Potsdam-Mittelmark : Inspirationen auf einem Friedhof in Paris

Der Bildhauer Ludwig Manzel, der auf dem Südwestkirchhof das „Christus-Denkmal“ schuf, starb vor 70 Jahren

Gerhard Petzholtz

Unmittelbar im Eingangsbereich des Süfdwestkirchhofs Stansdorf, dort wo sich der Weg zur Kapelle gabelt, steht ein monumentales Relief in Marmor, ein Kunstwerk. Es wurde zur Einstimmung vor 80 Jahren aufgestellt. 23 lebens große Menschen – Alte, Kranke, Leidende, Blinde, ein Witwer mit Kindern, die Sünderin – wenden sich von beiden Seiten demin der Mitte Sitzenden zu: Jesus Christus, von dem sie die Erlösung erhoffen. Dazu der Text aus dem Matthäus Evangelium: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“.

Das elf Meter lange „Christus-Denkmal“ ist ein typisches Werk des Neubarock im klassischen Naturalismus, bezeichnend für die Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Der Künstler – Ludwig Manzel – hat die Dargestellten realistisch, ohne Verschönerungsversuche mit einem Hauch des Erhabenen dargestellt. Er vermied aber, was nahe lag, das Gefühlsselige und Sentimentale. Der Christus ist hier nicht der „allgemeingefällige Segnende“ wie bei Thorwaldsen, sondern man erkennt hier sein Mitgefühl für die Leidenden. Diese sind fast unbekleidet, um jegliche Standesunterschiede zu vermeiden.

Der Künstler Ludwig Manzel ist vor 70 Jahren, am 20. November 1936 gestorben und hat seine letzte Ruhe unmittelbar in der Nähe seines größten Lebenswerkes gefunden. Im zum „Denkmal“ zu diesem ist sein Grab schlicht. Die Bronzeplatte ist das Werk seiner Schüler, der Mädchenkopf stammt aus der Hand des Künstlers.

Manzel wurde am 3. Juni 1858 in Kagendorf bei Anklam in Vorpommern geboren. Seine Eltern waren einfache Landleute, die ihm aber den Besuch des Anklamer Gymnasiums ermöglichten. Sie starben sehr früh und so ging der Sohn mit 18 Jahren nach Berlin – er wollte Bildhauer werden. Es war eine harte Zeit an der Akademie, aber der Künstler Fritz Schaper, den Manzel als „väterlichen Freund“ sah, hat ihn geprägt. Später lernte er bei Reinhold Begas und wurde 1903 sein Nachfolger im Meisteratelier.

Anstelle eines Studienaufenthaltes in Italien bevorzugte Manzel von 1886 bis 89 einen dreijährigen Exkurs in Paris. Auf dem dortigen Friedhof „Pere de la Chaise“befondet sich das Relief „Monument aux Morts" von Albert Bartholome“s“. Dies soll Manzel zu seinem Stahnsdorfer Christusrelief inspiriert haben. 1895 wird Manzel Mitglied der Akademie der Künste, ein Jahr später erhält er die Professur am Königlichen Kunstgewerbemuseum. Im Kaiserhause kamen Manzels Schöpfungen gut an. Wilhelm II. erwählte Manzel 1902 für den Entwurf der Halle im Grunewaldturm. Der Bildhauer entwarf noch viele weitere Büsten und Standbilder entworfen, die leider nicht mehr existieren.

Die Manzels hatten einen Sohn: Gerhard Ludwig. Er war Regieassistent bei dem Filmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau, der auf dem Südwest-Kirchhof wenige Schritte weiter seine letzte Ruhe gefunden hat. Aus dieser Bekanntschaft fertigte Vater Manzel 1932 die Büste Murnaus für dessen Grabwand, sie ist heute dort noch zu sehen.

Das Stahnsdorfer Christus-Relief entstand von 1908 bis 1911 und wurde vom preußischen Kultusministerium 1914 für den geplanten Bau einer evangelischen Kirche in Posen bestellt. In den letzten Jahrzehnten ist in Publikationen und bei Führungen erzählt worden, dass das „ Christus-Denkmal“ für die Kathedrale in Gnesen, heute Gniezno, vorgesehen war. Das entspricht nicht ganz den historischen Tatsachen. Wahr ist, dass beide Städte 1918 mit dem Versailler Vetrag polnisch wurden und das Christusrelief nicht in eine Kirche aufgestellt wurde, sondern 1922 vom Stadtsynodalverband auf besagter Wegegabelung des Stahnsdorfer Kirchhofes. Gerhard Petzholtz

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