Kommentar : Die Absage der Baumblüte ist für Werder eine Chance

Die Absage des Baumblütenfestes hat verständlicherweise viele vor den Kopf gestoßen. Doch Werder kann an diesem Beispiel viel lernen - zum Beispiel Bürgerbeteiligung. Ein Kommentar.

Die Eröffnung des Baumblütenfestes 2019.
Die Eröffnung des Baumblütenfestes 2019.Foto: Sebastian Gabsch PNN

Werder (Havel) - Werder ist in Aufruhr wie schon lange nicht mehr. Die Absage des traditionellen Baumblütenfestes ist das Thema in der Stadt und wird sehr kontrovers diskutiert. Viele Werderaner sind mit dem Volksfest groß geworden, für sie gehört es zur Stadt wie der Obstbau und eben die jährliche Baumblüte. Viele wirtschaftliche Interessen sind mit Ostdeutschlands größtem Volksfest verbunden. 

Die überraschende Absage stößt verständlicherweise viele vor den Kopf. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Stadt niemanden gefunden hat, mit dem sie einen Neustart wagen könnte. Und: Die Absage ist für die gesamte Stadt eine große Chance – trotz der herben finanziellen Einschnitte. Zum ersten Mal kann Werder erproben, was Mitbestimmung heißt, kann die Stadt lernen, was eine aktive Bürgerschaft auf die Beine stellen kann, welch Ideenreichtum in ihr schlummert. Und wie anstrengend ein solcher Prozess sein kann. 

Die Zeiten des Durchregierens sind vorbei

Die Stadt, so möchte man meinen, hat aus dem Desaster um die Blütentherme gelernt. Sie hat verstanden, dass die Zeiten, in denen die CDU durchregieren konnte, endgültig vorbei sind. Werder ist bunter geworden, das zeigt sich im Stadtparlament wie in der Bevölkerung. Jetzt zwischen Altvorderen und Zugezogenen Feindbilder aufzubauen, verbietet sich. Einfach wird es dennoch nicht werden. Die Verwaltung – und das muss man ihr zugutehalten – hat mittlerweile eine Stelle für Bürgerbeteiligung geschaffen. Es gibt jetzt tatsächlich jemanden, der die vielfältigen Interessen in Werder zusammenbringen könnte. Plötzlich tauchen Begriffe wie Einwohnerbefragungen auf, die man vorher von offizieller Seite nie gehört hat. Ein gutes Zeichen.

Und die Absage hat noch etwas Gutes: Werder darf jetzt den zivilen Ungehorsam proben. Auf Facebook organisiert man sich bereits und will die Baumblüte trotzdem feiern, die Obstbauern machen Druck, einer von ihnen will demonstrieren. Das ist gelebte politische Teilhabe, die Werder guttut. Wer das Nachsehen hat, sind die feierwütigen Berliner, die sich (auch) allzu gerne auf dem Fest danebenbenehmen – Werderaner eingeschlossen. Die aber können weiterziehen, zum nächsten Besäufnis.