Jubiläum Teltower Mädchentreff : Weil ich ein Mädchen bin

Seit 25 Jahren bietet die Teltower Mädchenzukunftswerkstatt Teenagern einen geschützten Rückzugsort. Dort lernen sie auf eigenen Beinen zu stehen. Ein Besuch

Selbstbewusst. Beim Pantomimespiel auf der Bühne erproben sich die Mädchen. 
Selbstbewusst. Beim Pantomimespiel auf der Bühne erproben sich die Mädchen. Foto: Andreas Klaer

Teltow - Vier Mädchen rennen aufgeregt mit den Handys in der Hand durch die Räume. Als zwei von ihnen auf die Bühne steigen, wird es ruhig. Die Telefone sind verschwunden, jetzt wird Scharade gespielt. Im Nebenzimmer atmet eine 16-Jährige erleichtert auf, endlich Ruhe. Sie komme in die Mädchenzukunftswerkstatt, um ihre Ruhe von zuhause zu haben, sagte sie und versinkt sofort wieder in eine Broschüre, die sie in der Hand hält. Seit 25 Jahren bietet die Teltower Einrichtung Mädchen einen Rückzugsort. Am heutigen Samstag wird das Jubiläum der Einrichtung, die zum Humanistischen Verband Deutschland gehört, mit einem großen Straßenfest in der Käthe-Niederkirchner-Straße gefeiert.

Das Ziel: An Tradition der Arbeiterinnen anknüpfen

Gestartet ist der Mädchentreff kurz nach der Wende mit durchaus politischen Ambitionen. Was in den 70er- und 80er-Jahren in Städten Westdeutschlands in Mode war, wollte die heutige Leiterin der Mädchenzukunftswerkstatt, Sonja Roque, gemeinsam mit ihrer Mitgründerin auch in Teltow umsetzen. Obwohl im Osten ganz andere Voraussetzungen gegeben waren: „In den vielen Großbetrieben Teltows gab es bereits viele Frauen, die in klassischen Männerberufen gearbeitet haben und gleichzeitig berufstätige Mütter waren.“ Als Alternative zum Hort habe man sich verstanden. Die zwei Gründerinnen wollten auch die Tradition der Frauen in technischen Berufen aufrechterhalten. „Wir haben den Mädchen immer gesagt, wenn ihr selbstständig, ohne Bevormundung leben wollt, seht zu, dass ihr auf eigenen Beinen steht“, sagt die heute 64-Jährige. Dankbar nehmen noch heute die Teenager den geschützten Raum an, pro Nachmittag sind durchschnittlich 15 Mädchen zu Besuch. Die meisten im Alter zwischen neun und 14 Jahren. 

Von Anfang an dabei. Die 64-jährige Sonja Roque, die Leiterin der Mädchenzukunftswerkstatt. 
Von Anfang an dabei. Die 64-jährige Sonja Roque, die Leiterin der Mädchenzukunftswerkstatt. Foto: Andreas Klaer

Schulthemen bewegen, weniger Sexualität

Während die jüngeren viel basteln, tanzen und Projekte realisieren, kommen die Teenager vor allem zum Reden. Das geht ganz ungezwungen: „Wir fragen die Mädchen, wie es ihnen geht, was sie machen“, erzählt Sonja Roque. Wer keine Lust habe, ausführlich zu antworten, müsse das auch nicht. 
Geredet wird über vieles, vor allem über Schulthemen, während über Sexualität nie viel gesprochen wird. „Vor allem das Thema Mobbing hat an Stellenwert gewonnen“, sagt die Leiterin. Die Mädchen seien über die Jahre offener geworden, würden freizügiger über Persönliches sprechen. Warum das so ist, weiß Sonja Roque nicht. 

Mädchen sollen Rollenbilder hinterfragen

Sie will den Teenagern ermöglichen, Selbstbewusstsein und -vertrauen zu entwickeln. Die ausgebildete Lehrerin und heute als Sozialarbeiterin tätige Leiterin des Treffs will auch erreichen, dass tradierte Rollenbilder hinterfragt werden. „Dass das den Mädchen zumindest auffällt und sie sich fragen, ob ihnen die Situation, die sie gerade erleben, gefällt.“ Eine weitere Mitarbeiterin und eine Praktikantin helfen ihr dabei. 
Dass die Leiterin damit Erfolg hat, zeigen ihr die Geschichten, die ihr die Mädchen erzählen. Sie fangen zum Beispiel an, darüber zu berichten, was sie von der Rollenaufteilung bei sich zu Hause halten. Sie erzählen, was ihr Umfeld aufgrund ihres Geschlechts von ihnen einfordert. So habe zum Beispiel ein Lehrer ein Mädchen aufgefordert, schöner zu schreiben, „nur, weil sie ein Mädchen ist“. Wahnsinnig aufgeregt habe sie das, erzählt die Frau mit den schwarzrot gefärbten Haaren mit geballten Fäusten. Noch heute wurmt sie diese Geschichte.
Im nächsten Jahr wird Sonja Roque in den Ruhestand gehen, dann muss eine andere Leiterin um die Rechte junger Mädchen kämpfen. Der größte Dank der Arbeit ist für Sonja Roque der Besuch von Frauen, die sich früher in der Mädchenzukunftswerkstatt trafen: „Wenn die mir stolz von ihrem Werdegang erzählen.“
Die Mädchengruppe im Nebenraum ist noch immer in das Spiel versunken, sie lachen, probieren sich aus. Und lernen – ohne es zu merken – viel fürs spätere Leben. 
 

Das Straßenfest findet am Samstag, dem 14. September von 14 bis 18 Uhr in der Käthe-Niederkirchner-Straße 2 in Teltow statt.

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