KulTOUR : „Extrem modern“

Nachbarschau: Kleinmachnow und Zehlendorf

Gerold Paul

Kleinmachnow - Die Zehlendorfer, so steht es Guido Zenkerts „Heimat-Magazin 2011“, hätten sich eigentlich schon immer mehr ihrem südlichen Umland zugehörig gefühlt als dem metropolen Norden. Das freut einen natürlich. Sollte es trotzdem noch eines Beweises bedürfen, so fände man ihn jetzt in der aktuellen Ausstellung im Kleinmachnower Rathaus. „100 Jahre Nachbarschaften in der Metropolregion Kleinmachnow & Zehlendorf“ heißt die Schau etwas umständlich, und nach ihrem Auftritt im Rathaus Zehlendorf sollte nun auch kein Hiesiger versäumen, ihr seine Aufwartung zu machen.

Sie vereint auf zwölf Schautafeln Zeit- und Sozialgeschichte, Architektur und Baugeschehen der Region, lässt auch die personelle Seite nicht außer Acht. So ist zum Beispiel die Geschichte der U-Bahn hier eng mit dem Namen des Bauunternehmers Adolf Sommerfeld verbunden. Um seine „Entwicklungsgebiete“ in Zehlendorf und Kleinmachnow ordentlich zu vermarkten, finanzierte und realisierte er die Bahn-Verlängerung von Dahlem bis Krumme Lanke Ende der 20er Jahre aus eigener Tasche. Die projektierte Verlängerung via Mexikoplatz bis zum Teltowkanal sei im Ortsbild Kleinmachnows noch heute deutlich zu erkennen. Auch im zwanzigsten Jahr der Einheit, heißt es auf der Tafel „Metropole/Verkehr“ weiter, habe das öffentliche Nahverkehrsystem dieser Nachbarschaft den Vorkriegsstand noch nicht wieder erreicht.

Der Viertel sind viele, alle randvoll mit Geschichten. Als „extrem modern“ beispielsweise galten die Einfamilienhäuser der „Villen-Parzellen-AG“ rund um die Fontanestraße in Kleinmachnow Anfang der 30er Jahre. Obwohl die Nationalsozialisten nach 1933 solch kubische Häuser mit Flachdach nicht mehr genehmigten, fanden gewitzte Architekten immer einen Weg, den Behörden zu trotzen: Die geforderten Walmdächer wurden halt so konzipiert, dass sie fast wie ein Flachdach aussahen. Daran wirkten Baumeister wie Walter Gropius, Hermann Henselmann, hier wohnten die fortschrittshörigen Promis, der berühmte Schauspieler Friedrich Kayßler etwa, Morgensternfreunden unter dem Namen Gurgeljochem bekannt. Er wurde von den Russen erschossen, als er sich schützend vor eine Frau stellte.

Auch dem Zehlendorfer Wonnegau-Viertel südlich der Rehwiese verpasste die Baupolizei in den dreißiger Jahren strenge Regeln. Nur zwei Hausformen wurden ob der schönen Einheitlichkeit wegen noch zugelassen, das Sattelhaus- und das Zeltdachhaus. Als Kleinmachnower Besonderheit gilt das Robert-Bosch-Viertel am August Bebel-Platz mit seinen Mehrfamilienhaus-Zeilen. Die kriegswichtige Firma kümmerte sich ums Personal, liest man da. Das Projekt wurde 1941 zwar unvollendet eingestellt, die fertigen Häuser aber bezeugen hoch heute den damals modernen Heimatschutz-Stil mit seinen Sgrafito-Verzierungen.

Freilich findet man in dieser von den Kuratoren Nicola Bröcker, Andreas Jüttemann und Celina Kress klug gestalteten Exposition auch Landflüchtiges, wie die Tafeln zur Kolonie Dreilinden und dem Kleist-Viertel gleich gegenüber beweisen. Erstaunlich genug, wie nahe diese nachbarschaftliche Darstellung den Besucher an das Thema heranführt und ihn „nachhaltig“ festhält. Unmöglich, dem Rathaus-Foyer ohne Zuwachs an Wissen und Sympathie zum Thema wieder den Rücken zu kehren. Nachbarschaft ist ja immer gut, gute erst recht – und auch heute „extrem modern“! Gerold Paul

bis 11. März im Rathaus Kleinmachnow Mo. Mi. Fr. 9-17 Uhr, Die und Do. 9 - 19 Uhr

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