• Interview mit Bürgermeisterin Claudia Nowka: „Michendorf ist von Wachstum geprägt“

Interview mit Bürgermeisterin Claudia Nowka : „Michendorf ist von Wachstum geprägt“

Was hat Michendorfs neue Bürgermeisterin vor? Was sind ihre Ziel im ersten Jahr? Ein Gespräch über gesundes Schulessen, die Gewog und mehr Gewerbe für die Gemeinde.

Claudia Nowka (Bündnis für Michendorf) ist Michendorfs neue Bürgermeisterin seit Dezember. 
Claudia Nowka (Bündnis für Michendorf) ist Michendorfs neue Bürgermeisterin seit Dezember. Foto: privat

Frau Nowka, vor Ihnen liegen große Projekte: Michendorfs Mitte wird entwickelt, die Grundschule wird für acht Millionen Euro ausgebaut. Seit einem Monat sind Sie jetzt im Amt. Was gehen Sie zuerst an?
 

Mein Fokus liegt zurzeit auf der Kommunikation und Bürgerbeteiligung, die ich verbessern will. Wir haben eine Satzung für Michendorfs ersten Bürgerhaushalt erarbeitet, es gab erste Treffen, um einen Kinder- und Jugendbeirat zu etablieren und eine Kinder- und Jugendkonferenz vorzubereiten. Wir sind da auf einem interessanten und guten Weg. Ich bin fast nur in Gesprächen, viele davon mit den Mitarbeitern der Verwaltung, um mein Team und die Aufgaben jedes einzelnen besser kennenzulernen. Und diese Woche treffe ich mich mit Vertretern der GP Papenburg Hochbau GmbH zur Entwicklung von Michendorfs Mitte.

Günter Papenburg ist der Besitzer des ehemaligen Teltomatgeländes, das jetzt als Michendorfs Mitte entwickelt wird. Was werden Sie besprechen?

Es ist ein Kennenlerntermin. Darüber hinaus möchte ich über die Gestaltung des Geländes und konkret über das weitere Vorgehen zum Bau eines neuen Verwaltungsgebäudes sprechen. Es ist mein Ziel im ersten Jahr als Bürgermeisterin, dass wir gemeinsam einen Zeitplan abstimmen und die Variante der Umsetzung beschließen. Das erste Gebäude in der neuen Ortsmitte, in das die Energie Mark Brandenburg einziehen wird, ist bereits im Bau. Die Frage ist, was kommt danach. Das ist sicher auch in Herrn Papenburgs Interesse, dass alle wissen, wie sich das Areal entwickelt.

Zur Person

Claudia Nowka (42) ist seit dem 17. Dezember Michendorfs neue Bürgermeisterin. Sie gewann als Kandidatin der Wählergruppe „Bündnis für Michendorf“ im September vergangenen Jahres deutlich die Wahl gegen den SPD-Kandidaten Martin Kasper. Auf sie entfielen 70,5 Prozent (5457 Stimmen). Die gebürtige Berlinerin hat Jura studiert und einen Master in Steuerwissenschaften gemacht. Seit 2009 lebt sie mit ihrer Familie in Michendorf. Fünf Jahre lang hat die zweifache Mutter in der Michendorfer Verwaltung gearbeitet, unter anderem war sie Leiterin der Abteilungen Finanzen, Personal und Soziales und stellvertretende Bürgermeisterin. Sie wechselte damals freiwillig zur Bundespolizei nach Potsdam. Seit 2017 ist sie Mitglied der Wählergruppe „Bündnis für Michendorf“, das von mehreren Gemeindevertretern gegründet wurde, die allesamt unzufrieden waren mit ihren Fraktionen. Das Bündnis wurde bei der Kommunalwahl im Mai 2019 aus dem Stand heraus stärkste Kraft.

Was wollen Sie in Ihrem ersten Jahr noch erreichen?

Wenn wir über die Gestaltung der Ortsmitte sprechen, gehört für mich auch die Gestaltung der Potsdamer Straße dazu, also die Frage nach dem Kreisverkehr. Weiterkommen will ich auch mit dem Radwegekonzept. Die neue Ortsgruppe des ADFC prüft bereits Schwachstellen in unseren Radverbindungen. Und dann ist mir das Thema Gewerbe noch wichtig, also die Frage, wo sich Gewerbe noch ansiedeln kann.

Warum braucht Michendorf mehr Gewerbe?

Die Gemeinde durch einen starken Zuzug geprägt. Für die weitere Entwicklung ist daher auch Gewerbe notwendig. Mich erreichen Anfragen; hier gilt es Ansprechpartner zusammenzubringen und zu schauen, was gut zu Michendorf passt. Nicht zuletzt ist Gewerbe auch für die Haushaltssituation von Bedeutung.

Sie sprachen von einem möglichen Kreisverkehr für die Potsdamer Straße, ein kontrovers diskutiertes Thema. Wird er nun kommen?

