Kino in Werder : Alte Schinken statt Blockbuster

Das „Scala“-Kino in Werder feierte am Wochenende 75. Geburtstag und gleichzeitig die Neueröffnung. Ein Berliner Kino-Liebhaber hat dem Filmtheater wieder leben eingehaucht.

Oliver Dietrich
Kino für Cineasten. Das „Scala“ in Werder (Havel) war am Samstag beim Eröffnungskonzert gut besucht. In dem zuvor rund ein Jahr lang leerstehenden Kulturpalast sollen künftig wieder Kinofilme laufen. Blockbuster wird es aber wohl nicht geben.Alle Bilder anzeigen
Fotos: Andreas Klaer
29.11.2015 20:40Kino für Cineasten. Das „Scala“ in Werder (Havel) war am Samstag beim Eröffnungskonzert gut besucht. In dem zuvor rund ein Jahr...

Werder/Havel – Heutzutage ist die Kino-Kultur zur Event-Kultur verkommen: Wer mit einer 3D-Brille und einem Eimer Popcorn in einem digital aufgemotzten Kino sitzt, wird sich kaum noch an die urigen Kinos anno dazumal erinnern können, in denen knarrende Polstersessel standen, der Film noch vom Zelluloid-Band ratterte und für 50 Pfennig Eintritt – vermerkt auf einem Papierstreifen – der neueste Gaga-Film mit Bud Spencer und Terence Hill angesehen werden konnte. Beinahe jedes Dorf hatte so ein Filmtheater: das „Diana“ in Teltow etwa, die „Fontane-Licht- spiele“ in Werder, sogar Caputh hatte ein Kino namens „Resi“, in dem sich heute eine Ferienwohnung befindet.

Das "Scala"-Kino wurde 1940 erbaut

Die Zeiten für kleine Kinos sind nicht etwa schwerer geworden, die Zeiten sind vorbei. Unter dem Druck von Multiplex und Co. brachen die altehrwürdigen Lichtspielhäuser einfach weg, wurden umgebaut, abgerissen oder standen leer. Genau dasselbe Schicksal hatte auch das „Scala“-Kino in Werder, das 1940 erbaut wurde und zuletzt „Fontane-Lichtspiele“ hieß. Knut Steenwerth kaufte das Kino 2002 und ließ den Schriftzug „Scala“ anbringen, der vorher an einem alten Berliner Kino hing. Die Werderaner Romantik war großzügig, es bildete sich ein Förderverein, doch rentiert hat sich das Kino nicht. Im vergangenen Jahr warf Steenwerth dann das Handtuch, ein letztes Mal flimmerten „Die Hexen von Eastwick“ über die Leinwand, dann schlossen sich die Türen. Auch wenn der Förderverein protestierte: Steenwerth wollte das „Scala“ an einen Investor verkaufen, Erlebnisgastronomie hieß das Rettung versprechende Zauberwort.

Dass sich die Türen des „Scala“ am vergangenen Freitag – pünktlich zum 75. Geburtstag – wieder öffneten, haben die Werderaner einem Berliner zu verdanken: Gösta Oelstrom ist selbst so ein Cineast, auch wenn er in der Fernsehbranche arbeitet – mit seiner Produktionsfirma Kalif Medien versorgt er Fernsehsendungen wie „Brisant“ vom MDR mit Material, seit über 25 Jahren steht er aber auch am Rande der roten Teppiche der Berlinale sowie in Cannes und San Sebastián. Eigentlich habe er in Werder nach einem Haus für sich und seine Lebensgefährtin gesucht, sei dann aber auf das alte Kino gestoßen, das er bereits bei einem Konzert erlebt habe. „Das musste einfach erhalten werden“, sagt Oelstrom. „Ich habe mich sofort in den Saal verliebt.“

Seine erste Crowdfunding-Idee musste Kino-Retter Oelstrom aufgeben

Gut, so richtig reibungslos klappte das mit der Sanierung noch nicht. Zwei Tage vor der Eröffnung kam im Foyer ein Teil der Decke herunter, die Leiter steht noch in der Ecke, auch die Lampen sollten andere sein. Dieses unfertige Flair, selbst dieser alte Kino-Geruch passt aber in das Haus, das ja kein Hort der Moderne sein soll. Das hat Oelstrom auch schnell mitbekommen, dass das gar nicht anders geht. Seine Crowdfunding-Idee, mit der per Internet Spenden eingeworben werden sollten, musste er aufgeben: „Die Werderaner werfen lieber etwas in die Spendenbox vor der Tür, anstatt online Geld zu überweisen.“ Als Kino allein wird sich das Haus nicht tragen, so viel ist klar. Ein Mediencafé ist geplant, dafür soll noch eine Vollküche eingebaut werden, außerdem gibt es Konzerte, Tanz mit DJ, Brunch, Theater, Kabarett – und eben auch Filme. Das werden jedoch keine Blockbuster sein, sondern alte Filme, die auf DVD wiederveröffentlicht werden – und am Sonntagabend gibt es den „Tatort“ bei freiem Eintritt zu sehen.

Als Auftakt ein Konzert

So gab es auch am vergangenen Freitag keinen Film, sondern ein Konzert: Der britische Sänger Colin Vearncombe, der 1986 mit seinem Bandprojekt Black und dem Song „Wonderful Life“ einen Nummer-Eins-Hit landete, beendete seine Deutschlandtournee in Werder. Unterstützt durch seinen Partner Calum McColl brachte das Duo mal schmachtende Popsongs, mal balladesken Blues in den Saal – reichlich Dramatik, wie es sich für die 80er-Jahre gehört. Ganz so pathetisch wurde es aber gar nicht, was vielleicht auch an der unfertigen Kühle des Kinos lag, die langsam in die Füße zog. Nach einigen raustimmigen Songs über Delfine und Hühner gab es dann schließlich die Songs, die sich im kollektiven Gedächtnis festgebrannt haben: „Everything Coming Up Roses“, der in der Akustik-Version noch mehr tragische Schwere bekam, und ganz zum Schluss „Wonderful Life“: „Ich möchte diesen Song denjenigen widmen, die Angst haben, auf der Flucht sind und keinen Ort zum Schlafen und Essen finden“, sagt Vearncombe.

"Scala" könnte Anlaufpunkt im kulturell verschlafenen Werder werden

Ganz so lebendig wie am vergangenen Wochenende – am Samstag gab es noch ein Konzert der Tribute-Band Queen II – wird es im „Scala“ dann doch nicht immer hergehen, ein Anlaufpunkt im kulturell verschlafenen Werder kann das Haus jedoch allemal werden. Dafür braucht es aber noch einen langen Atem, Visionäre wie Gösta Oelstrom – und natürlich auch die Werderaner selbst.

Nächste Veranstaltungen im „Scala“, Eisenbahnstraße 182: Am Mittwoch, 2. Dezember, der Adventstanz ab 15 Uhr, am Samstag, 5. Dezember, gibt es ein Konzert der Werderaner Folkband Luxuria. Weitere Infos unter www.scala-kulturpalast.de.

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