Festgenommener Tierarzt aus Geltow : "Ich fühlte mich wie ein Schwerverbrecher"

Polizisten inhaftierten den Geltower Tierarzt Gordon Ebeling bei einem ehrenamtlichen Kastrationseinsatz auf der Mittelmeerinsel Kreta. Die Gründe sind dubios. 

Tierarzt Gordon Ebeling aus Geltow in Potsdam-Mittelmark auf der griechischen Insel Kreta.
Tierarzt Gordon Ebeling aus Geltow in Potsdam-Mittelmark auf der griechischen Insel Kreta.Foto: Privat

Geltow - Der Geltower Tierarzt Gordon Ebeling und vier Mitstreiter wollten das tun, was sie schon seit Jahren auf Kreta getan haben: mit einem ehrenamtlichen Kastrationseinsatz die unkontrollierte Vermehrung von wilden Katzen und Hunden zu mindern. Doch am vergangenen Mittwoch (21.10.) zwangen griechische Polizisten den 34 Jahre alten Veterinär sowie Kollegen aus Berlin und Hamburg, eine laufende Operation abzubrechen. Sie nahmen die Deutschen fest, legten ihnen Handschellen an und inhaftierten vier von ihnen unter menschenunwürdigen Bedingungen im Gefängnis der Insel-Hauptstadt Heraklion. Am Donnerstag kamen sie wieder frei.

Die PNN erreichten Ebeling, der mit seiner 38-jährigen Frau Michaela eine Tierarztpraxis in Geltow betreibt, am Sonntagnachmittag (25.10.) auf Kreta. Er schilderte, was sich zugetragen hatte: „Überrascht und schockiert” sei er am Mittwoch gewesen, als plötzlich Polizisten in den provisorischen Operationssaal im Gemeindehaus des kleinen Bergdorfs Alithini, eines Ortsteils der 11 400 Einwohner zählenden Kommune Moires bei Heraklion, gestürmt seien – obwohl der Einsatz so begonnen habe, wie so oft. Die Deutschen hätten die Kastrationsaktion mit der örtlichen Tierschutzorganisation Mesara Cares abgestimmt, der Bürgermeister von Alithini habe sie im Gemeindehaus erlaubt, die Dorfpolizei sei informiert gewesen. „Die sind uns alle wohlgesonnen, der Polizeichef wollte am Donnerstag selbst Hunde und Katzen zu uns bringen”, sagt Ebeling.

Zehn Beamte durchsuchten alles

Die Anteilnahme der Einheimischen war wie jedes Mal bei den Kastrationseinsätzen groß. Einige kamen mit wilden, eingefangenen Katzen in Körben, andere halfen beim Sterilisieren des OP-Bestecks. Doch als die Deutschen gegen 10.30 Uhr gerade eine Hündin auf dem provisorischen Operationstisch ruhiggestellt hatten, stoppte die Polizei den Eingriff. Später gesellten sich auch Kriminalbeamte und Drogenfahnder dazu. Zehn Polizeibeamte hätten, so Ebeling, die Geräte und Substanzen des Teams untersucht. Alle Gerätschaften seien konfisziert, die Handys abgenommen worden. Dann seien die Veterinäre in Handschellen zum Polizeirevier nach Moires gebracht worden. Der Helferin sei es gelungen, der Festnahme zu entgehen. „Ich habe mich gefühlt wie ein Schwerverbrecher”, sagt der Geltower Arzt.

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Polizisten verhörten die Ärzte nach seinen Angaben von 17 Uhr am Mittwoch bis 1.30 Uhr in der Nacht zum Donnerstag. Weder hätten sie erfahren, was ihnen zur Last gelegt werde, noch einen Rechtsbeistand vermittelt bekommen. Zwischendurch hieß es, sie müssten mit einem Schnellverfahren und Haftstrafen rechnen – weswegen auch immer.

