Potsdam-Mittelmark : Kalter Krieg im Sommer

Radtour des Kleinmachnower Heimatvereins zum einstigen Grenzkontrollturm und zum Panzerdenkmal

Kirsten Graulich

Radtour des Kleinmachnower Heimatvereins zum einstigen Grenzkontrollturm und zum Panzerdenkmal Kleinmachnow – An stundenlange Wartezeiten erinnern sich noch heute viele Berliner, wenn sie am Europarc Dreilinden vorbeifahren, denn dort befand sich einst die Grenzübergangsstelle (GÜST) Drewitz/Dreilinden. Und in Erinnerung ist einigen auch noch eine Aufforderung von DDR-Grenzern an die Autofahrer, die sich anhörte wie „Gänsefleisch“, was auf sächsisch bedeutete: „Können Sie vielleicht ... den Kofferraum öffnen“. Dreilinden/Drewitz war die Kontrollstelle auf der wichtigsten Transitstrecke durch die DDR, die jeder Bundesbürger, der von Helmstedt oder Hof kam, passieren musste, erklärte Heimatvereinsvorsitzender Rudolf Mach den rund 30 Gästen, die am Samstag an einer Radtour des Vereines teilnahmen. Die Geschichte von fünf denkmalgeschützten Objekten im Westteil Kleinmachnows wollte der Heimatverein seinen Gästen auf der Tour näher bringen. Dazu gehörten das Panzer-Denkmal, die Schleuse und die Hakeburg. Ausgangspunkt der Tour war der Kommandantenturm im Europarc, der am Rande der Autobahn zu den letzten stummen Zeugen deutscher Teilung zählt und seit 1996 unter Denkmalsschutz steht. Die Grenzanlage, die in den 50er Jahren errichtet wurde, galt als perfekt durchorganisiertes Nadelöhr für den Transitverkehr. Aus dem Turm wurde auch die todbringende Ramme gesteuert, die verhindern sollte, dass Fahrzeuge durchbrechen. Über Fernsteuerung konnten zwei gegenüberliegende Betonplatten auf die Fahrbahn geschossen werden, um sich dort binnen Sekunden zu einer Mauer aufzubauen. Aber die meisten DDR-Bürger durften erst gar nicht in die Nähe von Grenzübergangsstellen. Heimatvereinsmitglied Dieter Hasler gehörte zu den Ausnahmen, denn vier seiner Mitarbeiter waren für die elektrischen Anlagen im Grenzgebiet zuständig. Damals war Hasler Chef des VEB Elektroanlagenbau Kleinmachnow und wenn er diese Mitarbeiter sprechen wollte, musste er erst einen Passierschein für das Grenzgebiet beantragen. „Denn in unserem Betrieb habe ich die vier nie gesehen, und ich wusste auch nichts über ihre konkreten Arbeiten“, erinnert er sich. Trotzdem seien diese Mitarbeiter ein Segen für den Betrieb gewesen, fügt er schmunzelnd hinzu, weil sie von dem Kontingent, das Sicherheitsorganen zur Verfügung stand, etwas abzweigen konnten für den Betrieb, was sonst nicht zu haben war, so Hasler. Solche Erinnerungen will auch der Verein Checkpoint Bravo bewahren, der im Turm Ausstellungen plant. Das originale Bauwerk solle aber kein Mahnmal, sondern eine Begegnungsstätte werden, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Verschiedene Finanzierungsquellen habe der „Checkpoint Bravo“ e.V. bereits angezapft, um den Turm zu sichern und zu renovieren, wusste Mach. Nur wenige hundert Meter entfernt ragt hinter der Schallschutzwand der A115 eine rosa gestrichene Schneefräse auf einem sechs Meter hohem Betonsockel. Bis 1990 stand darauf ein sowjetischer Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg. Einer der Gäste erinnerte sich, dass kurz nach dem Mauerfall an dem Kanonenrohr Luftballons hingen. Vielleicht habe diese Spielerei die Russen so provoziert, dass sie den Panzer abbauten, vermuten einige Gäste der Radtour. Die Schneefräse, die der Berliner Künstler Eckhard Haisch dann über Nacht mit Hilfe eines Baukranes auf den leeren Sockel hievte und dort verschweißte, hatten die abziehenden sowjetischen Truppen auf einem Gelände bei Kleinmachnow zurück gelassen, berichtete Vereinsmitglied Ingo Saupe. Die Botschaft „Schwerter zu Pflugscharen“ stecke unverhohlen in dem Kunstwerk, das 1995 zum Denkmal erklärt wurde, meinte Saupe. Allerdings stehe es nicht auf der Liste sowjetischer Ehrenmale. Kirsten Graulich

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