KulTOUR : Der große Koeppel einmal anders

Die meisten Menschen nutzen ihren Urlaub, um mal so richtig abzuschalten. Des Künstlers Seele aber schläft oder feiert nicht, wie man früher sagte. So einer muss wohl auch der international renommierte Künstler Matthias Koeppel sein.

Gerold Paul

Werder (Havel) - Die meisten Menschen nutzen ihren Urlaub, um mal so richtig abzuschalten. Des Künstlers Seele aber schläft oder feiert nicht, wie man früher sagte. So einer muss wohl auch der international renommierte Künstler Matthias Koeppel sein. Seine Bilder sind weltweit unterwegs, sogar die hohe Politik Berlins schmückt sich mit ihnen, im Schöneberger Rathaus beispielsweise. Dabei ist Koeppel weder ein Paladin des Staates noch eine echte „Stütze der Gesellschaft“. Er ist Künstler, und kein schlechter, obwohl er „hoch gehandelt“ wird.

Seine Werke hängen überall, aber das genügte dem Kurator der Werderschen Stadtgalerie nicht, er wollte Koeppel „einmal anders“, nämlich als Urlauber. Und so hängt nun, an schneeweißer Wand und Reih an Reih, was der Wahlberliner quasi unterwegens sah und erlebte, in Ligurien, der Bretagne, in Südtirol, der Nordsee, Marokko, Korea. Natürlich kann und wird man bei einem wie ihm keine „richtigen“ Landschaftsbilder erwarten, sonst wäre er ja nicht ein Mitbegründer der „Schule der Neuen Prächtigkeit“ und des „Hyperrealismus“. Erstere wollte – angesichts ausufernder Abstraktionen in den Siebzigern – den „Realismus“ zu neuen Ehren bringen. Hinter dem zweiten Begriff aber verbirgt sich eine kritische Distanz zu ihm, man stellt die Dinge dar, aber leicht verfremdet, bissig, satirisch. Koeppel stellte sich also gleich zweimal gegen den Mainstream. Und ein drittes Mal, wenn der heute 80-Jährige all diese „Ismen“ unter dem Kürzel „Neokubismus“ (das ist, wenn die Geometrie ins Bild reinbricht) entweder neu mischt, wie etwa im Bild „Dicke Mädchen haben schöne Namen“, oder sie allesamt mit Selbstironie und Humor zum Teufel schickt – „einfach noch mal neu anfangen!“.

Abstand, bloß nichts eins zu eins nehmen, Augenzwinkerei, wenn man sich die lange Warteschlange zum Ferienflieger ansieht – mitten in der Wüste, kein Tower, keine Piste. Und der Maler selbst oft mit im Bild. Weite Himmel mit Hang zum blauen oder rötlichen Grundtontiefer Horizont. Nicht selten ist eine Cola-Dose mit im Bild. „Realismus“ auf den ersten Blick, doch beim zweiten ist alles anders. Brautjungfern streben nackig durch Weinberge hindurch nach St. Sebastian in Südtirol, er selbst mit kubistischer Strichführung und voller Bescheidenheit als „Pharao“, der Pegelstandsmesser mit einer ungewissen Nackten, die Seehund-Bilder, die Gänseherde in einem griechischen Hafen – „Koeppels Merk-Würdigkeiten“, so der Ausstellungstitel, sind witzig skurril, manchmal aber nur nach Art der Wadenbeißerei: Vor der Macht ist jeder Künstler ja doch nur ein Narr.

Wichtiger ist, mit der Realität spielen zu können, „Hyperrealismus“ zum Beispiel, dann wird alles wie von selbst zum Exempel, im Goetheschen Sinn. In Südkorea etwa, der Heimat seiner Frau Sooki, malt er 2005 einen Wasserfall „realistisch“. Allein die obligatorische Cola- Dose addiert hier eine neue Dimension dazu, und also auch ins Bewusstsein des Bildschauers. „Urlaubsbilder“ also aus 35 Jahren. Da hat man selbst sich verändert, verwandelt, und mithin auch das Bild seiner Bilder. Eine kluge Malerei, lebendig, witzig, so merkwürdig nah, doch so merkwürdig fremd! 

Kunstgeschoss Werder, Uferstraße 10, geöffnet bis 1. Oktober donnerstags, samstags und sonntags von 13 bis 18 Uhr

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