Interview zur Werderaner Baumblüte : "Alkohol ist das größere Problem"

Auf dem diesjährigen Baumblütenfest in Werder (Havel) tranken sich zahlreiche Jugendliche in komatöse Zustände. Ein Gespräch mit „Chill Out“-Chefin Katharina Tietz über Drogen beim Blütenfest.

Frau Tietz, der Linke-Bundestagsabgeordnete Thomas Nord hat das Baumblütenfest als ,Brandenburgs größte Drogenparty’ bezeichnet. Tatsächlich hat sich die Zahl der Drogendelikte in nur zwei Jahren von 59 auf 168 erhöht. Warum?

Aus der Zunahme der Drogendelikte zu schließen, ob der Konsum von illegalen Substanzen zugenommen hat, ist nicht möglich. Es kann gut sein, dass die Polizei da genauer hingeschaut und mehr Anzeigen geschrieben hat. Wenn wir über die Baumblüte reden, ist Alkohol das weitaus größere Problem. 

Was müsste der Veranstalter, die Stadt Werder, machen, um das Massenbesäufnis Jugendlicher besser in den Griff zu bekommen? Und: Geht das überhaupt?

Grundsätzlich kommen viele Jugendliche zur Baumblüte, um Alkohol zu trinken. Solange es gesellschaftlich weitgehend akzeptiert ist, sich mit Alkohol zu betrinken, werden sich Jugendliche systematisch betrinken. Es gäbe aber durchaus auch relativ einfach zu realisierende Ansätze, das Ausmaß abzumildern: Man könnte kostenloses Trinkwasser zur Verfügung stellen und Menschen gezielter an den Ständen dazu auffordern, zwischendurch Wasser zu trinken. Das sind Appelle, mit denen wir gute Erfahrungen gemacht haben. Sobald zwischendurch Wasser getrunken wird, ist der Alkohol besser verträglich. Sinnvoll wäre auch eine Schulung des gesamten Verkaufspersonals zum Thema Jugendschutzgesetz.

Inwiefern?

Die Verkäufer an den Ständen sollten erkennen, wer nicht mehr weitertrinken sollte.

Und dann auch nichts mehr verkaufen?

Ja, oder eben eine Wasserflasche geben, mit dem Hinweis, eine Pause zu machen.

Und wenn der Obstwein teurer verkauft wird?

Das wäre sicherlich auch sinnvoll. Je teurer er ist, umso weniger können es sich Jugendliche leisten.

Was müsste die Stadt Werder machen, um beim Thema Jugendschutz besser aufgestellt zu sein?

Man müsste sich mit den wichtigen Akteuren vor Ort, lange vor dem Fest, zusammensetzen, um sich Gedanken zu machen, wie man das Problem gut auffangen kann. Streetworker während des Festes auf die Straße zu schicken, könnte sinnvoll sein. Es gab von der Stadt einst eine Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren. Der Jugendclub hatte beispielsweise vor einigen Jahren eine Art Blütenfest-Vorbereitungsworkshop mit Jugendlichen durchgeführt. Jugendliche aus Werder wurden zum Thema Alkoholkonsum sensibilisiert. Als Stadt einen Jugendclub dabei zu unterstützen, so etwas immer vor der Baumblüte zu machen, ist sicherlich sehr sinnvoll.

Die trinkenden Jugendlichen kommen aber nicht nur aus Werder …

Viele nicht, das stimmt. Es ist aber ein Anfang.

Immerhin: Die Zahlen trinkender Jugendlicher sind rückläufig.

Ja, aber die Baumblüte bleibt eine Ausnahmesituation.

„Chill Out“ ist auch für die Suchtprävention in Potsdam-Mittelmark zuständig. Warum arbeiten Sie nicht mit Werder zusammen? 

Wir werden wesentlich von der Landeshauptstadt Potsdam gefördert. Mit den wenigen Mitteln, die wir vom Land für die umliegenden Regionen zur Verfügung haben, kommen wir schnell an unsere personellen Grenzen. Nichtsdestotrotz gibt es eine gute Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren und wir haben über einige Jahre mit Werder sehr intensiv zusammengesessen, um Projekte zum Thema Jugendschutz und Alkohol auf die Beine zu stellen. Unter anderem haben wir den KlarSicht-Parcours in die Stadt geholt, um den Schülern Grundwissen zu vermitteln. Gerne knüpfen wir daran wieder an. Das braucht aber einen von der Stadt mitgetragen Rahmen, dass sich auf der Baumblüte nachhaltig etwas ändern soll. 

Das Interview führte Eva Schmid

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Zur Person: Katharina Tietz (33) ist Chefin des 1997 gegründeten Potsdamer Vereins „Chill Out“ und in Werder (Havel) aufgewachse. Knapp 300 Beratungen führt der Verein jährlich durch.

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