Flugzeugabsturz im Zweiten Weltkrieg : Das letzte Rätsel um den toten Dichter

Vor 75 Jahren wurde eine Lancaster über Kleinmachnow abgeschossen. Mit an Bord: der bekannte norwegische Dichter Nordahl Grieg. Nun sollen die letzten offenen Fragen des Absturzes beantwortet werden.

2003 wurde auf Bitten Norwegens in der Nähe des Machnower Sees ein Gedenkstein für Grieg und die weiteren Opfer aufgestellt.
2003 wurde auf Bitten Norwegens in der Nähe des Machnower Sees ein Gedenkstein für Grieg und die weiteren Opfer aufgestellt.Foto: Heimatverein Kleinmachnow

Kleinmachnow - Im Dezember vor 75 Jahren stürzte über dem Machnower See am Fuße der Neuen Hakeburg in Kleinmachnow ein britischer Bomber der Royal Air Force ab. Die Maschine, die neben mehr als 450 weiteren Flugzeugen einen Großangriff auf die Reichshauptstadt Berlin flog, explodierte noch in der Luft, nachdem sie von deutschen Soldaten attackiert und getroffen worden war. An Bord vier Briten, drei Australier und – wie sich erst später herausstellte – der norwegische Journalist und Schriftsteller Nordahl Grieg. Im Jahr des 75. Todestages des prominenten Norwegers geht der Kleinmachnower Heimatverein nun daran, eine der letzten noch offenen Fragen des Absturzes zu klären. 

Auf dem Grund des Sees wird noch heute ein Motor der viermotorigen Lancaster vermutet, den der Verein suchen und wenn möglich bergen will. Noch aber fehle es an einem eindeutigen Beweis, so Heimatforscher Rudi Mach.

Ein Motor könnte noch auf dem Grund des Sees liegen

Für den Blankenfelder Wissenschaftler Rudolf Laser, der 2013 seine Recherchen zur damaligen „Battle of Berlin“ in einer Broschüre veröffentlichte, steht allerdings außer Frage, dass der Motor noch auf dem Seeboden liegt. Nach seinen Recherchen soll die Maschine am Nachmittag des 2. Dezember 1943 gegen 16.30 Uhr vom englischen Militärflugplatz Binbrook mit Ziel Berlin gestartet sein. Vier Stunden später erhellte die Explosion des Fliegers den Abendhimmel über dem Teltower Kreisgebiet. 

Die vermutlich von Nachtjägern getroffene Maschine hatte bereits in Teltow Höhe Badstraße die rechte Tragfläche mit zwei Motoren verloren, ein weiterer Motor soll südlich des Sees unweit des Forsthauses eingeschlagen sein, der Rumpf in Nähe zur Hakeburg, wo 2003 auf Bitten der norwegischen Botschaft ein Gedenkstein für Grieg und die weiteren Opfer errichtet worden war.

Der vierte, bislang verschollene Motor soll vor der Schleuse im Kleinmachnower Hafen, schräg gegenüber der heutigen Wasserbauschule, ins Wasser gefallen sein. „Bisher hatte keiner Interesse und Geld danach zu suchen“, erklärte der 90-jährige Rudolf Laser den PNN. „Er muss also noch dort sein.“

Vieles wurde schon aus den Gewässern geholt und zu Geld gemacht

Unterwasserarchäologe Lino von Gartzen ist sich da weniger sicher. „Nicht alles, was aus den Gewässern geholt wurde, wurde auch dokumentiert“, sagt der aus Bayern stammende Wrackforscher, von dem sich der Heimatverein Hilfe bei der möglichen Bergung erhofft. Schon im Zweiten Weltkrieg sei die Suche und Bergung von Flugzeugwracks professionalisiert worden, meint Gartzen. Metalle und Aluminium waren knapp, wurden aber für die Kriegswirtschaft dringend benötigt. 

Auch Rudolf Laser bestätigt das. So sollen die an Land aufgeschlagenen Motoren der in Kleinmachnow abgestürzten Lancaster von der Wehrmacht eingesammelt und zur Metall- und Kupfergewinnung nach Frankfurt/Oder verschickt worden sein. Aber auch in den Nachkriegsjahren hätten sich für Metall noch sehr gute Preise erzielen lassen, so Gartzen. Vor allem im Westen, hätten selbst Landwirte zur Tauchausrüstung gegriffen und alles, was möglich war, aus dem Wasser geholt, berichtet er.

