KulTOUR : Papiertheater statt Mattscheibe

„Galerie Altstadthof“ will vergessene Kunst beleben / Zwei gerade austeilende Künstlerinnen sollen helfen

Gerold Paul

Teltow - Natürlich war alles viel besser, damals, als es weder Radio noch Fernsehen gab. Als Hausmusik den Konzertsaal ersetzte und Familienaufführungen die großen Bühnen der Welt. Alles sollte, alles musste plötzlich ins biedermeierliche Wohnzimmer passen, und das tat es dann auch: Um 1810 wurde in Deutschland und England das „Papiertheater“ erfunden. Pfiffige Unternehmer machten sich bald daran, es mit Personage und Kulissen auszustatten.

Bekannt für solche „Bilderbögen“ ist beispielsweise die Firma Gustav Kühn aus Neu-Ruppin, die bis 1939 produzierte. Die meist handkolorierten Litho-Bildchen wurden ausgeschnitten, auf schmale Leisten geklebt, von der Seite her auf die Szene der Mini-Guckkastenbühne geschoben – und schon konnte man sich die musikalische wie dramatische Weltliteratur in die gute Stube holen. Ganz ohne Strom und Kybernetik. Wäre diese Art von Kultur nicht so schnöde vergessen worden, die Erfindung der Television wäre uns wahrscheinlich erspart geblieben. Das Papiertheater war ja auch eine Art Fernseher, nur eben viel schöner.

Pünktlich zur Eröffnung der neuen Ausstellung „Farben zweier Leben“, mit Arbeiten der Künstlerinnen Helma Hörath und Maria Hein wurde am Wochenende in der Teltower „Altstadthofgalerie“ erstmals auch ein Plan zur Wiederbelebung dieser alten Kunst präsentiert. Die Intendanten des „Teltower Zimmer Theaters“ (TZT), sind Helma Hörath, Maria Hein und der Galerist Dieter Leßnau. Am Sonntag wurde auch die von Leßnau gebaute Guckkastenbühne erstmals aufgebaut.

Zum Teltower Kunstsonntag im November wird Selma Höraths Stück „Wer ist der richtige Eulenspiegel?“ zusammen mit dem Kunstprojekt TZT Premiere haben. Geplant sind szenische Lesungen und dramatische Produktionen von und nach Werken märkischer Dichter, allen voran Theodor Fontane. Die Intendanten suchen noch ehrenamtliche Mitarbeiter aber auch Texte, die in der Potsdamer Straße 74 auf Spieltauglichkeit geprüft werden. Unter anderem planen die Drei Theatermacher Werke zu Heimatgeschichte und der Sagen- und Märchenwelt.

Die kleine „Kunstwerkstatt“ von Andrea Lasson gleich nebenan hat ihre Mitarbeit bereits zugesagt. Wenn dann der Laden erstmal läuft, werden viele Teltower bald entdecken, dass so ein TZT tausendmal kreativer und geselliger ist, als die einsam machende Mattscheibe zu Hause. Aber so ist das ja auch gedacht.

Der Titel der Ausstellung „Farben zweier Leben“ verweist ganz direkt auf die Vita der beiden Künstlerinnen. Manchen der sehr gefälligen Arbeiten von Maria Hein sieht man ihre berufliche Herkunft als Designerin noch an. Ihre langjährige Freundin Selma Hörath zeigt Text-Bild-Collagen sowie Monotypien. Obwohl eine Titelliste ausliegt, sind die einzelnen Werke nicht gekennzeichnet – jeder Betrachter soll selber herausfinden, welcher Titel zu welchem Werk gehören könnte.

Nicht unproblematisch, allzu leicht könnte ja ein Schalk daherkommen, um eigenwillig ganz andere Titel wie „Schlunkerpause“ oder gar „Achtelhering“ darunterzusetzen. Oder ist doch nicht alles möglich, respektive „erlaubt“, im Lande dieser Bilder? Eulenspiegels Geist ist schon so nahe! Dem Projekt „Papiertheater in und für Teltow“ deshalb einen guten Start!

„Farben zweier Leben“ ist bis zum 2. Oktober, immer Dienstag bis Donnerstag zwischen 14 und 18 Uhr geöffnet.