Es geht hier um zwei Dinge: Das eine ist die Sicherheit an der Kreuzung. Das andere ist die Frage nach der Entwicklung des Gewerbegebiets.

Das hinter dem Kreisverkehr, am Eingang von Michendorf liegt.

Wir sind gerade dabei, uns beide Themen anzuschauen und eine Variante zu prüfen, die keinen Kreisverkehr vorsieht. Man kann die Verkehrssituation dort auch anders organisieren.

Und wie?

Wir prüfen das derzeit noch und werden dann das Gespräch mit den Anwohnern suchen, die Ängste und Sorgen haben, was sich im Gewerbegebiet entwickeln wird und welche Auswirkungen dies auf den Verkehr hat. Die Frage ist ja, welches Gewerbe sich dort ansiedeln soll. Da bedarf es auch Gesprächen mit den bereits vorhandenen Gewerbetreibenden, auch sie sollen ihre Vorstellungen äußern.

Claudia Nowka (Bündnis für Michendorf) will die Rathauskommunikation verbessern.
Claudia Nowka (Bündnis für Michendorf) will die Rathauskommunikation verbessern.Foto: Andreas Klaer

Michendorf wächst, viele Familien mit Kindern ziehen in die Gemeinde: FDP, Linke und SPD bezweifeln, dass der Ausbau zu einer dreizügigen Grundschule reichen wird. Wie sehen Sie das?

Da der Ausbau extra so konzipiert wurde, dass bei Bedarf in der letzten Bauphase eine Erweiterung zu einer vierzügigen Grundschule möglich ist, haben wir jetzt die Möglichkeit, das genauer zu prüfen.

Wie sieht es mittlerweile mit Kitaplätzen in Michendorf aus?

Zurzeit können wir alle Anfragen, die wir zu einem Kitaplatz bekommen, erfüllen. Nicht zwingend in der Wunschkita oder einer kommunalen Kita aber in Zusammenarbeit mit den freien Trägern.

Sie haben sich auch immer für ein besseres Essen in Schulen und Kitas eingesetzt – wird es eine eigene Küche geben?

Wir haben ein laufendes Ausschreibungsverfahren und binden uns damit für die nächsten Jahre. Mein großes Ziel ist es aber nach wie vor, in der Nähe von Michendorf eine Küche zu haben, und damit auch Einfluss darauf, was in unseren Schulen und Kitas gegessen wird. Vielleicht wird es in Michendorfs Mitte eine Kantine für die Energie Mark Brandenburg und die Verwaltung geben, in der noch Platz ist für eine eigene Küche. Ganz aufgegeben habe ich mein Ziel noch nicht.

Michendorf wird mit der neuen Mitte auch ein neues Rathaus bekommen. Wird Ihre Verwaltung wachsen?

Das kann ich noch nicht absehen, aktuell sind drei bis vier Stellen unbesetzt. Ich führe, wie gesagt, Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen, um zu sehen, wer welche Aufgaben hat und wie die anfallende Arbeit zu stemmen ist.

Das Rathaus in Michendorf soll neu gebaut werden. 
Das Rathaus in Michendorf soll neu gebaut werden. Foto: Enrico Bellin

Planen Sie, so wie Ihr Vorgänger, die Strukturen innerhalb des Rathauses zu ändern?

Das hängt von dem Ergebnis der Gespräche ab. Ich sehe bereits einige Aufgaben, die im falschen Zuständigkeitsbereich wahrgenommen werden und Aufgaben, die noch nicht übertragen wurden.

Wie viel Zuzug verträgt die Gemeinde noch?

Wenn das Wachstum gemäß unserem Leitbild verlaufen würde, wäre das schön.

Also ein Prozent pro Jahr, das entspricht 130 Einwohnern.

In den letzten Jahren lagen wir im Durchschnitt bei 300 bis 400 Einwohnern pro Jahr. Wenn das so weitergeht, wird es schwierig mit der Infrastruktur. Das muss man sich jetzt genauer ansehen.

Im Wahlkampf haben Sie ein Zuzugskonzept versprochen, wann wird es vorliegen?

Das Konzept ist ein Gesamtgefüge mit vielen Punkten, die mitberücksichtigt werden müssen. Ich werde es nicht schaffen, es vor Ende dieses Jahres vorzulegen.

Mit dem Zuzug steigt auch der Bedarf an Wohnraum. Seit einem Jahr ist Michendorf Gesellschafter der Gewog. Wird die Gewog jetzt in der Mitte oder woanders aktiv?

