara Klemt, [email protected], wenden. 

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