Potsdam-Mittelmark : Kaviar beim Bäcker

Gerhard Neuendorff feierte 65. Geburtstag

Kirsten Graulich

Gerhard Neuendorff feierte 65. Geburtstag Teltow – Wie mag wohl die Geburtstagstorte eines Bäckermeisters aussehen, der 65 wird, besonders wenn es sich bei dem Geburtstagskind um Gerhard Neuendorff aus Teltows Bäckerstraße Nummer 1 handelt? Denn dieser Name steht für mehrstöckige Konditorkunstwerke, manche davon sogar in Riesengrößen. Doch zum gestrigen 65. Geburtstag servierte der Meister seinen Gästen in der Backstube lukullische Genüsse von Lachs über Kaviareier bis zu Schinkenhäppchen, denn er selbst mag es auch herzhaft. Allerdings wusste er noch, dass Bürgermeister Thomas Schmidt eine Vorliebe für Süßes hat, weshalb er ihm gestern eine Zitronencremschnitte mit Mandarinen kredenzte. Zu entlocken war beiden denn auch, dass der Bürgermeister einst auch mal in Neuendorffs Backstube stand, um Teig zu rühren. Das war 1979 und Thomas Schmidt, damals noch Kochlehrling im „Café Wien“, absolvierte beim Bäckermeister ein Praktikum, „weil ja auch ein Koch wissen sollte, was in einem Brötchen drin ist“, erklärte dazu Neuendorff. Und so drehten sich die Gespräche auch um die sagenumwobene Ostschrippe, die der Meister noch nach alter Rezeptur bäckt. Bei guter Ernte wurde in DDR-Zeiten dem Teig aus Mehl, Wasser, Salz und Hefe auch noch etwas Malz beigemischt, erzählte er und fügte hinzu: „Es ist aber heute nicht mehr das alte Ostmehl, weil Mehl heutzutage mit Zitronensäure vorbehandelt wird, damit es backfähiger ist“. Gerhard Neuendorff, der sich als kreativer Backkünstler mit Rübchenbrot und -torte einen Namen machte, entstammt einer Familie mit langer Bäckermeistertradition. Schon sein Großvater war ab 1918 Obermeister in der Bäckerinnung und zwar bis 1933. Da schied der Sozialdemokrat freiwillig aus und übernahm das Amt erst wieder nach 1945. Auch wenn Gerhard Neuendorff zurzeit noch keinen Gedanken ans Aufhören verschwendet, ist bereits sicher, dass die Familientradition fortgesetzt wird, denn Sohn Thomas Neuendorff war bereits mit 21 Jahren Deutschlands jüngster Bäckermeister. Heute arbeitet der 35-Jährige in der Schaubäckerei des Bauernmarktes in der Ruhlsdorfer Straße, die zum väterlichen Betrieb gehört. Deshalb brannte Gerhard Neuendorff gestern eine Frage besonders unter den Nägeln: „Wird die Ruhlsdorfer Straße im nächsten Jahr völlig gesperrt, wenn ausgebaut wird?" Erleichtert vernahm er dann vom Bürgermeister, nur eine Straßenhälfte werde abgesperrt, was sicher auch andere Gewerbetreibende aufatmen lassen wird. Kirsten Graulich