Interview zu Kindesmisshandlungen : „Jeder müsste viel mehr hinschauen“

Die Leiterin der Sozialen Hilfe in Berlin und Brandenburg über Misshandlungen kleiner Kinder im Potsdamer Umland

Vernachlässigt und misshandelt. Pro Tag stirbt hierzulande ein Kind durch die Hände seiner Eltern, sagen Rechtsmediziner.
Vernachlässigt und misshandelt. Pro Tag stirbt hierzulande ein Kind durch die Hände seiner Eltern, sagen Rechtsmediziner.Foto: dpa

Frau Hart, die zwei Rechtsmediziner Michael Tsokos und Saskia Etzold sorgten jüngst mit ihrem Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ für Schlagzeilen. Laut Polizeistatistik werden jährlich bis zu 4000 Kinder derart misshandelt, dass sie in ein Krankenhaus müssen. Wie ist die Situation in Potsdam-Mittelmark?

Wir kümmern uns seit mehr als zehn Jahren um die sofortige stationäre Aufnahme von Kindern und Jugendlichen in mittlerweile zwei Kriseninterventionsstellen. Und ja, auch wir sehen im Potsdamer Umland ganz deutlich, dass es vermehrte Inobhutnahmen gibt. Bundesweit hat sich die Zahl der Inobhutnahmen seit 2005 um fast 50 Prozent erhöht, und leider sind auch hier in der Region besonders viele junge Kinder betroffen.

Wie erklären Sie sich den Anstieg?

Im Kinder- und Jugendhilfegesetz hat es in den letzten Jahren Veränderungen gegeben. Das Gesetz ist noch jung, aus den 90er-Jahren. Anfangs hatte man den Dienstleistungs- und Unterstützungsaspekt für Familien in den Vordergrund gestellt. Dabei hat man aber den Kinderschutz und die staatliche Kontrolle durch das Jugendamt nicht mehr so stark in den Fokus genommen. Da hat es dann doch Korrekturen geben müssen, um den Kinderschutz zu stärken. 2005 wurde in diesem Sinn daher das Gesetz erstmalig novelliert. Jugendämter und freie Träger sind wachsamer geworden, in den Medien wird auch mehr darüber berichtet. Der Anstieg liegt nicht an einer Zunahme von Eltern, die prügeln, sondern vielmehr an einer erhöhten Wachsamkeit.

Was ist den Kindern und Jugendlichen, die Sie in Ihren Kriseninterventionsstellen aufnehmen, passiert ?

Wir haben die Kriseninterventionsstelle in Caputh, die vorrangig ältere Kinder und Jugendliche aufnimmt. Bei ihnen geht es hauptsächlich um familäre Konflikte oder pubertäre Krisen. Der Anteil der misshandelten oder sexuell missbrauchten Kinder ist dort gering. Aber es gibt auch Kinder, die dementsprechende Gewalterfahrungen gemacht haben. Bei Pubertätskrisen hilft eine vorübergehende Trennung von Jugendlichen und Eltern, um das Problem zu entschärfen. Viele können nach ein bis zwei Wochen und einer Reihe klärender Gespräche wieder nach Hause.

Und was ist mit den jüngeren Kindern?

Aufgrund der ansteigenden Zahl von Inobhutnahmen sehr junger Kinder haben wir eine eigene Einrichtung für sie benötigt. Seit drei Jahren nehmen wir in Groß Glienicke Kinder bis acht Jahre auf. Bei den Kleinsten ist es leider so, dass die Themen Verwahrlosung, Misshandlung und extreme Situationen der Eltern eine große Rolle spielen.

Die Rechtsmediziner Tsokos und Etzoldwerfen den freien Trägern vor, die Kinder zu lange in den Familien zu lassen – nur so würden sie Geld verdienen. Was sagen Sie zu dem Vorwurf?

Der Vorwurf erstaunt mich sehr, weil es eher ein anderer Konflikt ist, in dem ich Träger sehe. Ich erlebe eine innere Not der Fachkräfte, die ambulante Hilfe leisten, und zwar eine Not, wenn die Situation grenzwertig wird. Die Familienhelfer sind mehrmals in der Woche in den Familien, sie sehen, in welcher Situation die Kinder leben. Und sie sind besorgt, dass es den Kindern schlecht gehen könnte. Dokumentationen und Fallgespräche zeigen mitunter, dass Familienhelfer raten, dass Kinder in manchen Familien herausgenommen werden sollten. Da ist mitnichten ein Interesse der Träger, die Kinder möglichst lange in der Familie zu lassen. Aber Kinder von ihren Eltern zu trennen, das geht nicht so einfach und muss mit dem Jugendamt besprochen werden. Wichtig ist, dass hier klar und offen kommuniziert wird. Wichtig ist auch, dass wenn es brenzlig wird, die Eltern sofort wissen, dass das nicht mehr akzeptiert wird.

Heißt das, dass den Familienhelfern oft die Hände gebunden sind, weil sich das Jugendamt querstellt?