Einer der Tragflügel soll Jahrzehnte im Teltowkanal getrieben haben

In Kleinmachnow könnte es anders gewesen sein: Einer der Tragflügel der abgestürzten Lancaster trieb offenbar Jahrzehnte im Teltowkanal. Erst 1979, als der zu DDR-Zeiten gesperrte Kanal wieder für die Schifffahrt freigegeben werden sollte, wurde der Flügel aus dem Wasser gefischt und verschrottet. 

Viele weitere Jahre später, als eine norwegische Delegation nach Kleinmachnow gekommen war, um nach ihrem Landsmann zu suchen, wurde im Zuge der Recherchen ein weiteres zur Tragfläche gehöriges Teil entdeckt. Fritz-Joachim Behrendt, Sohn des Forsthausbesitzers Fritz Behrendt, hatte sich erinnert, wie sein Großvater im Winter 1944 ein Teil des Flügels vom Ufer zum Anwesen schleppte. Mit dem zweimal 1,80 Meter großen Tragflächenstück hatte er seinen Schafstall abgedeckt. 2002 entdeckten Fritz-Joachim Behrendt und Ortschronist Günter Käbelmann das gesuchte Teil in dem mittlerweile stark baufälligen Schuppen. Inzwischen ziert es den Lichthof der Norwegischen Botschaft in Berlin.

2011 fand ein Kleinmachnower Teile englischer Sauerstoffmasken 

2011 fanden sich weitere Teile der abgestürzten Maschine an. Ein Kleinmachnower hatte mit einem Detektor die Umgebung der Hakeburg abgesucht und war auf Teile englischer Sauerstoffmasken gestoßen, die Ortschronist Käbelmann später als zur Lancaster gehörig identifizierte.

Auch Käbelmann glaubt, dass der verschollene Motor noch im Wasser ist. Als der Kanal 1979 gesäubert worden ist, sind Arbeiter in der Tiefe auf einen schweren Gegenstand gestoßen, erzählt er. „Sie wollten ein Kabel ziehen, aber es gelang nicht“, sagt er. Jörg Augsten, Leiter der Außenstelle Neukölln des Wasserstraßen-Schifffahrtsamtes, in dessen Zuständigkeitsbereich die Kleinmachnower Schleuse fällt, bestätigt zwar, dass ältere Kollegen davon erzählt hätten. Dass der Motor im Bereich der Anlegestelle zu finden ist, die heute zum Stützpunkt des WSA gehört, glaube er aber nicht. Das Areal an der Schleuse sei im Zuge des geplanten Ausbaus ausgiebig sondiert worden, erklärt er. 

Einer Suche außerhalb der Fahrrinne stelle sich das WSA bei entsprechender Planung aber nicht in den Weg. Ob der Metallklotz geborgen werden kann, hänge Gartzen zufolge aber noch von vielen weiteren Faktoren ab. Liegt er noch dort, befinde er sich vermutlich metertief im Schlick.


ZUR PERSON: 

Johan Nordahl Brun Grieg wurde am 1. November 1902 im norwegischen Bergen geboren, studierte Englisch und Philosophie. Als Journalist unternahm er in den 1920er und 1930er Jahren Reportagereisen nach China und Spanien, schrieb aber auch Gedichte und Bühnenwerke. Von 1933 bis 1935 lebte er in der Sowjetunion. Von dort kehrte Grieg als bekennender Linker zurück. Nach dem Überfall der Deutschen auf Norwegen schloss er sich 1940 freiwillig der norwegischen Armee an und half, Königsfamilie, Regierung und Goldreserven nach Großbritannien zu evakuieren. In London diente er im weiteren der norwegischen Exilregierung als Kriegskorrespondent. Am Nachmittag des 2. Dezember 1943 bestieg er in Binbrook als achtes Besatzungsmitglied die Lancaster LM 316, mit der er wenig später in den Tod flog. Zu einem seiner bekanntesten Werke zählt das 1936 veröffentlichte Gedicht „Til ungdommen“, das später auch vertont und zu einem Klassiker wurde. Grieg wurde auf dem Militärfriedhof in Dallgow-Döberitz beerdigt. Der Friedhof ist mittlerweile eingeebnet. Während bekannte Opfer zuvor nach Berlin umgebettet worden waren, wird angenommen, dass der zunächst hierzulande unbekannte Kriegsberichterstatter noch immer dort im märkischen Sand ruht.