Potsdam-Mittelmark : Gesellschaft ohne Gesellen

Handwerkskammer Potsdam blickt optimistisch in die Zukunft / Christophers: „Handwerk ist Elite“

Andreas Koska
Kaum gefragt: Viele Ausbildungsplätze im Handwerk sind noch unbesetzt.
Kaum gefragt: Viele Ausbildungsplätze im Handwerk sind noch unbesetzt.Foto: dpa

Schwielowsee - Selbstbewusstsein nach der Krise: Als „Wirtschaftsmacht von nebenan“ wirbt die Handwerkskammer (HWK) zurzeit auf Plakaten und in Werbespots für den Mittelstand. Die bundesweite Imagekampagne spielte auch auf dem mittlerweile 14. Gesellentag der Potsdamer Kammer im Märkischen Gildehaus Caputh am Samstag eine Rolle – auf Plakaten und im Grundtenor der Redebeiträge. „80 Prozent unserer Handwerksbetriebe blicken optimistisch auf dieses Jahr“, sagte Präsident Bernd Ebert.

„Das Brandenburger Handwerk als Konjunkturmotor?“, so der Titel der Veranstaltung, der des Fragezeichens offenbar gar nicht bedurft hätte. „Wir stehen mit gefestigten Arbeitnehmerzahlen da, das Krisentelefon wurde eingestampft, weil keiner anrief“ so der Handwerkerpräsident. Gleichzeitig konstatierte er jedoch einen Rückgang im Kfz-Handwerk, was er auf die Abwrackprämie zurückführte. Angesprochen wurde auch das Thema Mindestlohn: Den sah Ebert nicht als Problem des Handwerks. „Der gut ausgebildete, hochqualifizierte Geselle ist vom Mindestlohn nicht betroffen“ sagte er, musste sich jedoch die schlecht bezahlte Friseurin als Gegenbeispiel vorhalten lassen. Problematisch am Mindestlohn sei nicht die Einführung, sondern die Kontrolle, so Ebert.

Ähnlich äußerte sich Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christophers (Die Linke). „Es wird viel von Eliten geredet – Handwerk aber ist Elite“ so Christoffers. Er kündigte an, dass am Dienstag im Regierungskabinett die Eckwerte für das neue Vergabegesetz beschlossen werden sollen. Dabei wolle man einen Mindestlohn von 7,50 Euro festlegen. Als eine Besonderheit kündigte der Minister an, dass neben dem Wirtschaftsrat jetzt auch ein Arbeitskreis Gewerkschaften in seinem Haus angesiedelt werden soll. „Wir wollen mit ihnen im Gespräch bleiben“ sagte er und wandte sich damit an die Anwesenden in Caputh, die tatsächlich mehrheitlich Gewerkschaftsfunktionäre waren.

Hochkarätig besetzt war auch das Podium: Neben Wirtschaftsminister und HWK-Präsident war auch der Chef der Gewerkschaft Nahrung, Genuss und Gaststätten (NGG), Franz-Josef Möllenberg, sowie der brandenburgische DGB-Vorsitzende Detlef Baer dabei. Zirka 30 Gäste – und damit nur halb so viele wie erwartet – saßen im Publikum. Von Gesellen indes kaum eine Spur. „Die Gesellen aus kleinen Handwerksbetrieben kommen zu solchen Veranstaltungen nicht“ gab HWK-Geschäftsführer Wolfgang König offen zu. „Trotzdem war es interessant zu hören was die Arbeitnehmer sagen“, sagte König weiter.

Peter Juris und Bernd Betzien sind solche Arbeitnehmer, arbeiten als Kfz-Mechaniker in Potsdam. Juris ist zudem im Betriebsrat und in der Handwerkskammer aktiv. „Hier hat man die Möglichkeit, die Politiker zu treffen“ beschrieb er seine Motivation. Betzien freue sich auf die Chance, auch andere Gewerkschaftsvertreter zu treffen. Beide sehen die Gefahr der Abwanderung in vor allem westdeutsche Bundesländer oder die Industrie. „Allein die Unterschiede bei der Ausbildungsvergütung zwischen Industrie und Handwerk sind so groß, dass viele Lehrstellen unbesetzt bleiben“ so Betzien. Im Augenblick seien 165 Ausbildungsplätze im Handwerk noch zu haben. Der von Detlef Baer geäußerten Kritik an Leiharbeit konnte Wolfgang König entgegnen, dass im Potsdamer Kammerbezirk keine Betriebe Leiharbeiter beschäftigen oder gar Leiharbeitsfirmen gründen wollen.

Bernd Ebert betonte, er habe nichts gegen Tarifverträge. „Die Innungen haben als Tarifpartner eine wichtige Aufgabe“, sagte er. Gleichzeitig bedauerte der HWK-Präsident die Innungsflucht vieler Handwerksbetriebe. „Die Mitgliedschaft war früher die Ehre des Handwerkes, jetzt stehen die Kosten der Mitgliedschaft im Vordergrund“ so der Präsident und Schornsteinfegermeister über die sinkende Akzeptanz. Andreas Koska