Vier Deutsche wurden in Handschellen abgeführt.
Vier Deutsche wurden in Handschellen abgeführt.Foto: Privat

Dann stand eine einstündige Fahrt ins Gefängnis von Heraklion bevor. Dort durchlitten Ebeling und Kollegen eine Horror-Nacht im größten Kreta-Knast. Die Gefängnisse in Griechenland sind für unmenschliche Haftbedingungen bekannt. Ein Komitee des Europarats hat sie erst im April angeprangert. „Zu viele” Gefangene seien unter Bedingungen inhaftiert, die einen „Angriff auf die Menschenwürde” darstellten. Dazu gehöre, Häftlinge zum Schlafen auf einer Matratze auf dem Boden zu zwingen.

Bettwanzen und ein See aus Kot und Urin

Nicht nur diesen Angriff auf seine Würde musste auch Ebeling aushalten: „Matratzen auf Stein, die Bettwäsche seit Wochen nicht gewechselt. Eine Toilette für 50 Inhaftierte. Überall massiver Befall mit Bettwanzen, die Häftlinge waren völlig zerstochen. Löcher im Boden als Toilette. Sie waren übergelaufen und von einem See aus Kot und Urin umgeben.” „Mitten in der Nacht”, so Ebeling weiter, seien die Deutschen aus dem Schlaf gerissen, angebrüllt und gezwungen worden, „irgendetwas auf Griechisch zu unterschreiben, das sie nicht verstehen konnten”.

Am Donnerstag dann die Kehrtwende. Ein örtlicher Anwalt erreichte, dass die Deutschen freikamen. Um 17 Uhr checkten sie in einem Hotel ein, stillten Hunger und Durst. Seit Mittwoch um 9 Uhr hatten sie weder Essen noch Getränke bekommen. Zunächst hieß es, sie dürften Kreta nicht verlassen, bis über eine Anklage entschieden worden sei. Dann wurde der Beschluss aufgehoben. Drei Veterinäre des Teams aus Berlin und Hamburg und die Tierarzthelferin flogen am Freitag und Samstag nach Deutschland zurück.

Ebeling will sich am Montag mit einer Fähre über Athen und Italien auf den Weg nach Geltow aufmachen. Er war mit seinem Auto nach Kreta gereist. Die Veterinäre haben bereits 7500 Euro für Anwaltskosten nach Kreta überwiesen. Ein so hohes Honorar für ein paar Stunden Arbeit? Er wäre „nicht überrascht, wenn damit auch die Stimmung der Justiz zu unseren Gunsten beeinflusst werden würde”, sagt Ebeling.
Er bestätigte PNN-Recherchen, nach denen die brandenburgische „Tierschutzliga Stiftung Tier- und Naturschutz” die Übernahme der Anwaltskosten auf Kreta zugesagt hat. Ebeling: „Man hilft sich. Ich habe schon einige Kastrationseinsätze für die Liga in Cottbus durchgeführt.“

Der Hintergrund bleibt unklar

Die Hintergründe des Polizeieinsatzes sind nebulös. Der Tierarzt will erfahren haben, dass die zuständige Amtsärztin „an uns ein Exempel statuieren will”. Kastrationen würden den Handel eines großen Tierschutzvereins in Heraklion mit den Welpen von Straßenhunden erschweren. „Die Jungtiere werden nach unseren Informationen für 250 bis 350 Euro pro Exemplar verkauft. Je mehr wir kastrieren, umso geringer sind deren Einnahmemöglichkeiten“, sagt Ebeling. Es sei den Gewinnaussichten sicher nicht abträglich, wenn stimme, dass die Amtsärztin eng mit der Vorsitzenden des Tierschutzvereins befreundet sei: „Will man deswegen unsere Kastrationen verhindern?”

Der Tierarzt stellte klar, dass das Team keine Medikamente aus Deutschland nach Kreta eingeführt habe: „Das wäre illegal, und weil die Ermittler nichts gefunden haben, sind wir wohl auch schnell freigekommen. Tierschützer auf Kreta besorgen die Medikamente für uns.” Ebeling will nicht aufgeben, auch nicht auf Kreta. „Wir streben Genehmigungen von den höchsten Behörden an. Kastrationen sind wichtig, die herrenlosen Jungtiere haben oft keine Chance zu überleben.”

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