Potsdam-Mittelmark : Fressen und laufen

Naturauslauf für Rösser: Pferdesportverein Töplitz richtet ersten „Trail Paddock“ Brandenburgs ein

Henry Klix
Paradiesische Koppel in Leest. Die Idee stammt von einem Hufschmied.Alle Bilder anzeigen
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18.08.2013 21:55Paradiesische Koppel in Leest. Die Idee stammt von einem Hufschmied.

Werder (Havel) - Der Pferdesportverein Töplitz ist nicht für seine sportlichen Erfolge bekannt. An Wettkämpfen nimmt der Verein nicht teil. Die Mitglieder konzentrieren sich voll auf die möglichst artgerechte Haltung der Pferde auf dem ausgedehnten Reiterhof in Leest. Die Tiere haben längere Auslaufzeiten als auf anderen Höfen, werden öfter und mit kleineren Heurationen gefüttert, bleiben barhuf und müssen nicht fürchten, geschunden zu werden.

„Wir wollen, dass es den Pferden gut geht“, sagt Vereinsvorsitzende Babett Neelsen. In der Beziehung haben die 80 meist jugendlichen Mitglieder gern die Nase vorn. In den Ferien ist auf dem Reiterhof ein „Trail Paddock“ entstanden, ein naturnaher Pferdeauslauf, der auf Ideen des US-amerikanischen Pferdeexperten und Sachbuchautors Jaime Jackson beruht. Babett Neelsen glaubt, es ist eine Premiere, dass ein brandenburgischer Reitsportverein Jacksons Konzept für eine artgerechte Pferdehaltung umsetzt.

Den 65-jährigen gelernten Hufschmied hat sein Leben lang interessiert, warum Wildpferde so viel gesünder sind und bessere Hufe haben als ihre domestizierten Artgenossen. Er studierte in den Reservaten Nordamerikas ihr Leben und gab mehrere Bücher darüber heraus. Vor sieben Jahren dann erschien mit „Paddock Paradise“ sein wichtigstes und inzwischen in mehrere Sprachen übersetztes Werk. Den Namen „Paddock Paradise“, der für einen artgerechten Auslauf steht, hat sich ein Niederländer schützen lassen. In Deutschland sind darum mehrere Bezeichnungen für Jacksons Konzept in Umlauf.

Um die ausgedehnten Pfade der Wildpferde zu simulieren, trennte sich Jackson vom Prinzip der Rechteckigkeit. Stattdessen werden Rundwege mit Bäumen, Sträuchern und unterschiedlichen Untergründen, mit Kratzpfählen, Schatten- und Wälzplätzen geschaffen. Entlang der Strecke gibt es mehrere Futterstellen. So will er sich dem natürlichen Umfeld von Wildpferden etwas nähern, in dem die Tiere abwechselnd fressen und laufen.

GPS-Messungen auf dem Hof Hesenstein bei Bad Hersfeld (Hessen) haben gezeigt, dass sich die Pferde im „Paddock Paradise“ deutlich mehr bewegen: 16 bis 22 Kilometer sind sie an einem Tag unterwegs, sind elastischer, gesünder und ausgewogener. Vorher-Nachher-Fotos von Haltern zeigen, wie sich die Hufqualität verbessert.

Auf die gesundheitsfördernden Effekte hofft man jetzt auch in Leest. Laut Neelsen gehen Pferde in der Boxenhaltung am Tag kaum 200 Meter, selbst wenn sie Auslaufzeiten haben, kommen kaum mehr als zwei Kilometer zusammen. Der vier bis zwölf Meter breite und 500 Meter lange „Trail Paddock“ soll das auch beim Töplitzer Pferdesportverein ändern. Rund um einen Teil des Vereinsgeländes ist der Pfad mit seinen beiden Enden an eine Koppel angeschlossen, die die Tiere schon als Auslauffläche kennen.

Am Anfang ließen sie sich noch von Vereinsmitgliedern die neue Strecke entlangführen, waren irritiert und brachen auch mal aus. Aber Neelsen hat beobachtet, wie sich das zu ändern beginnt. „Inzwischen tappeln sie den Rundweg liebend gerne ab und sind neugierig, was es zu entdecken gibt.

Entlang der Strecke sollen jetzt noch ein paar Hindernisse wie ein quergelegter Baumstamm ausgelegt werden, auf einem Stück des Weges soll Schotter verlegt werden. Der Wechsel des Untergrundes fördert das Hufwachstum. Insgesamt zwölf Futterstellen gibt es, die auch dazu dienen sollen, die Tiere auf den Pfad zu locken. Außerdem werde es für schwächere Tiere einfacher, einen ungestörten Fressplatz zu finden, sagt Neelsen. Der Ortsbeirat hat das Projekt mit 800 Euro für Material unterstützt.

Der Trail lässt sich an mehreren Seiten zu Weideflächen öffnen. „Ich bin davon überzeugt, dass das alles mehr Lebensqualität für unsere Pferde bringen wird“, so Neelsen. Sie weiß natürlich, dass nicht jeder Reitverein über ein zwölf Hektar großes Gelände verfügt. In Leest konnte man für den „Trail Paddock“ einen verwilderten Geländeteil nutzen. Mit etwas Fantasie sei aber auf engeren Höfen ein solcher Laufpfad machbar.

Dass Jugendlichen im Töplitzer Reitsportverein das Pferd nicht nur als Sportgerät nähergebracht wird, funktioniere überhaupt sehr gut, sagt Neelsen. Die 22 Tiere hier versorgen sie mit drei Teilzeitbeschäftigen allein. Altersentsprechend werden Aufgaben übertragen. „Eine begeisterte 16-Jährige kann durchaus eigenverantwortlich das Gespräch mit einem Tierarzt führen, wenn es um die Belange ihres Tieres geht“, meint Neelsen. Auch den „Trail Paddock“ haben die Mitglieder in den Ferien allein verwirklicht – damit sich ihre Pferde wohlfühlen in Leest.

Der „Trail Paddock“ kann am 8. September ab 14 Uhr zum Tag der offenen Tür besichtigt werden. Der Reiterhof Leest befindet sich im Werderaner Ortsteil Töplitz, An der Wublitz 1.