Flüchtlinge in Ferch : Unterwegs und in Bewegung

Im Erstaufnahmelager Ferch bekommen Flüchtlingskinder - organisiert durch eine regionale Initiative von Manfred Beger - ein wöchentliches Fußballtraining. Ein Paradebeispiel.

Henry Klix
Netzwerken in Ferch. Letzte Vorbereitungen zum Training am Dienstagnachmittag.
Netzwerken in Ferch. Letzte Vorbereitungen zum Training am Dienstagnachmittag.Foto: Henry Klix

Schwielowsee - Die Kofferraumklappe des Kombis wird geöffnet und die mit Fußbällen gefüllten Netze sind noch nicht ganz draußen, da ist Manfred Beger mit seinen Helfern schon umringt von Dutzenden arabisch lärmenden Kindern. Von unzähligen kleinen Armen werden Tore und Kegel aufgestellt, erste Bälle fliegen bereits durch die Szenerie und alles wirkt etwas chaotisch. Doch als das Training am Ball beginnt, stellt sich Ordnung ein und Mütter dokumentieren am Spielfeldrand mit Smartphones stolz ihren dribbelnden Nachwuchs.

Einmal in der Woche wird im Erstaufnahmeheim in Ferch ein Fußballtraining für Flüchtlingskinder veranstaltet. Fußballtrainer Beger, im regionalen Flüchtlingsnetzwerk engagiert, hatte die Idee zu dem Projekt, dem er den Namen „on the move“ gegeben hat. Unterwegs und in Bewegung sein – im Deutschen gibt es den doppelten, hier so treffend scheinenden Wortsinn nicht.

Erste deutsche Vokabeln beim Training

„Die Menschen leben nur für kurze Zeit in den Erstaufnahmeeinrichtungen, bevor sie auf die Flüchtlingsheime in den Kommunen verteilt werden“, sagt der Fercher. Eltern würden ihre Kinder nur ungern aus diesem geschützten Raum wegschicken. „Dann kommen wir eben her“, dachte sich Beger, und fand für die Idee nicht nur Verbündete bei seinem SV Ferch, wo er die C-Juniorinnen trainiert. Auch die Caputher Sportgemeinschaft, die Eintracht Glindow und Werders Viktoria unterstützen das Projekt, das durch den Landessportbund und die Flickstiftung in Potsdam finanziell flankiert wird. Bälle, Tore, Fahrtgelder – all das muss bezahlt werden, wobei Turnschuhe auch schon mal durch eine Sammlung der Potsdamer Sportschule zusammenkommen.

Beim Training versucht Manfred Beger, den Kindern erste deutsche Vokabeln zu vermitteln. Beim Skipping etwa sollen sie einen vor ihnen liegenden Fußball nacheinander mit Sohle, Knie und Brust berühren. Beger zeigt auf die Körperstellen, als er die Worte nennt, führt dann vor, wie er es meint. Einige der Kinder begreifen schnell und sind auch sportlich auf der Höhe. Mit der Hilfe von Saad Hosari, der die Übungen mitmacht und hier und da ins Arabische übersetzt, klappt es dann bei fast allen.

Die Eltern und drei Schwestern in Aleppo zurückgelassen

Saad Hosari stammt aus Syrien, wurde in Aleppo als Sportlehrer in mehreren Mannschaftssportarten ausgebildet. Er ist seit vier Monaten in Deutschland, seine Eltern und die drei Schwestern musste er im vom Bürgerkrieg zerrütteten, vom Islamischen Staat, Milizen und dem eigenen Militär terrorisierten Land zurücklassen.

Im Erstaufnahmelager lernte er Manfred Beger kennen, der ihn als Fußballtrainer anwarb. „Ich habe in Syrien gelernt, mit Kindern zu trainieren und bin froh, dass ich das in Deutschland auch machen kann“, sagt der 25-Jährige – etwas Normalität in einem kräftezehrenden Jahr. Ein großes Glück sei gewesen, dass er von Ferch aus nicht in ein weit entferntes Asylbewerberheim vermittelt wurde, sondern nach Potsdam, wo er inzwischen lebt. Trotz schlechter Busverbindung ist die wöchentliche Fahrt zum Training damit für ihn machbar geblieben. Im November hofft er auf seine Aufenthaltserlaubnis.

"Einstieg in neue Heimat erleichtern"

Für den Landessportbund Brandenburg ist Ferch ein Paradebeispiel dafür, was bei der Flüchtlingshilfe durch Sportvereine geleistet werden kann, erklärt Uwe Koch. Er ist Leiter des Projektes „Integration durch Sport“, mit dem seit Jahren die Integration von Zuwanderern in Sportvereinen unterstützt wird und dessen Bedeutung angesichts des Zustroms wächst. Projektziel sei, sagt Koch, den Einstieg in eine mögliche neue Heimat zu erleichtern, Begegnungen auf Augenhöhe zu ermöglichen und die Gesellschaft interkulturell zu öffnen. Und das werde in Ferch beispielhaft umgesetzt.

Zu den rund 50 Sportvereinen, die diese Arbeit in Brandenburg unterstützen, sind in jüngster Zeit nochmal so viele dazugekommen. Der Landessportbund hilft ihnen nicht nur mit Geld für Trainer, Versicherungen, Sportgeräte und Hallenzeiten, sondern zum Beispiel auch mit Beratungsleistungen und Weiterbildungen, „damit aus sportlichen keine interkulturellen Konflikte werden“, wie er sagt.

Projekt "on the move" soll ausgebaut werden

In Ferch bleibt am Trainingsnachmittag alles friedlich, spürt man an strahlenden Menschen, wie willkommen die Abwechslung ist. Manfred Beger hat sich unterdessen gerade erst warmgelaufen. Sein Projekt „on the move“, an dem auch die in Ferch lebende Ex-Turbine-Kickerin Lena Hohlfeld beteiligt ist, will er ausbauen, weitere Erstaufnahmeeinrichtungen mit seinem Kombi, mobilen Toren, Bällen und Trainerteams ansteuern. In vielen Sportvereinen seien Leute unterwegs, die sich für Flüchtlinge engagieren wollen. Die will er in Bewegung bringen.