KulTOUR : Patchwork der Märchen und Sagen

Ingeborg Lauwaßer greift in ihrem Buch „Im Reich des Wolkenreiters“ Erzählungen aus aller Welt auf

Glindow - Mit der „Geschichte vom weinenden Kamel“ hat es angefangen. Nachdem die Glindowerin Ingeborg Lauwaßer die Dokumentation über eine mongolische Nomadenfamilie und ein neugeborenes Kamel im Fernsehen gesehen hatte, begann sie, sich intensiv mit der Kultur der dünnbesiedelten Steppenregion zu beschäftigen. Und weil die Hobby-Autorin automatisch anfängt, Geschichten im Kopf zu spinnen, sobald sie etwas tiefer in ein Thema eintaucht, wurde aus der neu entdeckten Mongolei-Manie in kürzester Zeit ihr neuer Geschichtenband „Im Reich des Wolkenreiters“.

In dem Buch, das sie selbst herausgegeben hat, erzählt die 58-jährige Glindowerin in einer Rahmenhandlung von dem Jungen Tselmeg, der mit seiner Familie durch die Steppe zieht. Tselmeg wurde blind geboren, hat aber dafür eine besondere Gabe: Er lässt sich vom Wind Geschichten zutragen. Wann immer Tselmeg unterwegs neue Bekanntschaften macht, erzählt er eine der Geschichten.

Bis auf das Märchen „Der Traum des Bettlers Bahadur“, das aus dem Sammelband „Märchen der Völker“ von 1932 stammt, hat Lauwaßer alle Erzählungen Tselmegs laut eigener Aussage selbst verfasst. Als Grundlage bedient sie sich allerdings zumeist aus bekannten Erzählstoffen: So hat sie die Geschichte aus der Dokumentation über das weinende Kamel noch einmal in eigenen Worten aufgeschrieben oder lässt Tselmeg in märchenhafter Form davon berichten, wie der Großmogul Schah Jahan das Taj Mahal als Grabmal für seine verstorbene Lieblingsfrau errichten ließ – auch dies eine wahre Begebenheit, die historisch belegt ist. Daneben hat Lauwaßer Geschichten wie „Die drei Birkenmädchen“ oder „Namar, der Himmelsdrache“ verfasst, die Märchen- und Sagenelemente unterschiedlicher Kulturen aufgreifen. Beim Leser entsteht so zuweilen der Eindruck, einen Teil der Geschichte bereits zu kennen, bevor ihm der vermeintlich bekannte Erzählfaden wieder entgleitet. Lauwaßer versteht es dabei jedoch immer wieder, ironische Distanz zu ihren Figuren aufzubauen. Wenngleich die Erzählungen an sich dem Leser vermutlich nicht allzu innovativ erscheinen mögen, so kommen sie dadurch doch immer mit einer Prise erfrischendem Humor daher.

Für die Geschichten habe sie viele kulturelle Details im Internet oder aus antiquarischen Büchern recherchiert, sagt Lauwaßer. „Manches habe ich nacherzählt, anderes habe ich mir einfach ausgedacht“, sagt die Hobby-Autorin. „Ich mag es, Geschichten zu verknüpfen.“ Dasselbe Prinzip hatte Lauwaßer schon in ihrem Buch „Fanras, der Fuchs. Sagenhaftes Werder“ angewendet. Darin hatte sie Tiere 16 Geschichten erzählen lassen, die sich mit der Werderaner Heimathistorie befassen.

Lauwaßer zog im Jahr 2000 von Berlin in die Blütenstadt, nachdem sie ihren heutigen Ehemann auf einer Geburtstagsfeier auf der Elisabethhöhe kennengelernt hatte. Anfangs führte sie ein Antiquariat auf der Insel, inzwischen verkauft sie einzelne Stücke nur noch über einen Online-Shop. Hauptberuflich ist sie in der Öffentlichkeitsarbeit der Awo tätig. Daneben hat sich die Hobby-Autorin inzwischen mit Büchern wie „Die Abenteuer der Zwiesel“ oder ihrem Katzenkrimi „Antayo“ regional einen Namen gemacht. In der Regel arbeitet Lauwaßer für ihre Publikationen mit Künstlern aus der Region zusammen. So hat für „Im Reich des Wolkenreiters“ der Werderaner Architekt und Illustrator Tino Würfel das Titelbild beigesteuert. Julia Frese

– Ingeborg Lauwaßer:Im Reich des Wolkenreiters.

Verlag „Havel-Künstler“, Werder (Havel) 2018. 145 S., 9,80 €.