Im Januar soll es eröffnen : Neues Digitalwerk im Werderaner Bahnhof

Die neue Anlaufstelle will Handwerkern ab Januar die Digitalisierung erleichtern. Profitieren sollen nicht nur Bäcker, sondern auch Frisöre, Monteure und andere.

Unscheinbar. Von außen sieht die Ex-Güterhalle (r.) nicht aus wie ein Digital-Hotspot.
Unscheinbar. Von außen sieht die Ex-Güterhalle (r.) nicht aus wie ein Digital-Hotspot.Foto: Enrico Bellin

Werder (Havel) - In dicke Jacken gehüllt schrauben die Mitarbeiter des Digitalwerks am Montagvormittag in der früheren Güterhalle des Werderaner Bahnhofes Stühle zusammen. Mehr als 100 werden es sein, auch Tresen werden aufgebaut, eine Mitarbeiterküche und ein WC installiert. Wo derzeit noch analoge Handarbeit gefragt ist, soll ab Mitte Januar Handwerkern komplett kostenfrei gezeigt werden, wie ihr Betrieb von der Digitalisierung profitieren kann. „Zum Glück haben wir nur noch bei der Einrichtung Dinge zu erledigen “, sagt Geschäftsführerin Michaela Scheeg den PNN. Alles andere ist vorbereitet, das Konzept steht.

Michaela Scheeg ist die Geschäftsführerin des Digitalwerks.
Michaela Scheeg ist die Geschäftsführerin des Digitalwerks.Foto: Enrico Bellin

Das Digitalwerk ist ein Projekt des Instituts für Innovations- und Informationsmanagement, das an die Technische Hochschule Brandenburg angegliedert ist. „Wir haben vom Wirtschaftsministerium den Auftrag, dem Handwerk den Weg zur Digitalisierung zu erleichtern“, so Scheeg. Sieben der 15 Institutsmitarbeiter sollen dafür künftig in Werder vor Ort sein. Das Projekt wird drei Jahre lang mit insgesamt zwei Millionen Euro gefördert, das Land gibt dafür Fördergelder der Europäischen Union weiter.

Gezeigt wird etwa eine App für Frisör-Termine

Zunächst sollen Handwerker aus ganz Brandenburg an fünf bis sechs Stationen verschiedene Programme testen können. Als Beispiel nennt Scheeg Frisöre, die noch relativ analog unterwegs seien. Ruft ein Kunde an und will einen Termin machen, muss eine Friseurin oft die Schere weglegen, ans Telefon gehen und den Termin ins Buch eintragen. „Das nervt den Kunden, dem gerade die Haare geschnitten werden und ist unflexibel.“ Programme für ein elektronisches Terminmanagement seien längst vorhanden, würden derzeit aber kaum genutzt: Der Kunde trägt in einer App ein, wie lang seine Haare sind, ob er sie vor Ort gewaschen haben möchte und Ähnliches. Dann erstellt die App einen Terminvorschlag. „Einen Tag vorher bekommt der Kunde dann eine Erinnerung aufs Handy. Sollte jemand absagen und ein früherer Termin frei werden, wird der Kunde informiert.“ So könnten auch unnötige Pausen im Friseursalon vermieden werden. „Mitarbeiter können natürlich noch immer selbst ins System eingreifen, etwa wenn sie wissen, dass ein Kunde nur freitags kommen möchte“, so die 42-Jährige.

Oft sind die Geschäftsführer offen für die Ideen

Ähnliche Beispiele gibt es auch für das Personal- und das Warenmanagement: „Dank Apps kann ein Monteur sehen, auf welcher seiner Baustellen welches Material fehlt und wer gerade die Spezialsäge benutzt, die dringend gebraucht wird“, so Scheeg. Die Diplom-Kauffrau hat im Institut schon mehrere Firmen und öffentliche Institutionen bei der Digitalisierung begleitet. Dabei habe sie oft die Erfahrung gemacht, dass die Geschäftsführer sehr offen für neue Lösungen sind, es aber schwer ist, den Mitarbeitern verständlich zu machen, warum sich Arbeitsabläufe ändern. „Nichts ist blöder, als wenn digitalisiert wird, die Mitarbeiter dann aber die neuen Arbeitswege umgehen.“ Daher sollen in Werder nicht nur die Meister, sondern alle Mitarbeiter neue Systeme ausprobieren können. Die Beratung werde immer auf das konkrete Beispiel bezogen. „Wenn vier Bäcker eine Personalplanung machen müssen, sieht die viermal anders aus“, so die Geschäftsführerin. Schließlich haben manche öfter Wechsel beim Personal, andere hingegen eine Stammbelegschaft, die nur in einer Filiale arbeitet. Und wieder andere arbeiten mit rotierenden Schichten.

Nach der Eröffnung am 16. Januar sollten sich interessierte Handwerker zunächst telefonisch oder per Briefpost anmelden. Im Januar seien die Kapazitäten noch begrenzt, da das Digitalwerk mit seinen Stationen auch auf der Handwerksmesse in Cottbus präsent sein wird. Zudem werden die meisten der 19 Lernstationen später installiert, in der Anfangsphase stünden nur Grundprogramme zur Verfügung. „Wir müssen ja testen, was die Handwerker wirklich brauchen und welche Angebote sie annehmen.“

Auf dem Nachhauseweg noch schnell einen Vortrag hören

Ab Februar soll es wechselnde Kurzvorträge geben: Immer am Nachmittag 15 Minuten lang, ein Thema pro Woche. So könnten Interessierte kurz vor der Heimfahrt mit der Bahn für das Thema Digitalisierung gewonnen werden. Anschließend könne man schauen, welche speziellen Kurse benötigt werden. „Dabei wird es kaum längere Vorträge geben, wir wollen an unseren Stationen schnell praktisch werden.“ Das soll Michaela Scheeg zufolge die Hemmschwelle senken, die es für einige sicher gebe. Auch deshalb habe man sich entschieden, das Digitalwerk nicht an der TH Brandenburg zu eröffnen. „Für den Maler oder die Friseurin ist die Hemmschwelle, in eine Hochschule zu gehen, womöglich eher hoch.“

Da die Handwerkskammer einen Sitz in Götz hat, habe man nach Räumen in der Nähe gesucht – mit Anbindung an den Regionalexpress und die Bundesstraße 1. Eigentlich wollte man in die Vulkan-Fiber-Fabrik, dort hätten aber größere Umbauten erfolgen müssen, für die es nur schwer Fördergelder gegeben hätte. Die Diskussion hat den Start des Digitalwerkes um drei Monate verzögert, nun soll aber nichts mehr dazwischenkommen – auch, wenn die mit Graffiti besprühte Güterhalle von außen noch nicht den Eindruck eines digitalen Hotspots vermittelt. Immerhin seien neue Fenster und Türen eingebaut worden und die Graffitis würden regelmäßig entfernt. „Wenn hier erst mal wieder richtig Leben drin ist, wird es sicher auch keinen Vandalismus mehr geben“, glaubt Michaela Scheeg.