Helfen durch zählen : Das mysteriöse Meisensterben

Woran die Blaumeisen sterben, ist noch offen. Den Vögeln kann aber auch durch die im Mai stattfindende Zählung geholfen werden.

Sandra Dassler
Bei der „Stunde der Gartenfreunde“ sollen Vögel gezählt werden. 
Bei der „Stunde der Gartenfreunde“ sollen Vögel gezählt werden. Foto: Bert Schreck/promo

Potsdam - Der Naturschutzbund (Nabu) Brandenburg hat Meldungen relativiert, wonach die Ursache des mysteriösen Blaumeisensterbens gefunden wurde, das seit einigen Wochen Vogelfreunde beunruhigt. „Das Bakterium wurde nach meinem Wissensstand bisher deutschlandweit erst in drei Vögeln nachgewiesen“, sagte Naturschutzreferentin Manuela Brecht vom Nabu Potsdam am Mittwoch. „Und zwar zweimal in Niedersachsen und einmal in Brandenburg. Das reicht noch nicht aus, um den Grund für das Sterben sicher zu bestimmen.“

Zuvor hatte das niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) mitgeteilt, dass das Bakterium Suttonella ornithocola offenbar die Ursache sei. Es war erstmalig 1996 in England und Wales als Grund für ein massives Meisensterben nachgewiesen worden. Erkrankte Vögel zeigten Symptome einer Lungenentzündung und Erkrankungen des Darms. Über die Infektionswege ist auch heute nur wenig bekannt, allerdings seien Menschen und andere Tiere wohl nicht gefährdet.

Hygieneregeln sollten eingehalten werden

Auch letztere Aussage würde Manuela Brecht so nicht unterschreiben. „Wir wissen bislang einfach zu wenig, um eine Übertragung auf andere Tiere oder Menschen absolut auszuschließen“, sagt sie: „In jedem Fall sollten beim Umgang mit den toten Vögeln die Hygieneregeln eingehalten werden.“

Das Meisensterben hatte Mitte März in Süddeutschland begonnen, mehr als 11.000 tote oder erkrankte Meisen wurden seither gemeldet. In Berlin waren es allein über Ostern 85 und in Brandenburg 111. Die Vögel wirken aufgeplustert, apathisch und fliehen nicht vor Menschen.

Private Fütterung einstellen, wenn kranke Tiere auftauchen

Der Nabu hat die Bevölkerung aufgefordert, die private Fütterung auf Balkonen, Terrassen und im Garten einzustellen, wenn kranke oder tote Tiere entdeckt werden. Einschicken sollte man nur frische Kadaver – und zwar an das Landeslabor Berlin-Brandenburg, Abteilung III: Tierseuchendiagnostik, Gerhard-Neumann-Straße 2, 15236 Frankfurt (Oder). Meldungen über kranke und tote Vögel können über das Online-Formular www.nabu.de/Meisensterben abgegeben werden.

„Um sicher zu sein, welche Ursache das Sterben hat, müssen wir weitere Untersuchungsergebnisse abwarten“, sagt Manuela Brecht: „Möglicherweise sind derzeit mehrere Erreger in der Vogelwelt unterwegs, was auch nicht völlig ungewöhnlich ist.“

Hilfe bei der Stunde der Gartenvögel

Wer ein Herz für Vögel hat, könne dies aber auch zeigen, indem er sich an der „Stunde der Gartenvögel“ beteilige, wirbt die Naturschutzreferentin für die bevorstehende große Aktion des Nabu vom 8. bis 10. Mai. Dabei sind die Bürger aufgerufen, eine Stunde lang im Garten, am Fenster, auf dem Balkon oder einfach an einer Straßenecke die Vögel zu beobachten. Gemeldet werde dann lediglich die größte Anzahl zeitgleich gesichteter Vögel der selben Art, also etwa fünf Haussperlinge, vier Amseln, zwei Blaumeisen.

Die Zählung, an der sich seit Jahren immer mehr Menschen beteiligen, dient unter anderem dazu, langfristige Trends im Vogelbestand zu erkennen und gegebenenfalls etwa mit verstärkten Schutzmaßnahmen darauf zu reagieren.

Insektensterben wirkt sich auf Vögel aus

Außerdem mache die „Stunde der Gartenvögel“ ebenso wie die ebenfalls alljährlich stattfindende „Stunde der Wintervögel“ vielen Menschen Freude. So beteiligten sich im Jahr 2018 in Berlin 1733 Menschen an der Aktion, ein Jahr später waren es schon 2324. In Brandenburg wuchs die Beteiligung im gleichen Zeitraum sogar von 2473 auf 3781 Bürger.

„Vielen ist inzwischen auch bewusst geworden, dass es ein Problem mit dem Insekten- und dem Vogelsterben gibt“, sagt Manuela Brecht. So sei etwa die Zahl der Mauersegler und auch die der Mehlschwalben dramatisch zurückgegangen. Der Haussperling hingegen scheint besonders in Berlin und Brandenburg von den warmen Sommern zu profitieren: Er steht in beiden Ländern mit stabilen Zahlen an erster Stelle der Zählung im Mai.

An zweiter Stelle kommt der Star, dessen Bestand sogar zugenommen hat. Auf Platz 3 liegt in Brandenburg der Feldsperling, in Berlin die Amsel, gefolgt von Kohlmeise und Blaumeise. Am meisten helfe man den Vögeln allerdings, wenn man seinen Garten naturnah anlege, sagt Manuela Brecht: „Vielleicht nutzen ja einige die Zeit der Kontaktsperre dafür.“ Auf den Seiten des Nabu findet man jedenfalls viele Tipps dafür. Motto: „Gönn‘ dir Garten“.

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