Nein, die Zusammenarbeit gerade mit den Jugendämtern in Potsdam und Potsdam-Mittelmark ist gut. Wir können uns aufeinander verlassen und uns gut austauschen. Schwierig wird es, wenn manchmal Familiengerichte eingeschaltet werden müssen – gerade beim Thema Sorgerechtsentzug. Sie entscheiden nicht immer so, wie es fachlich von dem Träger oder dem Jugendamt favorisiert wird. Familiengerichte haben noch mal einen anderen Fokus. Wir leben in einem Land, in dem Elternrechte sehr hoch angesiedelt sind.

Ist die hohe Zahl der Gewalttaten nicht auch ein strukturelles Problem, man denke nur an die vielen Berichte der überlasteten Jugendämter?

Wir arbeiten als Träger auch mit Jugendämtern in Berlin zusammen und sehen parallel dazu die Arbeit der Jugendämter aus Postdam und Potsdam-Mittelmark. Für unsere Region erlebe ich diese Untätigkeit oder extreme Überlastung der Jugendämter nicht so. Schlafende Ämter gibt es hier zum Glück nicht. Dass die Berliner Jugendämter überlastet sind und zu hohe Fallzahlen haben, ist bekannt. Erst vor einer Weile haben Berliner Jugendamtsmitarbeiter einen offenen Brief geschrieben und sind auf die Straße gegangen. Vor Jahren hat Berlin sein Budget in dem Bereich um 33 Prozent gekürzt, das rächt sich jetzt. In so einer Großstadtstruktur ist es aber auch schwieriger, die Arbeit zu koordinieren, als das hier der Fall ist.

Die Rechtsmediziner der Charité prangern auch ein kollektives Verleugnen an, weil man sich nicht eingestehen will, dass Eltern zu solchen Greueltaten fähig sind. Muss das Thema Kindesmissbrauch öffentlich noch stärker thematisiert werden?

Ich finde es gut, dass es bereits ein Thema in den Medien ist. Wie man durch die Buchveröffentlichung der Rechtsmediziner sieht, ist es auch wichtig, das polarisierend anzusprechen, um die Menschen wachzurütteln. Wir brauchen viel, um wirklich wachgerüttelt zu werden. Aber wenn ich von den Fachkräften spreche, da erkenne ich kein kollektives Verleugnen. Hier sind alle sehr wachsam, die Beteiligten reagieren zügig. Eine sehr positive Entwicklung ist die steigende Prävention. Denn es hat Gründe, dass Kinder misshandelt werden oder dass Eltern überfordert sind.

Und was macht man hier in der Region, um Misshandlungen vorzubeugen?

Man versucht, Hebammen, Kinderärzte, Schwangerenberatungsstellen, Kitas und Grundschulen zu sensibilisieren und Netzwerke zu bilden. Ein Neugeborenes, das ist schon eine belastende Situation. Eltern können in Familienzentren lernen, wie man damit umgeht, damit eine Überforderung erst gar nicht entsteht. Die Idee ist es also, dass schon Hebammen merken, wenn es in einigen Familien schwierig werden könnte. Und die wissen dann auch, wo es Hilfe für genau solche Situationen gibt. Der Bereich der Prävention wird derzeit stark ausgebaut. Das ist auch eine Antwort auf die Frage, wie wir verhindern wollen, dass Kinder so extrem schlimmen Situationen ausgesetzt sind.

Gibt es noch etwas, das aus Ihrer Sicht verbessert werden sollte?

Jeder müsste viel mehr hinschauen, also im Sinne von Nachbarschaftshilfe. Es fehlt oft am Mut, Dinge anzusprechen. Wenn Kinder traurig wirken oder man den Eltern die Überforderung ansieht, dann sollte man auf sie zugehen. Wichtig ist, dass man sich gegebenfalls traut, sich beraten zu lassen – auch als Nachbar, der nicht weiß, wie er darauf reagieren soll.

Nur die Nachbarn müssen aufmerksamer sein, sonst müsste sich nichts ändern?

Doch, wir bräuchten mehr Bereitschaftspflegestellen für die Allerkleinsten, also für Säuglinge und bis zu dreijährige Kinder. Bereitschaftspflegestellen sind ähnlich wie die Krisenintervention, das heißt Kinder können hier sofort aufgenommen werden. Im Gegensatz zum wechselnden Personal in unseren viel größeren Interventionszentren sollten die Kinder hier nur von ein oder zwei Personen betreut werden. Konkret heißt das, wenn jemand bei sich zu Hause ein Zimmer frei hat und einer der Partner nicht berufstätig ist, können Paare Kinder für etwa drei bis sechs Monate aufnehmen. Man braucht dazu nicht unbedingt eine pädagogische Ausbildung, muss aber an Schulungen teilnehmen.

Das Interview führte Eva Schmid

Das Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ der Rechtsmediziner Tsokos und Etzold ist im Droemer Verlag für 19,99 Euro erschienen.

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