KulTOUR : Holzkisten mit Verantwortung

Kunst zum Holocaust-Gedenken

Gerold Paul

Kleinmachnow - Niemand möchte gerne gefangen, gefesselt, gefoltert und gemordet sein, zu keiner Zeit, nie. Insofern weist die brandaktuelle Ausstellung im Kleinmachnower Kunsthaus „Brücke“ über ihren Anlass, den Holocaust-Gedenktag, weit hinaus. Ganz Kleinmachnow und Umgebung waren gerufen, sich dem Leitthema „Verantwortung“ zu stellen. Dazu konnte man sich von der Arbeitsgruppe Stolpersteine extra gebaute Holzkisten im Format 70 mal 50 Zentimeter abholen, um sie auf möglichst künstlerische Weise mit eigenen Ideen zu diesem Thema zu füllen.

Fast hundert Assemblagen kamen zum ehrenamtlichen Auftraggeber zurück, wohl präpariert von Schülern, Studenten, von halb- oder professionellen Kunstschaffenden sowie sonstigen Bürgern des Ortes. Alle Altersstufen hatten sich zu Wort gemeldet, 111 Beteiligte, eine beeindruckende Bilanz des guten Willens, aber auch der Schaffenskraft. Joseph Beuys hätte seine helle Freude an dieser Mitmach-Aktion gehabt, für ihn war ja jeder Mensch ein Künstler auf Erden.

Nun wird der Holocaust-Gedenktag in dieser Sonderschau ganz unterschiedlich reflektiert. Er stand einmal für den unmittelbaren Anlass, fürs historische Eingedenken, was sich vielfältig widerspiegelte. So haben besonders Jugendliche versucht, mit Stacheldraht, Davidstern, mit Blechnapf, Haar- und Kleiderresten KZ-ähnliche Situationen nachzustellen. „Was ist der Mensch, was bleibt von ihm übrig“, steht als bange Frage im Raum. Der Nachbau eines Schienenstrangs von daheim bis an die Tore von Auschwitz. Ein anderer Schaukasten imitiert des Holocaust-Denkmal in Berlin, der Schaukasten ist quasi voller Steine.

Auch das gequälte Tier, Umwelt und Erde werden in die Verantwortung genommen. Besonders eindrucksvoll ist, was drei Schüler sich ausgedacht haben. Sie teilen ihre Kiste in zwei Teile, die eine Hälfte die Schergen mit Waffen und Mordwerkzeug, eine Stätte der Gewalt, obendrüber das entlarvende Transparent „Wir haben gefoltert“. Diesseits der hohen Mauer eine Gruppe von Zivilisten, für Frieden und Menschenrecht demonstrierend. „Die bittere Wahrheit“ wurde mit Legosteinen und Zahnstochern gebaut, genial!

Aber Verantwortung endet bekanntlich nicht im Gestern. Schopenhauer meinte ja, kein Mensch habe je in der Vergangenheit gelebt, sondern immer nur in seiner Gegenwart. So war es damals mit dem Arzt und Pädagogen Janusz Korczak, der mit seinen schutzbefohlenen Kindern ins Lager ging, so ist es heute, wenn „Verantwortung“ in einer Kiste voller Bücher steckt oder als Tüte mit sich herumgetragen werden kann, wie Verantwortung eben zu tragen ist, als eine Art Pflicht, oder auch Bürde.

Auch auf der gehobenen Ebene finden sich eindrucksvolle Zeugnisse der Kleinmachnower Bürgerschaft, zum Beispiel die Assemblage mit drei verschiedenen Uhren und dem Satz „Die gleiche Zeit, die es dauert, über die Vergangenheit zu trauern, hat man zur Verfügung, um die Zukunft zu gestalten“. Oder den bekannten Satz, wonach die Erde angeblich nicht von den Eltern vererbt, sondern von den Kindern in spe geliehen sei.

Zweimal aber entdeckt man den alten Lateinerspruch, wonach die Zeit alle Wunden heile. Da muss es wohl eines Tages auch hin, falls die Menschen tatsächlich alle Vollmacht über die Erde haben. Ohne Verantwortung ginge das nun tatsächlich nicht, wohl aber ohne Folter, Terror und Mord. Gerold Paul

Bis 8. Februar, Zehlendorfer Damm 200, Mo. bis Fr. 18 – 20 Uhr, Sa. und So. 12 – 18 Uhr. Am morgigen Mittwoch um 18.30 Uhr wird zum Gespräch mit Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein eingeladen, Thema: Brauchen wir eine Gedenkkultur?

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