KulTOUR : Galerie mit Sternenhimmel

Rainer Gottemeier und Susanne Specht agieren sensibel in Kleinmachnow.

Richard Rabensaat

Kleinmachnow - Aus vielen Tausend Punkten besteht das „irdische Firmament“ im Kunsthaus „Die Brücke“ in Kleinmachnow. 44 Glastafeln des Künstlers Rainer Gottemeier fügen sich zu einer Installation. Gefertigt sind sie aus einem speziellen, fluoreszierenden Glas. Das so beschaffen ist, dass sich das Licht an den Rändern der Bohrungen sammelt. So strahlen die Tafeln ein wenig nach, wenn die Deckenbeleuchtung der Galerie ausgeschaltet ist. „Ich hatte mir das Bohren schneller vorgestellt. Man muss sehr vorsichtig bohren, sonst sieht es nicht gut aus und die Tafeln zerkratzen“, erläutert der Künstler.

Rainer Gottemeier und Susanne Specht zeigen im Kunstraum gemeinsam ihre neusten Arbeiten. „Der Raum ist nicht so ganz einfach. Da sind diese Wände, die Aufteilung in mehrere Räume“, sagt Gottemeier. Wegen der Besonderheiten des Raumes sei ein spezielles Konzept notwendig gewesen. Also hätten er und Susanne Specht sich die Wände angeschaut, die nur teilweise verputzt sind. Schichten vergangener Leben lagern sich palimpsestartig übereinander: die Unebenheiten, die Reste von Tapeten, der Kalk, das Mauerwerk. Alles ist sichtbar. Mit dünnem Papier und Bleistift habe Gottemeier die Struktur der Wände abgenommen. Die Bohrungen auf den Tafeln nehmen diese kleinen Krater und Erhebungen in der Wandfläche wieder auf. In Gelbgrün und Orange, sorgsam arrangiert, korrespondieren die Glastafeln mit der rauen Oberfläche aus abgerissenen Tapeten, nur teilweise ausgeführtem Putz und alten Mustern, die unter der renovierten Oberfläche noch immer durchscheinen. Die vielen unterschiedlich großen Punkte im Glas: die Assoziation an einen Sternenhimmel liegt nahe. Und tatsächlich entspricht die Anzahl auch genau derjenigen der Sterne am Firmament. „Wenn wir beginnen, die Sterne zu zählen, kommen wir ungefähr bis 5000“, sagt Gottemeier. Deshalb die 5000 Bohrungen in dem Spezialglas.

Dementsprechend lauten die Titel der Tafeln: „Wo eine neue Zeit kocht“, „Sternenwolken“, „Zeitschichten“. Aber Gottemeier zeigt auch einige Skulpturen, geformt aus leuchtendem Neonröhrenglas: „Raumzeitäander“, „Ikarus Reset“. Das Licht, die Zeit, der Sternenhimmel, ihren Reiz beziehen die Arbeiten Gottemeiers aus der poetischen Verknüpfung mit den Grundelementen des Universums und der Poesie der Sprache, die Titel und Objekte begleiten.

Lochmuster finden sich auch in den Objekten von Susanne Specht. Schwarze, schrundige Formen hängen lappig unter der Decke oder an der Wand. Sie hat die hell durch das schwarze Gummi hervorscheinenden Ausstanzungen zu rechten Winkeln und geometrischen Formen angeordnet. Die entstehenden Muster erinnern vage an Schaltpläne oder andere sinnreiche Strukturen. Aber es ist offensichtlich, dass nur die Form an sich, die Schönheit des Objekts um seiner selbst willen gemeint ist. Meist arbeitet die Künstlerin mit geschichtetem Glas, aus dem sie geometrische Formen schneiden lässt, die sie anschließend zu Skulpturen zusammenbaut. Auch in der Ausstellung findet sich ein Objekt, das aus mehreren übereinandergelagerten Holzplatten und Glasschichten besteht, passenderweise „Schicht für Schicht“ betitelt. „Formendlos“ nennt Susanne Specht einige Werke, die sie mit einem 3D-Drucker hat formen lassen. Kurven und Geraden verbinden sich zu Formen, die nie etwas Bestimmtes meinen oder benennen und doch in sich stimmig wirken. Sie korrespondieren in ihrer beigen Farbigkeit und ihrer makellosen Materialität mit der Schrundigkeit der Wände und dem unebenen Untergrund.

So haben die beiden Künstler in einer umfangreichen Recherche vor Ort eine Ausstellung entwickelt, in der die Objekte und Formen mit der Zeit und dem Raum der Präsentation verschmelzen. Dies schafft eine ganz neue Spannung und ermöglicht eine Erfahrung des Ortes, die einen Blick auch auf die Geschichte des Hauses und die Verbindung von Raum und Zeit durch die Kunst ermöglicht. Richard Rabensaat