KulTOUR : Bekennender Menschenmaler

„Bruder Luther“ und die Speisekarte: Ein Blick zurück und ein Blick voraus mit Rainer Ehrt

Gerold Paul
Viel beschäftigt. Julia und Rainer Ehrt in ihrem Atelier.
Viel beschäftigt. Julia und Rainer Ehrt in ihrem Atelier.Foto: Manfred Thomas

Kleinmachnow - Ein offenes Atelier zur Adventszeit, so außerhalb der regulären Anlässe? Ein Schalk, wer Grobes dabei denkt! Das Kleinmachnower Künstler-Ehepaar Julia und Rainer Ehrt öffnete am Wochenende die ihren, und das war selbstverständlich gut so, denn sie haben viel zu zeigen und zu bieten. Beide sind ja so bekannt wie auch so präsent, dass man sie nicht mehr vorstellen muss, die Dame mehr in der Welt des Holzes, der Herr mehr bei der Produktion von Bildern und kunstvoll gearbeiteten Büchern, die auch schon mal Raum für eigene Texte finden.

Schon beim Garten-Entree sieht man seltsam blaue Holzgestalten fast lebensgroß im Winterwind, gegenüber formt ein Kopf gerade seinen Schrei, fast wie bei Munch. Drinnen dann bei Rainer Ehrt, ja was erwartet man denn – Bilder an Wänden, in Regalen, Tische mit Mappen und seiner Buchproduktion, vom fast noch druckfrischen Kalender zum Lutherjahr 2017 über seine Preußenbücher bis zu Heiner Müllers „Mommsenblock“, eine Bestellliste zu „Bruder Luther“ aus der Edition Ehrt (16 Titel seit 1994) liegt gleich daneben. Das ganze Spektrum, er ist sozusagen ein vielseitig ausgebildeter und auch vielseitig interessierter Künstler, dazu ein bekennender „Menschenmaler“ mit ungewöhnlichem Fleiß. Und hat auch Ansichten zu Politik und Weltgerechtigkeit. Dies alles sind heute beinahe schon Extratugenden, „alte Schule“ eben, er ist eben ein „Giebichensteiner“ der 80er-Jahre, das heißt immer „Qualität“. Alles in allem eine hervorragende Grundlage, beim offenen Werkatelier mit ihm zu plaudern, zu fragen, warum er Luther zum Wahlbruder nimmt, weshalb ihn der Alte Fritz einfach nicht loslässt. Warum die Welt so ist, wie sie ist. Und wie er sie in seiner gründlichen Belesenheit abbildet, vorgeformt durch Kafka, Rilke, Müller, Friederich, Brecht und eben Luther, den großen Weltveränderer, den er durchaus kritisch sieht, dessen „religiösen Rigorismus“ er aber durchaus zu schätzen versteht. Wer hat ihm die Figuren „vorgemacht“? – „Mein Kollege Cranach!“

Es war ein gutes Jahr für ihn, ein sehr produktives in der Bildermacherei, ein erfolgreiches in Sachen Ausstellung wie auch sonst: Wohl dem, der so sein Brot verdient und doch den Künstler in sich nicht verleugnet! Natürlich macht so ein opulentes und anerkanntes Lebenswerk stolz. Aber es wird auch sehr viel. So hat er gerade eine ansehnliche Schenkung (Cartoons) an das Satiricon Greiz gemacht, aber auch bei sich daheim mal etwas „ausgemistet“.

Besuch ist da, man verhandelt. So schweift der Blick, und wartet. Hinten im Atelier zwei angefangene Arbeiten, eine nackte Flötistin als Schlangenbeschwörerin, eine zweite tanzt dazu, dieweil sich am unteren Bildrand drei abstruse Zwerge boshaft verlustieren. Oder „Die drei Gesichter des Baal“ als Holzskulpturengruppe frei nach Brecht, mit der er sich erstmals im Bronzeguss versuchen will. Bekennende Figürlichkeit. Man dürfe nie bei einem Erfolg stehenbleiben, sagt er nachdenklich. Auch in der Druckgrafik ist das so, „tut man nichts, so verlernt man es“. Und erprobt sich jetzt an „skriptualer Zeichnung“.

Rainer Ehrt ist als Cartoonist, Grafiker, Maler, Bildhauer und Schöpfer schöner Bücher sozusagen „gut im Geschäft“. Eine Ausstellung nächstes Jahr in Potsdam wird gerade konzipiert, er ist in zwei guten Galerien Dauergast, er hat sogar aus dem Reich der Pirckheimer-Gesellschaft Aufträge bekommen, unter anderem die Gestaltung einer Speisekarte. So so, sagte sein Kollege Alfred Hrdlicka nicht, alle Kunst ginge vom Fleische aus? Wenn das kein „gefundenes Fressen“ ist, für einen wie Ehrt... Gerold Paul

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