KulTOUR : Flamenco de luxe

Die Glindower „Obstkultur“ verbindet Kunst mit lukullischen Genüssen

Gerold Paul

Werder (Havel) - Den Sommer mit südlichem Flair zu feiern stand diesmal auf der Veranstaltungsliste des Gästehauses „Obstkultur“ mitten in Glindow am Glindower See. Seit 2008 schon bieten hier Christian Eckhoff und seine Gattin nicht nur Übernachtungen und Seminarräume an, sondern auch interessante Kulturofferten. Spezialität dieses Hauses: Lesungen, Reiseberichte oder Konzerte mit dem passenden „Kochtopp“ des entsprechenden Landes zu verbinden.

Wenn nun am sonnigen Samstagabend Abel Sanchez und Jonas Fehrenberg auf ihren Gitarren feurige Flamencoklänge vorstellten, darf man raten, was diesmal lukullisches geboten wurde. Richtig, die andalusische Küche, zumal Sanchez selbst ein geborener Andalusier ist.

Nun kennt den Flamenco zwar jeder, keiner aber weiß so genau, was das eigentlich ist. Zuerst mal ein südlich-sommerliches Lebensgefühl, das sich ganz unverwechselbar in und als Musik ausdrückt, und zwar rein instrumental. Oder mit Gesang und Kastagnetten, oft ist auch ein Cajon dabei, die sogenannte Rumba-Kiste.

Diese Art von Kultur ist den Andalusiern so wichtig, dass der Flamenco ab sofort in den Lehrplan der Schulen aufgenommen ist. Es gibt also noch Gegenden, wo man auf Tradition hält. Also ist dieser Flamenco ad hoc eigentlich gar nicht zu fassen. Er besteht aus notierten und variablen Teilen, die wiederum in Hunderten Spielarten oder Flamenco-Stilen dargestellt werden können. „Das ist so, als ob man sagt, ich spiele jetzt einen Walzer“, meint Jonas Fehrenberg, zugleich Neffe des Gastgebers und Hausherren. Dann höre man einen Walzer, ohne den Titel zu kennen.

Die meisten der vorgestellten Titel seien nach der Stilart benannt, also Buleria, Taranta, Alegria. Die technische und musikalische Virtuosität der beiden Gitarristen ist ganz enorm. Nicht nur, weil sie die mehr als dreizehn Parts sämtlich aus dem Kopf spielten. Auch die Feinabstimmung zwischen Medodie und Rhythmusteilen, die duchaus wechseln können, war einfach fantastisch. Flamenco de luxe von der ersten bis zur letzten Note, sozusagen „reine Kunst“.

Dazu gehört auch die Anzahl festgelegter Griffe und dazugehöriger Schläge mit Daumen oder Hand. Von der Stimmmung her war zwischen feurig und klagend eigentlich nichts ausgelassen, nur die pure Lebensfreude schien im phrygischen Gefüge zu fehlen. Da der Takt ständig und oft blitzartig wechselt und eine Bulerias beispielsweise bis zu 230 Viertelnoten pro Minute aufbringt, sind Mitschwingen oder ähnliche Sympathiebekundungen des Publikums völlig ausgeschlossen, man kommt sofort wieder aus dem Rhythmus.

Natürlich sind die Introduktionen und die Finalpassagen bei jedem Stück besonders wichtig und wirkungsvoll. Wenn im Konzertraum dieser Kultur-Oase das Schild „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“ hängt, dann muss man wohl „Kultur auch“ hinzufügen.

Aus Eckhoffs Hausküche kamen für die 40 Gäste diverse Tapas, spanische Tomatensuppe, Pflaumen im Speckmantel und weitere iberische Köstlichkeiten. Das Menü wurde zwischen dem ersten und dem zweiten Teil des starken Konzertes gereicht, die lukullische Pause dauerte 45 Minütchen. Na also, wenn schon nicht Andalusien, dann eben Glindow, Olá! Fünfmal noch bis zum Jahresende bietet „Obstkultur“ seine Veranstaltungen an, Reiseeindrücke aus Indien und Portugal, ein Abend mit Frida Kahlo und anderen sowie eine interessante Buchlesung, Gästespeisung nach Landessitte jeweils inklusive. Gerold Paul