"Friedensaktivisten" fahren nach Russland : Mit Herz und Taube nach Moskau

Mario Schwarz will an Autokorso nach Russland teilnehmen. Medienpartner ist ein russischer Staatskanal.

Henry Klix
Mag Russland und die Russen. Mario Schwarz aus Ferch.
Mag Russland und die Russen. Mario Schwarz aus Ferch.Foto: hkx

Schwielowsee/Berlin - Die Veranstalter nennen es „Geopolitik von unten“: Etwa 250 Menschen wollen im August zu einem Autokorso von Berlin nach Moskau aufbrechen. Unter ihnen ist Mario Schwarz aus Ferch, der seinen fünfjährigen Sohn und seinen Vater im VW-Bus dabeihaben wird. Wie die anderen Teilnehmer wird ein Aufkleber daran kleben: ein Herz mit einer Friedenstaube, im Hintergrund die Farben der deutschen und der russischen Flagge.

Mario Schwarz ist 43 Jahre alt und stammt aus Thüringen. Der selbstständige Nachrichteningenieur hat 1995, „als alles in die andere Richtung wollte“, ein Semester in St. Petersburg studiert, hat dort noch Freunde und reist öfter nach Russland oder ins Baltikum. Er mag Russland und die Russen, ein bisschen Russisch spricht er auch und hat fürs Foto Matroschkas im Schrank. Ganz so harmlos ist die Friedensfahrt freilich nicht.

Die Sanktionen nach der völkerrechtswidrigen Krim-Annektion, die Nato-Manöver im Baltikum, die „Kriegsrhetorik“ – Schwarz hat den Eindruck, dass das Verhältnis zu Russland gerade in eine Sackgasse steuert. „Ich war richtig froh, dass Steinmeier endlich mal zurückgerudert ist“, sagt er mit Verweis auf die jüngste Warnung des Bundesaußenministers, die Lage durch Säbelrasseln und Kriegsgeheul nicht weiter anzuheizen.

Seinen Sommerurlaub will Mario Schwarz nun mit anderen „Friedensaktivisten“ hergeben, um ein Zeichen zu setzen. „Wir wollen nicht nur nach Moskau fahren, wir wollen mit Russen in Kontakt treten“, sagt er. Sie würden den Westeuropäern von den Medien zunehmend als „böse und gefährlich“ dargestellt. „Wenn man die russische Mentalität kennt, weiß man, dass das übertrieben ist.“

Schwarz ist sich darüber im Klaren, dass die Fahrt der russischen Propaganda in die Hände spielen wird. „Vor allem bin ich aber gespannt, was die westliche Propaganda daraus machen wird.“ Er ist nicht frei von Verschwörungstheorien und informiert sich nicht nur bei „Mainstream-Medien“, sondern zum Beispiel auch beim Onlineportal KenFM des umstrittenen Journalisten Ken Jebsen.

Jebsen will wissen, wer den Holocaust als PR erfunden und wie Goebbels die entsprechenden Kampagnen umgesetzt habe. Er meint, dass Israel die „Endlösung für Palästina“ will. Er hat sich mit solchen Positionen ins Abseits manövriert. Früher hatte Jebsen eine Sendung im Radiosender Fritz, der rbb hat sich Ende 2011 von ihm getrennt, weil seine Beiträge nicht den journalistischen Standards des rbb entsprochen hätten. Jebsens Netzkanal hat derweil nach wie vor ein Publikum, bei KenFM wurde auch die Idee zu der Friedensfahrt geboren, wie Mitorganisator Rainer Rothfuß auf PNN-Anfrage erklärt.

Der Geograf und Konfliktforscher war dort voriges Jahr Gast eines Polittalks, bei dem es um sein Lieblingsthema, die Entstehung von Feindbildern, ging. „Mit der Friedensfahrt nach Moskau wollen wir versuchen, der Feindbildentstehung entgegenzuwirken“, sagt er. Der Nato wirft Rothfuß eine „Provokationsstrategie“ vor. Medienpartner des Events ist neben KenFM der staatsfinanzierte russische Auslandskanal RT Deutsch – der auch nicht gerade für Mäßigung bekannt ist. Dass sich ein gewisses Milieu von der Idee angezogen fühlt, dürfe man den Organisatoren nicht übelnehmen, sagt Rothfuß. „Wir wollen aus der Ecke raus.“

Es gehe bei der Friedensfahrt um ein Signal, dass es Menschen nicht egal ist, wie sich die Beziehungen zu Russland entwickeln. „Wir möchten uns kennenlernen und nicht damit leben, dass Russland von Europa gespalten bleibt.“ Das Herz und die Taube seien dafür ein klares Symbol. Womöglich werde es in Moskau Kontakt zu Regierungsvertretern geben. Um kritische Themen und Menschenrechtsfragen wolle man dann keinen Bogen machen. „Wir kommen aber nicht mit erhobenem Zeigefinger.“ Ein Rezept zur Entspannung sei, auch mal Positionen des Gegenübers einzunehmen.

Zum Start am 7. August in Berlin soll es am Brandenburger Tor eine Kundgebung geben, genauso wie am Zielort Moskau, den man am 16. August erreichen will. 

 

Richtigstellung vom 8. Juli, 18 Uhr:

Wir haben im Beitrag "Mit Herz und Taube", der in der PNN-Ausgabe vom 29. Juni 2016 und am selben Tag online veröffentlicht wurde, geäußert, dass der ehemalige RBB-Moderator Ken Jebsen „glaubt zu wissen, wer den Holocaust erfunden hat“. Das vollständige Zitat Jebsens lautet: „Ich weiß, wer den Holocaust als PR erfunden hat (...) Goebbels hat das gelesen und umgesetzt“. Wir haben nicht beabsichtigt, den Eindruck zu erwecken, dass Herr Jebsen den Holocaust leugnet oder je geleugnet hat.

 

Die Redaktion