KulTOUR : Von Morgenstern inspiriert

Die Galgenlieder in Bild und Ton. Eine charmante Gala im Theater Comedie Soleil

Gerold Paul
Die Möwe Emma.
Die Möwe Emma.

Werder (Havel) - Schönes gibt es zu berichten aus dem novembertrüben Werder. Einerseits ist die personell und auch konzeptionell gestärkte Comedie Soleil auf einem guten Wege, sich neben ihrer erfolgreichen Gastspielreihe mit „Kikerikiste“ auch wieder theatralisch einen Namen zu machen. Zum anderen geschah am Sonntagabend etwas, was die müden Bretter samt Parkett bisher so nicht kannten: Eine Morgenstern-Gala vor ausverkauftem Haus.

Dazu hatte sich der Freundeskreis Bismarckhöhe im Theater als Gast angemeldet, hoffend, die Comedie werde sich im Frühjahr retour revanchieren. Anlass war die Präsentation eines neuen Buches im Vorfeld zum 100. Todestag des Dichters 2014, das nur Lob verdient. Ein Ding aus Schönheit und Phantasie, ganz Morgenstern, und dennoch ganz von heute aus verstanden. Zudem hat kein Computer dieses Werk in die Fänge bekommen, wenigstens nicht direkt: „Buchbinderische Handarbeit“ ist auf die Impressum-Seite gestempelt. 46 Gedichte von Horst Halling handgeschrieben und in Anlehnung an die asiatische Tuschetechnik von ihm auch illustriert. Ein Sammlerstück, eine exklusive Empfehlung für den Gabentisch.

Der Künstler stammt aus Niederösterreich, seit 2006 lebt und arbeitet er als Maler, Grafiker und Bildhauer in Wilhelmshorst. Er meint, Morgensterns Gedichte samt seines ziemlich freundlichen Bestiariums seien sehr bildkräftig. Gut, unter der Möwe Emma kann sich jeder etwas vorstellen, wer aber wüsste ein Nasobem zu beschreiben, oder den Flügelflagel? Nur ein Mann der Bildkunst!

Auch Rolf Janssen hatte keine geringe Aktie an diesem Morgenstern-Abend. Er stammt aus dem niederländischen Tilburg, wohnt jetzt als freischaffender Komponist, Poet und Sänger in Rehbrücke. Dieser Ort scheint ihn zu ungeahnten Flügen inspiriert zu haben, denn als Nuthetaler hat er bisher 500-mal Morgenstern vertont, meist für seine Gitarre. Sogar „Fisches Nachtgesang“ blieb vor seinen musikalisch-poetischen Intentionen nicht verschont! In einem etwas zu langen Programm trug er diese Lieder am Sonntag mit Charme und Lakonik vor. Eines so originell wie das andere. Warum? Weil Rolf Janssen diese Lyrik musikalisch findet. Das Booklet zu seiner im Selbstverlag entstandenen CD hat übrigens Horst Halling entworfen, auch eine Empfehlung.

Der Dritte im Bunde – das Buch ist ja in enger Zusammenarbeit mit dem Werderaner Morgenstern-Museum entstanden – , war der pensionierte Gymnasiallehrer und Rezitator Jürgen Roßbach, der im Laufe der zwei Stunden immer lockerer wurde. So ließ er sich von diesem „Treffpunkt Galgenberg“ auf eigene Weise inspirieren, je naiver, um so lieber.

Dabei war Christian Morgenstern in seinen Galgenliedern doch ein Poet des Todes. Freund Hein ist in der Liedersammlung ständig präsent, mal holt er Rabe und Mondschaf, mal haucht er andere Wesen nur an. Aber auch das ist ja die sprichwörtliche Nähe zum Galgen. Die dort hängen, sagte man einst, waren und sind Verlorene, sie werden in keiner Welt mehr gebraucht. Da hilft auch irdischer Galgenhumor nicht. Sonst eher schon. Dass das schöne Buch und auch die CD einen Ehrenplatz auf dem Galgenberg bekommen, versteht sich von selbst. Verdienst sollte man immer achten.

Gerold Paul

Galgenlieder von Christian Morgenstern. Nach 100 Jahren illustriert von Horst Halling“ 60 Seiten, projekte-Verlag, 12.50 Euro; Die CD von Ralf Janssen kann unter der Telefonnummer (023200) 609486 bestellt werden.