Da die Gemeinde nicht Eigentümer der Grundstücke in der Ortsmitte ist, können wir nur Gespräche zwischen Herrn Papenburg und der Gewog herbeiführen, haben aber keinen Einfluss auf das Ergebnis. Wir werden das Thema in dem Gespräch mit den Vertretern der GP Papenburg Hochbau GmbH ansprechen. Ansonsten war das Grundstück Peter-Huchel-Chassee Ecke An der Aue in Wilhelmshorst ja schon im Gespräch. Es gab damals den Hinweis, dass dort früher ein Marktplatz war. Die Frage ist jetzt, ob man das vereinen und so gestalten kann, dass an diesem Standort auch Wohnraum hinpasst. Wichtig ist vorher eine Bürgerbeteiligung, um dafür die Zustimmung zu erhalten. Ansonsten hat die Gemeinde kleinere Grundstücke, die in Frage kommen könnten.

Die Ankunft der Geflüchteten im ehemaligen Michendorfer Sens Convent Hotel im Juni 2019. 
Die Ankunft der Geflüchteten im ehemaligen Michendorfer Sens Convent Hotel im Juni 2019. Foto: Eva Schmid

Welche Nutzung schwebt Ihnen für das kreiseigene Flüchtlingsheim in der Potsdamer Straße vor, dessen Genehmigung 2022 ausläuft?

Dazu sollen jetzt schon Gespräche mit dem Landkreis stattfinden, wir werden sehen, was der Kreis gerne möchte. Wir haben viele Ideen: Vorstellbar ist zum Beispiel ein Studentenwohnheim, vielleicht kann man das Haus auch noch in die Entwicklung des Ortskerns miteinbeziehen.

Als ehemalige Kämmerin sind Sie eine Frau der Zahlen, die schwarze Null ist Ihnen wichtig. Ist das bei den Vorhaben, die anstehen, realistisch?

Es kommt darauf an, wo man die schwarze Null ansetzt. Für Investitionen wie dem neuen Verwaltungsgebäude werden wir wohl einen Kredit aufnehmen müssen. Aber der Ergebnishaushalt selbst soll ausgeglichen sein, also der Saldo zwischen den Einnahmen und Ausgaben. Das schaffen wir, in dem wir unsere Vorhaben realistisch planen. Es werden nur Maßnahmen geplant, die tatsächlich auch innerhalb eines Jahres umgesetzt werden können.

Wir haben jetzt viel über Michendorf gesprochen, was ist mit den anderen fünf Ortsteilen, die sich oft als „Anhängsel“ fühlen?

Ich weiß, dass es dieses Gefühl gibt und tatsächlich ist Michendorf auch der größte Ortsteil, in dem derzeit die größten Investitionen stattfinden. Es passiert jedoch auch viel in den anderen Ortsteilen, zwar im Hinblick auf Investitionssummen nicht in dieser Größenordnung, aber im Verhältnis und bezogen auf deren weitere Entwicklung. In Wilhelmshorst geht es zum Beispiel um die Frage der Entwicklung des Grundstücks an der Peter-Huchel-Chaussee /Ecke An der Aue, zudem soll der Zugang zum Bahnhof in diesem Jahr barrierefrei werden. Wir planen die Sanierung der Grund- und Oberschule Wilhelmshorst. In Stücken sind wir in der Planung für ein neues Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr. In den anderen Ortsteilen sind es kleinere Projekte.

Der Ton in der Gemeindevertretung ist oft recht rau. Wie wollen Sie ihren Wunsch, nach einer anderen Debattenkultur, erreichen?

Durch eine sehr gute Vorbereitung der Sitzung. Eine Vorbereitung, die auch die andere Seite, also nicht die der Verwaltung, berücksichtigt und es somit den Gemeindevertretern erleichtert, sich in Themen einzuarbeiten und auf die Sitzung vorzubereiten.

Die Verwaltung nimmt ab jetzt die Außenperspektive ein?

Ich schaue mir jetzt alle Vorlagen an. Dabei stelle ich mir die Frage, ob derjenige, der nicht so tief in der Materie steckt, das leicht aufnehmen und verstehen kann und alle Fragen beantwortet werden. Insofern stelle ich gerade die kritischen Fragen, die uns auch die Gemeindevertreter stellen würden.

Wie wollen Sie sich für Ihre Vorhaben Mehrheiten verschaffen?

Zum Einen ist es die Vorbereitung, zum Anderen plane ich regelmäßige Treffen mit den Ortsvorstehern und den Fraktionsvorsitzenden. So soll im Vorfeld ein Konsens erzielt werden, der es uns ermöglicht, die Beschlüsse in der Gemeindevertretung mehrheitlich zu fassen. Die Themen sollen im Vorfeld diskutiert werden, ich will mit den Fraktionen im Gespräch bleiben, damit nicht alles in der Gemeindevertretung ausgetragen werden muss.

Die Zeit des Pendelns nach Potsdam ist vorbei. Was machen Sie mit der gewonnenen Zeit?

Tatsächlich habe ich in den letzten vier Wochen keine Zeit gewonnen, ich arbeite jetzt noch länger (lacht). Mein großes privates Ziel in diesem Jahr ist es, Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen, wieder Gitarre zu spielen und mehr Laufen zu gehen.