Potsdam-Mittelmark : Kemnitzer fühlen sich ausgetrickst

Debatte im Ortsbeirat zu Erweiterungsplänen für die Pektinfabrik / Ortsvorsteher: „fast schon kriminell“

Henry Klix

Werder (Havel) - Den Kemnitzern stinkt es: Die Pektinfabrik der Herbstreith & Fox KG will ihr Werk ausbauen. Am Standort weit außerhalb des Dorfs sollen neue Anlagen zur Obstverarbeitung und zur Obsttrestertrocknung entstehen, zudem ist eine Erkundung von Erdwärme geplant. Am Dienstagabend wurde ein entsprechender Bebauungsplan-Entwurf erstmals im Ortsbeirat vorgestellt. Rund 40 Bürger nahmen an der Sitzung teil. Zwar gab es zustimmende Worte zur Schaffung neuer Arbeitsplätze und zur Stärkung der obstverarbeitenden Industrie in Werder. Am Umgang mit den Bürgern wurde allerdings Kritik laut.

Ortsvorsteher Joachim Thiele sprach von „einem enteignungsgleichen, fast schon kriminellen Vorgang“. Ein Bürger äußerte, die Stadt mache sich zum „Erfüllungsgehilfen einer Firma, die die Interessen der Bürger ignorieren will“. Sogar von einer „menschenverachtenden Rathauspolitik“ war die Rede. Hintergrund des Unmutes: Gegenüber vom Werksgelände befindet sich die abgelegene „Kolonie Zern“ mit rund 100 hauptwohnsitzlich gemeldeten Kemnitzern und etwa 200 Bungalownutzern. Sie fürchten, dass ihre Nachbarschafts-Rechte bei der Werkserweiterung durch Planungstricks beiseite geschoben werden sollen.

Tatsächlich wurde die einst für Wochenend-, Wohnhäuser und Erholung ausgewiesene Kolonie im neuen Flächennutzungsplan vor anderthalb Jahren zu Grünfläche und Wald „herabgestuft“. Zwar gilt für die vorhandenen Gebäude ein Bestandsschutz, Bauanträge werden aber nicht mehr bewilligt. Auf der anderen Straßenseite der Landstraße L 90 wurde das Werksgelände von Herbstreith & Fox seinerzeit vom Mischgebiet zum Gewerbegebiet „heraufgestuft“ – obwohl noch zwei Wohnhäuser auf dem Werksgelände stehen. Der Kemnitzer Ortsbeirat hatte damals der Verfahrensweise widersprochen, konnte sich im Werderaner Stadtparlament aber nicht durchsetzen.

In der Kolonie Zern hat man erst jetzt begriffen, wie die Weichen damals gestellt wurden. Tatsächlich scheint im Bebauungsplanentwurf zur Erweiterung der Pektinfabrik fast etwas Häme durch: In einem Absatz ist davon die Rede, dass der Schutzanspruch vor Lärm und Abgasen für die Bewohner der Kolonie geringer ausfalle, da „die betroffenen Wohngebäude weder durch die Darstellung im Flächennutzungsplan noch durch einen Bebauungsplan gesichert“ sind. Was die Wohnhäuser auf dem Werksgelände angeht, habe die Stadt „bereits im Flächennutzungsplanverfahren mit der Darstellung einer gewerblichen Baufläche deutlich gemacht, dass sie eine Wohnnutzung nicht für sinnvoll erachtet“.

Dennoch wischt der Planentwurf die Nachbarschaftsinteressen nicht völlig vom Tisch: Ab der L 90 gilt ein 100 Meter breiter Streifen – gut ein Viertel des Areals – als stillere Gewerbefläche, erst dahinter in Richtung Autobahn und Eisenbahn sollen emissionsverdächtige Industrieanlagen möglich sein. Was die neue Trestertrocknung angeht, so wird versprochen, dass von allen Seiten ein Mindestabstand von 500 Metern zur Wohnbebauung eingehalten wird, auch zu den Havelauen. Bei der Trocknung von Obsttrester kann es etwas riechen.

Der Bebauungsplan wird in den nächsten Monaten umfassend diskutiert und öffentlich gemacht. Auch die Kemnitzer können sich bis zur Beschlussfassung noch einbringen. Zwei Bürger deuteten ihr Einverständnis an, wenn die Kolonie Zern ihren alten Status im Flächennutzungsplan zurückerhält. Der Ortsbeirat lehnte den Bebauungplanentwurf erstmal ab. Eine Anwohnerinitiative von knapp 20 Bürgern hat bereits einen Rechtsanwalt hinzugezogen (PNN berichteten).

Herbstreith & Fox gehört zu den größten Pektinherstellern der Welt und beschäftigt in Werder 150 Menschen, im Stammsitz in Neuenbürg (Baden-Württemberg) sind es weitere 250. Pektin ist unverzichtbarer Bestandteil vieler Alltagsprodukte. Auf dem 22 Hektar großen Plangebiet befindet sich auch die Firma Bärenmenü mit einer Großküche und die Firma Condio, die Zutaten und Zusatzstoffe für die Lebensmittelindustrie herstellt. Laut Bebauungsplan darf sich die Versiegelung von derzeit 60 auf 80 Prozent erhöhen.

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