Potsdam-Mittelmark : Kaum Zeit zum Grübeln

In vier Wochen schließt Rosemarie Jordan das Zweiradmuseum. Viele Besucher bedauern das

Andreas Koska
Mit Sinn für Technik: Rosemarie Jordan – hier mit ihrem Lieblingsgespann – war 22 Jahre die gute Seele des Museums.
Mit Sinn für Technik: Rosemarie Jordan – hier mit ihrem Lieblingsgespann – war 22 Jahre die gute Seele des Museums.Foto: Manfred Thomas

Werder (Havel) - Rosemarie Jordan sitzt hinter dem Tresen des Zweiradmuseums in den Werderaner Havelauen, sie löst kleine Aufkleber mit den Öffnungszeiten der Sammlung von einem Bogen und heftet sie auf die Museumsbroschüre. „Die Leute sollen sehen, dass wir noch aufhaben“, sagt die Leiterin des traditionsreichen Hauses. Demnächst feiert sie ihren 73. Geburtstag – dann wird es das Museum schon nicht mehr geben. In genau vier Wochen werden zum letzten Mal die Pforten geöffnet.

Hintergrund für das Aus ist wie berichtet ein Eigentümerwechsel im HavelauenBürohaus, in dessen Erdgeschoss sich das Museum befindet. Die Räume könnten weiter kostenlos genutzt werden, jedoch laut neuem Mietvertrag nur noch mit einer sehr kurzen Kündigungsfrist – für den Fall, dass sich ein zahlender Mieter findet. „Damit haben wir keine Planungssicherheit mehr“, so die ehrenamtliche Museumsleiterin. „Auch Kämpfer werden irgendwann mal müde“, setzt sie hinzu, freut sich aber im Rückblick über die vielen Anerkennungen, die das Museum des MC Blütenstadt in den vergangenen 22 Jahren erhalten hat. Im September 1990 war an der Glindower Chausseestraße eine erste bescheidene Ausstellung eröffnet worden. Im März 1998 wurden die ersten Besucher in den neuen großzügigen Räumen in den Havelauen begrüßt. „In der Sammlung von 120 historischen Fahr- und Motorrädern steckt viel Herzblut und Liebe“, sagt Rosemarie Jordan. Herzblut aller Vereinsmitglieder, aber vor allem auch ihr eigenes und das ihres Lebensgefährten und Vereinschefs Udo Müller.

Gisela und Klaus Schmidt aus Potsdam sind am Samstag extra gekommen, weil sie von der bevorstehenden Schließung erfahren haben. „Das Museum ist eine Sternstunde für die Stadt“, sagen die Rentner. Selbst besaßen sie einige Motorradtypen und erinnern sich gern daran. Auch Tobias Gammelin ist begeistert. Seit einigen Jahren wohnt der gebürtige Hesse in Potsdam. „Schade, dass meine Neuentdeckung jetzt bald schließt“, so Gammelin. Erst vor Kurzem hat er von der Sammlung erfahren. Seine Familie in Hessen besitzt einige alte Motorräder, er selbst ist Sammler. Solche Gäste tun Rosi Jordan gut. „Das macht den Abschied leichter. Wenn hier noch Betrieb herrscht, dann kommt man nicht so ins Grübeln“, sagt sie. Auch positive Seiten der Schließung versucht sie sich einzureden. „Dann werde ich meinen Sohn in Frankreich besuchen und mache mit Udo seit vielen Jahren endlich mal Urlaub, die ersten Pläne sind am Reifen.“

Die Exponate werden von den Leihgebern zurückgenommen, einiges wird verkauft. „Aber nur in gute Hände“, betont die Enthusiastin. Einige Modelle und Gespanne, also Motorräder mit Beiwagen, und die Brennabor-Fahrräder will das Paar behalten, ein kleines privates Museum am eigenen Wohnhaus einrichten. „Dann wird Udo auch mit meinem Gespann Ausfahrten machen dürfen“, sagt sie. Ihr Lieblingsstück darf außerdem nur noch ihr Sohn ab und an bewegen. Der Stadt Werder (Havel) fühlt sich das Paar weiterhin verbunden. „Deshalb werden wir mit den uns verbliebenen Fahrzeugen auch künftig an Veranstaltungen teilnehmen“, kündigt Rosemarie Jordan an.

Vermissen wird sie auch die vielen Begegnungen mit Kindern wie Leon Richter-Mendau. Er ist am vergangenen Freitag neun Jahre alt geworden, am Samstag kam er mit der ganzen Familie ins Museum. Schwester Lara hat sofort ein Hoch-Dreirad bestiegen, die vierjährige Cousine Melissa Mallikat ein Kindertransportrad. Leon findet besonders gut, dass es im Museum nicht nur Exponate zum Anschauen gibt. Derweil bestaunt Opa Jürgen Mallikat in den Museumsräumen die spezielle Schau zur Fluggeschichte in Werder. „Ich bin selbst Segelflieger, hier werden Erinnerungen wach“, sagt er. Rosemarie Jordan freut sich über die Großfamilie, sie erklärt viel und mahnt auch mal zur Vorsicht bei Probefahrten. „So würde ich es mir jeden Tag wünschen“, sagt sie.

Dann verlässt Familie Richter-Mendau das Museum und Rosemarie Jordan widmet sich wieder den Aufklebern mit den Öffnungszeiten. Das Hinweisschild für das Museum an der Einfahrt zu den Havelauen ist beschmiert und kaum noch lesbar. Bald wird es selbst Geschichte sein. Andreas Koska

Öffnungszeiten bis zum 28. Oktober: Mi, Do., Sa., So.: 10 bis 17 Uhr

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