Potsdam-Mittelmark : Kleinmachnower „Jein“

Mit „Der Jasager“ und „Der Neinsager“ wird heute das Rathaus eingeweiht – eine treffliche Wahl

Mit „Der Jasager“ und „Der Neinsager“ wird heute das Rathaus eingeweiht – eine treffliche Wahl Von Peter Könnicke Kleinmachnow - Im Februar war Kleinmachnow Bezirk des Monats. Eigentlich sind es Berliner Stadtteile, die auserwählt werden, bei der Varieté-Show am „Blauen Montag“ im Tempodrom die Revue zu gestalten. Diesmal also Kleinmachnow. „Alle Welt wandert in den Speckgürtel. Da war es an der Zeit für eine Eingemeindung“, begründet „Blauer Montags“-Sprecher Moriz Hoffmann-Axthelm die Wahl. Der Versuch der Vereinnahmung hatte nicht ganz die gewünschte Wirkung. Zumindest der Feuilletonschreiber einer hauptstädtischen Zeitung, der regelmäßig zu Gast beim „Blauen Montag“ ist, machte sich auf den Weg vor die Tore der Stadt, um herauszufinden, wie es im Bezirk des Monats aussieht. Begeistert war er nicht, vor allem der Rathausmarkt, den er „quasi als Einkaufspassage“ empfindet, überzeugt ihn nicht. „Man mag sich gar nicht vorstellen, wie es um Groß Machnow bestellt ist“, fragt er sich angesichts des Bauvolumens im Zentrum Kleinmachnows. Vielleicht weiß der Mann nicht, dass er Öl ins Feuer derjenigen gießt, die die künstlich geschaffene Ortsmitte samt Rathaus für zu groß geraten halten. Noch immer nicht kann sich der ortsansässige Architekt und CDU-Gemeindevertreter Fred Weigert mit der „kosmopolitischen Architektur“ anfreunden. Für Anne von Törne, Vereinschefin der „Bürger für gute Lebensqualität in Kleinmachnow, „wirkt das dreistöckige Rathausgebäude mit seiner strengen Glas- und Klinkerfassade überdimensioniert“. Sie hält den Namen „Kanzleramt", wie der Volksmund das Haus nennt, für gerechtfertigt. Heute nun soll das Rathaus feierlich eingeweiht werden. In einem Saal mit 199 Plätzen, den Politik und Kultur zum Herzen Kleinmachnower Lebens machen sollen, wird mit Kurt Weills Oper „Der Jasager“ und Bertolt Brechts Schauspiel „Der Neinsager“ eine ganze Festwoche eröffnet. Nicht wenige finden das Lehrstück passend für den Ort. Welcher Name zu dem Saal passt, ist indes eine Frage ohne Antwort. Kurt Weill lautet ein Vorschlag aus der Kunst- und Kulturszene. Der jüdische Komponist lebte vier Jahre in Kleinmachnow, bevor er 1933 vor den Nazis nach Frankreich und später in die USA floh. „Mit der Benennung in „Kurt-Weill-Saal“ wird ein ehemaliger Einwohner Kleinmachnows und hervorragender Künstler geehrt“, meint auch die PDS-Fraktion des Ortsparlamentes und warb im Kulturausschuss um Zustimmung für diesen Vorschlag. Hier fand am Mittwoch das Doppelstück vom Jasager und Neinsager seine jüngste Auflage. Kurt Weill sei ein sehr guter Vorschlag, so der allgemeine Tenor, nur der Zeitpunkt der Taufe sei nicht der richtige. „Nicht Kurt Weill ehrt den Saal, sondern der Saal soll Kurt Weill ehren“, meinte etwa WIR-Gemeindevertreter John Banhart. Daher wolle er erst sehen, ob der Saal auch dauerhaft die Qualität hat, die zu diesem Namen verpflichtet. Ohnedies will der CDU-Politiker Guido Beermann wie auch Frank Nägele von der SPD den Saal nicht nur als Zentrum der Kultur verstanden wissen: „Es ist der Ort, in dem die Gemeindevertretung arbeitet.“ Beermann plagt das ungute Gefühl, man würde etwas „übers Knie brechen“, gebe man dem Saal jetzt den Namen Kurt Weill. Und trotz des Einwandes von Gemeindevertreterin Nina Hille, dass „ein Kind einen Namen braucht“, entschied sich der Ausschuss für Kultur, dem Saal eine Zeit zum Reifen zu lassen. Woher das ungute Gefühl, warum das Zögern? Liegt es daran, dass die Vorbereitung des heutigen Festaktes und der folgenden Gala-Woche zuweilen wenig kulturvoll zuging? Hinter den Kulissen wurde heftig gestritten, warum jener Künstler nicht mitmachen dürfe, dieser nicht eingeladen sei, ein anderer gar nicht Bescheid wüsste. Da gibt es Unmut über die Zweiteilung des Ortsparlamentes: Die Größe des Saals zwang den Bürgermeister dazu, eine Hälfte der Volksvertreter zur heutigen Premiere einzuladen, die anderen zur morgigen Aufführung. In die zweite Reihe degradiert fühlen sich die einen, Neid beklagen andere. Warum, so wundert man sich schließlich, lädt überhaupt der Bürgermeister ein und nicht der Chef der Gemeindevertretung? Und selbst die Frage, was denn an Kulturaktivitäten nach der Festwoche stattfinden soll, hat zu Zerwürfnissen geführt, noch ehe die Saaltür geöffnet wurde. Gemeindevertreter Christian Grützmann, der sich gern als Strippenzieher der Kultur in Kleinmachnow sieht, zerriss in aller Öffentlichkeit im Ortsparlament ein Papier mit Vorschlägen zur Nutzung des Saals, weil er sich nicht vom Bürgermeister unterstützt sieht. Eine Kultur des Neids, politisches Gerangel, Streit um Kompetenzen und ein Platz in der Mitte des Ortes, über dessen Ausstrahlung man zweigeteilt ist: Und hinter all dem soll ruhigen Gewissens der Name Kurt Weill stehen? Gar nicht zu unzutreffend steht heute an dem Ort, wo sich all diese Kleinmachnower Facetten vereinen, „Bürgersaal“.

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