KulTOUR : Tastendes Vorwärts

Gemäldeausstellung von Leonard Gronau im Kleinmachnower Rathaus

Gerold Paul
Leonard Gronau: Selbstporträt vor steil aufsteigenden Wänden. Repro: pr
Leonard Gronau: Selbstporträt vor steil aufsteigenden Wänden. Repro: pr

Kleinmachnow - Es gibt nicht viele Maler, die ihre scheinbar vollendeten Werke absichtlich Wind und Wetter aussetzen, nur um zu sehen, was erodierenden Prozesse daraus machen. Der gebürtige Berliner Leonard Gronau hat seine „Kinder“ nach draußen getragen. Mal war das Glück ihm hold, mal dem Regen, dem Stürmen, dem Schnee. Er ist also ein Maler, der seine Werke erst mal in eine Prüfung schickt, statt sie zu hätscheln, zu pflegen. Seine Art ist es auch, absichtlich gegen den Strich zu arbeiten, genau mit jenen Farben zu malen, die er nicht ausstehen kann.

Die Ergebnisse überraschen immer wieder, auch ihn selbst. Leonard Gronau, 1980 geboren, Grafikdesigner mit besten Zeugnissen im Hauptberuf, hat den Kreuzberger Großstadtasphalt vor zwei Jahren gegen die „Kleinmachnower Vorgartenidylle“ getauscht. Seine Ästhetik ist einer Art Berufsausgleich geschuldet: Hie die exakten Gesetze des Grafischen am Computer, dort das suchende Spiel um Farbe und Form, die Selbstvergewisserung am freigewählten Thema, das Exerzitium, das Experiment.

Unter dem schönen Titel „Hundert Lila“ kann man seine Arbeiten derzeit im Rathaus Kleinmachnow auf zwei Etagen sehen. Oberflächlich sagt man ihm Freude am Hässlichen nach. Das tut, wer Kunst noch für etwas Schönes hält. Seit der altgedienten Moderne geht man eher der Wahrheit nach, auch wenn sie nicht schön ist. Und noch eines: Als bekennender Subjektivist behauptet er sogar, es gäbe gar keine objektive Wahrnehmung, jeder schaffe an seiner eigenen Wirklichkeit. Das bewahrt vor Discount-Realismus – und mehr als sich selbst könne man ohnehin nicht ausdrücken. Wenn auch in Hunderten Lila.

Die Bedeutung dieser Farbe kann man bei Goethe nachlesen, was sie für Gronau ist, zeigt diese Exposition zu seinem Dreißigsten sichtbar und unsichtbar: Suche, Bekenntnis, Vergewisserung, Abgrenzung, tastendes Vorwärts. Den ihm immer wieder nachgesagten Hang zur Destruktion teilt er mit dem Kleinkind: Es zerstört seinen Turm, damit etwas Neues gebaut werden kann! Ein solches Motiv gibt es auch in der Ausstellung, hier werden die Zwillingstürme, in Dutzenden Lilas glänzend, sinnigerweise „Babel“ genannt! „Zweistromland“, es steht ja groß dran, ist aber ein Stückchen Berlin. Überhaupt Stadtlandschaften: Als lebende Luftbilder notabene für „Bomber Harrys“, ein Selbstporträt vor steil aufsteigenden Wänden, zwei Werke eines Motivs, mal klar und eigen in Farbe und Form, das andere hat seinen energischen, pinselführenden Handschwung erduldet: wie Schneegestöber oder Dauerregen perlen Farbkleckse darüber. Der Trick funktioniert dann aber nicht überall.

Er ehrt seinen Lehrer Hans-Hendrik Grimmling, indem er ihn überwindet, er stellt eigene Probleme „leicht abstrahiert“ dar, wie eigentlich alles: „Kurz vor dem Absturz“ schwebt der Kubus noch, „Mittellos“ flächig ist die Figur mit den überklebten Augen, „Absturz“ (zugleich eine Hommage an seinen Lehrer) zeigt, wie brillant er mit Raum und Perspektive umzugehen versteht.

Leonard Gronau kann nicht nur stante pede aus der „Ilias“ zitieren. Bücher haben es ihm grundsätzlich angetan, aufgeschlagene, zugeklappte, antwortende, nicht selten ein „Schweres Erbe“. Sein Malstil ist kraft- und temperamentvoll, sehr expressiv, vielleicht etwas flink, sein Pinselstrich immer eigen. Eine frische, junge, expressive, lebhafte Ausstellung – und dabei auch noch so ungeheuer Lila!

bis 25. April zu den Öffnungszeiten des Rathauses im Adolf-Grimme-Ring 10

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