Himmel und Hölle : Ein Cranach aus Beelitz

Der Kirchengemeinde des kleinen Beelitzer Ortsteils Wittbrietzen gehört eines der ersten Flugblätter der Reformation. Wie es dorthin kam, ist noch immer ein Rätsel.

Foto: Evangelische Kirchengemeinde Beelitz

Beelitz - Es ist ein Bild voller voranstürmender Pferde. Reiter treiben die Tiere an. Auch Kutschen sind zu sehen – und kleine Teufel. Geradezu aufwühlend wirkt die Szenerie, die der Künstler hier ins Bild gesetzt hat. Lucas Cranach der Ältere hat dieses Werk vor fast 500 Jahren geschaffen. Es ist ein Holzschnitt, der in die Geschichte eingegangen ist als „Himmelswagen und Höllenwagen des Andreas Bodenstein von Karlstadt“. Der Druck erschien ein Vierteljahr vor der Leipziger Disputation, jenem berühmten Streitgespräch Martin Luthers mit Johannes Eck, einem Professor, der an der Universität von Ingolstadt neben Theologie auch kanonisches Recht, Geografie und Logik lehrte. Außer mit Luther diskutierte Eck während der Leipziger Disputation auch mit Luthers Weggefährten Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt. Luther galt als der schärfere Widerpart von Eck. Doch auch Karlstadt gab dem Ingolstädter Theologen Contra.

Von Karlstadt stammt der Entwurf für den pferdereichen Holzschnitt. Cranach setzte ihn grafisch um. Auffällig sind die vielen Spruchbänder, die den Text durchziehen. Sie machen klar: Hier geht es nicht um Pferderennen. Vielmehr sind es Themen der Reformation, die dem Betrachter nahegebracht werden sollen. Der Druck verbreitete sich ab März 1519 quer durch die Lande. Keine zwei Jahre zuvor hatte Luther seine Thesen in Wittenberg veröffentlicht. Der Holzschnitt sollte helfen, die Ideen der Reformation noch stärker unter das Volk zu bringen.

Vortrag über 500 Jahre alten Holzschnitt

Einige wenige dieser Drucke vom Himmels- und vom Höllenwagen gibt es noch heute. Der Kirchengemeinde Wittbrietzen gehört einer davon. Am Samstag wird es im Dorfgemeinschaftshaus ab 15 Uhr eine Veranstaltung zu dem kostbaren Holzschnitt geben. Die Historikerin Sabine Todt will dabei über die theologischen Aussagen des knapp 500 Jahre alten Bildwerkes referieren. Detlef Fechner, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates von Wittbrietzen und Initiator der Veranstaltung, wird zur Geschichte des Wittbrietzener Druckexemplars sprechen. Außerdem soll Musik aus der Lutherzeit erklingen. Auf das Original des Drucks müssen die Besucher am Samstag allerdings verzichten. Die Kirchengemeinde von Wittbrietzen ist zwar Eigentümerin des wertvollen Drucks, doch das 30 mal 40 Zentimeter große Exemplar befindet sich als Dauerleihgabe in der Evangelischen Zentralbibliothek in Berlin. Von dort konnte es aus Sicherheitsgründen nicht für die morgige Veranstaltung zur Verfügung gestellt werden. So will man sich am Samstag mit Abbildungen behelfen.

Auch wenn es noch einige weitere Exemplare des Drucks gibt - wie viele, das weiß wohl niemand so genau - hält Historikerin Sabine Todt den Holzschnitt für etwas ganz Besonderes. Das Werk sei schließlich das erste bekannte Flugblatt der Reformation. „Dass auf diese Weise eine Botschaft an den Mann oder die Frau gebracht werden sollte, ist völlig neu“, sagt Todt. In der Folgezeit brachte die Reformation weitere Flugblätter hervor, mit teils drastischem Inhalt – auf einem wird beispielsweise der Papst als defäkierendes Monster verunglimpft.

Die Anhänger der alten Kirche fahren direkt auf den Höllenschlund zu

Luther selbst habe den Holzschnitt vom Himmels- und Höllenwagen gekannt, sagt Todt. Man weiß dies aus einem Brief, in dem sich der Reformator über Karlstadts Werk geäußert hat. Auffällig an der Darstellung ist – neben dem hohen Textanteil – die horizontale Gliederung des Bildes. Im oberen Teil streben die Pferde dem Kreuz und dem merkwürdigerweise dahinter verborgenen Christus entgegen. Unten wiederum laufen die Pferde direkt auf den Höllenschlund zu. Man kann schnell ahnen, worauf die Sache hinausläuft. Oben im Bild sind es die Anhänger der Reformation, die den Weg in die Nähe zu Christus gefunden haben, während unten die Anhänger der alten Kirche direkt auf den Höllenschlund zu fahren. Auch die Werkgerechtigkeit der Papstkirche wird thematisiert: „Unser Will macht guter Werck Substanz“ heißt es dort, während oben bei den Anhängern der Reformation auf Gottes Wille verwiesen wird, der geschehen möge.

Und wer das Bild eine Weile betrachtet, der wird auch die kleinen Teufel finden, die hier zu sehen sind. Oben greift einer von ihnen in ein Rad der Kutsche, unten sind die unheilvollen Gesellen am Höllenschlund beschäftigt.

Wie Cranachs Holzschnitt nach Wittbrietzen kam, weiß man nicht so ganz genau. Zumindest hat es mit dem einstigen Lausitzer Landadligen Caspar von Köckritz zu tun, in dessen Besitz sich der Holzschnitt einst befand. Köckritz sei Page am Hof Friedrichs des Weisen in Wittenberg gewesen, erzählt Detlef Fechner. Dort habe Köckritz auch seine Ausbildung erhalten. Für das Jahr 1521 ist seine Hochzeit überliefert. Und damit kommt Wittbrietzen ins Spiel. Denn die Familie von Köckritz’ Frau war dort ansässig. Da das Ehepaar kinderlos blieb, könnte es sein, dass nach dem Tod der Eheleute die Familie der Frau in den Besitz des Holzschnitts kam. Köckritz habe viele Schriften der Reformation gesammelt und mit ihnen auch selbst inhaltlich gearbeitet, erzählt Fechner. Und ein besonders interessantes Detail aus Köckritz’ Leben weiß Fechner ebenfalls zu berichten: „Man kann sagen, er gehörte zum engeren Freundes- und Bekanntenkreis von Luther.“

Näheres zu Köckritz und dem Holzschnitt morgen ab 15 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus Wittbrietzen, Dorfplatz 5. Das Original des Schnitts wird ab dem 8. September im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam zu sehen sein.

 

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Was Luther aß, darüber sprach eine Historikerin in Potsdam.

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