KulTOUR : Der geballte Süden

Neue Ausstellung im Kleinmachnower Z 200

Gerold Paul

Kleinmachnow - Manchmal passt einfach alles perfekt zusammen, der Raum, die Personen, die Werke. So gesehen in der aktuellen Ausstellung des Kleinmachnower Landarbeiterhauses am Zehlendorfer Damm 200. Zu sehen sind Zeichnungen und Skizzen des Kleinmachnower Autors und Karikaturisten Harald Kretzschmar und Kleinplastiken aus der Hand von Rainer Kessel, Bildhauer und Skulpturist. Es ist eine richtige Sommer-Ausstellung, luftig und leicht, und doch nicht ohne Tiefsinn – Kunst bewegt sich ja nur in der geistigen Dimension, sie kann und will also Geist sein, mit und im irdischen Kleid. Was aber sieht man, was bildet und schafft dann eigentlich neu, beim Besuch der kulturträchtigen Gestade Italiens, oder wenn man die archaischen Tiefen der Mythologie besucht?

Harald Kretzschmars Teil am Ganzen ist seinem 85. Geburtstag gewidmet, und damit auch „ein bisschen Nostalgie“, wie er sagte. Reiseskizzen aus dem Süden, und was daraus wurde. Die gut 30 Arbeiten sind auf alle vier Ausstellungsräume verteilt. Beim Entree begegnet einem, was der begnadete Zeichner exklusiv für das „Z 200“ in den letzten vier Wochen geschaffen hat, in Raum 2 hängen seine „Abstrakta“. Dann kommen die farbigen Arbeiten, mit Farbstift und Fineliner gemacht, im KultRaum dann die „Beweise“, eine Sammlung von Originalblättern aus seinem Reiseskizzenbuch, anstelle eines Fotoapparates. „Man kann doch im Urlaub nicht einfach rumsitzen!“, behauptet seine betrachtende Muße. Oder war’s gar die Muse?

Also wird eine Straßenfassade gezeichnet, das Pärchen vor dem Bistro, Sizilien, Kreta, Ischia, die Hänge von Delphi. Neben Tuschefeder-Zeichnungen, die eigentlich am klarsten und schönsten sind, setzt er manchmal auch Acryl hinzu, auch Gespachteltes ist dabei. Gut zu sehen, wie sich das „Bild“ seiner „Mediterra-Zeichnungen“ in 25 Jahren geändert hat.

Mit Ross und Reiter, Drachentöter und Helmkopf bekommt man es bei Rainer Kessel zu tun. Wunderbar klare Arbeiten aus einer Kupfer-Zinn-Legierung, wie sie nur Zeitlosigkeit hervorbringen kann, Patina inklusive. Wer die Pferde versteht, kann auch die Kopfgeste von Don Quijotes Ross Rosinante verstehen. Sancho dabei, wunderbar. Der Künstler ist offenbar ein Pferdenarr, mal verschmelzen Ross und Reiter zu einer leicht angefressenen Masse, mal wälzt sich ein solches Tier auf dem Rücken. Feingliedrig, ausdrucksstark, ja vollendet, was Kessel da schafft. Unter Glas bekommt manches noch mehr inneren Glanz. Hohe Schule der Kunst! „Die Geburt eines Helmkopfes“ stammt aus einer Serie, der hier gezeigte Helm hat Gesicht und Charakter. Manchmal erinnert so eine Formensprache an Pasolinis Film „König Ödipus“. Letztlich läuft ja alles auf das Archaische hinaus, auf die „kleine Ewigkeit“ sozusagen, nur wissen viele Künstler davon noch nichts. Mit Rainer Kessels Skulptur gesprochen: „Athene hat sich noch nicht entschieden“.

Geballter Süden also im Landarbeiterhaus, wo dem braven Denkmalschützer jeder Tapetenrest heilig ist. Hier passen die beiden Künstler bestens hinein, ihr Werk, ihre Kunst. Eine perfekte Ausstellung, vielleicht die beste bisher. Gerold Paul

Landarbeiterhaus Kleinmachnow, Zehlendorfer Damm 200, zu sehen bis 26. Juni, Sa und So, 14 bis 18 Uhr.