Lebenswichtige Entscheidungen : Wie Seniorenheime mit Covid-19 umgehen

Seniorenheime reagieren unterschiedlich auf einen Corona-Ausbruch. Das hat weitreichende Folgen. Zwei Beispiele aus Werder (Havel) und Potsdam.

In Seniorenheim leben Personen einer Corona-Risikogruppe eng beieinander.
In Seniorenheim leben Personen einer Corona-Risikogruppe eng beieinander.Foto: Christoph Söder/dpa

Werder (Havel)/Potsdam - Die Coronakrise versetzt Seniorenheime in den Ausnahmezustand: Bewohner sind isoliert, Pfleger aufgrund der dünnen Personaldecke am Limit. Das Virus grassiert mittlerweile in den ersten Heimen im Land. Im Gesundheitsministerium rechnet man damit, dass es zu weiteren Ausbrüchen kommen wird. Wie unterschiedlich die Heime und Behörden auf einen solchen Ausbruch reagieren, zeigen zwei Beispiele aus der Region.

Im Werderaner Seniorenheim „Haus am Zernsee“ und der Potsdamer Seniorenpflege auf Hermannswerder ist am Anfang des Corona-Ausbruchs jeweils ein Bewohner mit Covid-19 im Krankenhaus verstorben. Es handelte sich in beiden Fällen um den sogenannten Patienten 0, der andere Bewohner und Mitarbeiter infiziert hat. Das Potsdamer Heim hatte nach rund zwei Wochen den Ausbruch im Griff. In Werder kämpft man vier Wochen danach noch immer mit dem Virus, zehn Bewohner sind bisher verstorben.

Was ist in den Heimen passiert? Wo wurde wie gehandelt – und wie schnell? Rückblickend wird im Gespräch mit den Zuständigen klar, dass es vor allem darum geht, die Gesunden schnell von den Infizierten zu trennen, Bewohner und Mitarbeiter oft zu testen, das Personal zu unterstützen. Auf Hermannswerder ist das gelungen, im Lagebericht des Landes wurde das Heim dafür gelobt.

Infektion nach Rückkehr aus dem Krankenhaus

Was lief in Werder anders? Angefangen hat es mit dem ersten infizierten Bewohner: Nach der Rückkehr aus dem Potsdamer St. Josefs-Krankenhaus, in dem er nicht wegen Corona behandelt wurde, saß er zusammen mit den anderen Bewohnern wieder am Essenstisch. Ende März habe es noch keine Empfehlungen für die Isolation von Krankenhausrückkehrern gegeben, sagt die Sprecherin des Heimträgers Korian, Tanja Kurz. Auch wurde der Mann im St. Josefs-Krankenhaus nicht auf Corona getestet, weil er offenbar keinen Kontakt zu Infizierten gehabt haben soll. Dem 80-Jährigen ging es plötzlich immer schlechter, er starb drei Tage später nach seiner Rückkehr – und war infiziert.

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Im Werderaner Seniorenheim "Haus am Zernsee" verstarben bereits zehn Personen nach einer Covid-19-Infektion. 
Im Werderaner Seniorenheim "Haus am Zernsee" verstarben bereits zehn Personen nach einer Covid-19-Infektion. Foto: Christoph Soeder/dpa

Daraufhin wurden alle 82 Bewohner und 45 Mitarbeiter des Hauses durch das mittelmärkische Gesundheitsamt getestet. Das Ergebnis: 15 Bewohner und sechs Pflegekräfte waren infiziert. Viele Bewohner waren weitgehend symptomfrei, so Kurz. Der Großteil der Infizierten lebte zu diesem Zeitpunkt im Wohnbereich im Erdgeschoss. Das Heim wurde auf Anordnung der Behörden etagenweise isoliert, es wurden Schleusen eingerichtet. Mitarbeiter gingen über separate Eingänge in die drei Wohnbereiche. Während Pflegekräfte tagsüber nur in einem Bereich arbeiteten, sollen die Pfleger für die Nacht – es sind laut Gesetz nur zwei nötig – nach Aussagen von Angehörigen im gesamten Haus unterwegs gewesen sein. Das Heim dementiert das nicht.

Infizierte und Gesunde lebten Tür an Tür

Ein weiteres, gravierendes Problem: Auf den isolierten Etagen lebten Infizierte und Gesunde Tür an Tür. „Wenn sich ein Haus in Quarantäne befindet, bleiben die Bewohner die ganze Zeit in ihren Zimmern“, sagt Heimleiterin Johanna Horn. Soweit die Theorie, der Alltag in Heimen sieht anders aus. Das räumt auch Horn ein. Vielen dementen Bewohnern sind die Quarantäne-Regeln nur schwer vermittelbar, sie bleiben nicht immer auf dem Zimmer. Das Virus griff in Werder nach kurzer Zeit auch auf die anderen zwei Etagen über, die Todesfälle häuften sich. Nach dem ersten Abstrich wurden Bewohner nur noch dann getestet, wenn sie Symptome zeigten. Das soll das Gesundheitsamt so vorgegeben haben, obwohl bekannt war, dass die meisten Infizierten bisher fast symptomfrei waren. Ihr Zustand jedoch würde sich oftmals sehr rasch verschlechtern, sagt Horn. Getestet wurde erneut nur das gesamte Personal.

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Weitere Probleme kamen hinzu: Nach Aussagen von Angehörigen gegenüber den PNN sollen infizierte Pflegekräfte gesunde Bewohner betreut haben. „Man fühlt sich hilflos, weil man nicht weiß, was hinter den Mauern wirklich passiert“, sagt der Sprecher des Werderaner Angehörigennetzwerks, Hans-Jochen Knöll. Knölls Schwiegervater ist im Heim untergebracht, er selbst kennt die Einrichtung gut. Im Frühjahr 2019 übernahm er interimsweise die Heimleitung, nachdem das leitende Führungsteam gekündigt hatte.

Infiziertes Personal soll gesunde Bewohner betreut haben

Zusammen mit Knöll verfassten die Angehörigen einen Brief mit Forderungen an die Heimleitung. Aus ihrer Sicht sollte unter anderem der Einsatz von infiziertem Personal mit gesunden Bewohnern sofort gestoppt werden. Am Mittwoch gab es dazu ein Treffen, Korian – der größter Anbieter von Pflegedienstleistungen in Europa – hörte sich die Sorgen an.

Gegenüber den PNN erklärte die Heimleitung auf die Frage, ob es Kontakt zwischen gesunden Bewohnern und infiziertem Personal gegeben hat: „Seit Beginn des Ausbruchs arbeiten wir nach den Weisungen des Gesundheitsamtes und der Behörden. Dazu stimmen wir uns täglich ab. Kein Schritt erfolgt unabgesprochen. Wir halten uns an die Auflagen“, so Horn. Nach Vorgaben des Robert-Koch-Instituts und mit Zustimmung des Gesundheitsamtes dürften laut Horn infizierte, aber symptomfreie Mitarbeiter unter Einhaltung strenger Hygiene- und Schutzvorschriften infizierte Bewohner versorgen. Die eigentliche Frage ist damit nicht beantwortet. Zum Umgang mit dem Corona-Ausbruch heißt es von Korian weiter nur: „Alle Maßnahmen geschahen in Absprache mit dem Gesundheitsamt und den Behörden.“ Um das Personal zu unterstützen, wurden Mitarbeiter aus anderen Korian-Häusern in Dresden und Brandenburg/Havel nach Werder gebracht, im Einsatz seien zudem vier Mitarbeiter einer Leasingfirma. Sie alle würden die Gegebenheiten vor Ort kennen und seien im Umgang mit Covid-19 geschult worden, so Heimleiterin Horn.

Vier Wochen nach dem Ausbruch erfolgte eine Trennung

Die aktuelle Bilanz in Werder: Von den mehr als 30 infizierten Bewohnern des Hauses – insgesamt leben dort 82 Menschen – sind zehn verstorben, 15 genesen, acht weiterhin infiziert. Insgesamt 16 Mitarbeiter sind zuletzt Covid-positiv gewesen, acht von ihnen inzwischen genesen. 

Um die Infektionskette zu stoppen, forderte der Kreis in Absprache mit dem Gesundheitsministerium eine Taskforce an. Vertreter der Heimaufsicht und des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) besuchten am Freitag vor einer Woche das Haus. Der MDK ist so etwas wie der TÜV für Seniorenheime. Der dringende Appell der Experten: Sofort infizierte von gesunden Bewohnern trennen. Seit Montag – vier Wochen nach Ausbruch – gibt es nunmehr einen Corona-positiv- und einen Corona-negativ-Bereich. Derartige Taskforces sollen bei Bedarf jetzt öfter zum Einsatz kommen. Das Gesundheitsministerium will mehrere „Intervention Pflege“-Teams bilden.

Unterstützung und Prämien für Pfleger auf Hermannswerder

Und was wurde im Potsdamer Heim gemacht? Ein Patentrezept gebe es nicht, sagt Frank Hohn, Vorstandsvorsitzender der Hoffbauer-Stiftung. Die Stiftung betreibt zusammen mit dem Bergmann-Klinikum das Heim auf Hermannswerder. Dort waren Anfang April 38 von 80 Bewohnern sowie fünf Mitarbeiter infiziert. Unklar war, wie es zu dem Ausbruch kam. Getestet wurden alle Bewohner und Mitarbeiter, nachdem eine 82-jährige Bewohnerin im St. Josefs-Krankenhaus verstorben war.

In der Seniorenpflegestätte auf Hermannswerder wurde der Ausbruch gut in den Griff bekommen.
In der Seniorenpflegestätte auf Hermannswerder wurde der Ausbruch gut in den Griff bekommen.Foto: Andreas Klaer

„Wir haben die richtigen Maßnahmen mit Sorgfalt umgesetzt“, meint Hohn rückblickend. So wurde das Heim einen Tag nach Bekanntwerden des ersten Coronafalls in zwei Bereiche getrennt, das Team aufgeteilt. Einen Austausch zwischen ihnen durfte es nicht geben. Durch die Unterstützung des Klinikums – in dem es selbst zu einem verheerenden Corona-Ausbruch gekommen ist – konnte zügig getestet werden, so Hohn. Insgesamt soll es nach dem 4. April drei Testungen gegeben haben, getestet wurden alle Bewohner und Pflegekräfte. Zwei Wochen später waren bereits 27 der zuvor 38 infizierten Bewohner wieder genesen, jüngst waren nur noch zwei Bewohner infiziert.

Die Mitarbeiter seien für die Bewältigung der Krise zentral: „Uns war wichtig, sie dabei zu unterstützen, den realen und emotionalen Mehraufwand zu bewältigen.“ Für jeden Anwesenheitstag soll es eine finanzielle Präsenzprämie gegeben haben, wie hoch sie ausfiel, sagt Hohn nicht. Zudem habe es kostenloses Frühstück für die Pflegekräfte gegeben und eine intensive Begleitung mit immer aktuellen Informationen das Haus betreffend.

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