Fachkräftemangel : Mittelmark hat die meisten Ausbildungsplätze

Auf 100 Bewerber kommen 168 Stellen, nur die Prignitz hält da mit. Auch in Teltow sorgt das für unbesetzte Lehrstellen.

Die Auszubildenden Christoph Mehnert und Julia Augat. 
Die Auszubildenden Christoph Mehnert und Julia Augat. Foto: Enrico Bellin

Teltow - Ein Glück für Jugendliche, eine Herausforderung für Firmen: In Potsdam-Mittelmark kommen auf hundert Bewerber derzeit 168 Ausbildungsplätze. Gemeinsam mit der Prignitz steht die Mittelmark damit an der Spitze Brandenburgs. Während in Potsdam immerhin 140 Plätze auf hundert Bewerber kommen, sind es in der Uckermark nur 56. Diese Zahlen präsentierte die Bundesagentur für Arbeit am Mittwoch in den Räumen der Teltower Firma Diehl Metal Applications. „Die Entwicklung in den einzelnen Regionen ist extrem heterogen“, so Agentur-Bereichsleiter Bernd Becking. Besonders in der Hauptstadtregion müssten sich die Firmen anstrengen, um Ausbildungsplätze zu besetzen. In den kommenden zehn Jahren würden zudem 20 Prozent der Angestellten in Rente gehen, entsprechend hoch ist Becking zufolge der Druck, jetzt neue Fachkräfte auszubilden.

Unbesetzte Stellen bereiten Sorge

Vor diesem Problem steht auch Erik Richter, Standortpersonalleiter der Firma Diehl, die am Standort Teltow 215 Mitarbeiter beschäftigt. Allein in den nächsten drei Jahren gehen drei Werkzeugmechaniker in Rente. Derzeit bildet die Firma vier Mechaniker sowie zwei Maschinenführer aus, drei Lehrstellen sind aber unbesetzt. Zudem dauere es nach der Ausbildung noch etwa fünf Jahre, bis die Mitarbeiter den Job wirklich beherrschten. „In der Werkzeugherstellung wird es knirschen“, so Richter. In den Hallen werden Sensorenbausteine für die Automobilindustrie gefertigt, etwa für Park- oder Aufprallsensoren. Die Leiterplatinen und Metallstecker werden an Autozulieferer wie Bosch oder Continental geliefert. „Auf eine ausgeschriebene Lehrstelle haben wir im Schnitt zehn Bewerber“, so Richter. Da diese aber auch zur Firma passen müssten, habe man drei Stellen für weniger dringend benötigte Ausbildungsberufe zunächst unbesetzt gelassen.

Seit Jahrzehnten wird am Standort Metall bearbeitet, 2013 hat die Diehl-Firmengruppe das Werk in Teltow übernommen. Die Auszubildenden kommen aus einem Umkreis von 15 Kilometern, müssen aber trotzdem mobil sein: Während die Berufsschule für Werkzeugmechaniker im nahen Ludwigsfelde ist, müssen die beiden Maschinenführer zur Schule ins 70 Kilometer entfernte Brandenburg/Havel fahren. „Wir bieten unseren Auszubildenden daher an, die Kosten für Wohnheimplätze zu übernehmen. Das Pendeln ist schließlich eine enorme Belastung“, sagt der Standortpersonalleiter. Die derzeitigen Azubis würden die langen Zugfahrten trotzdem vorziehen, für ihr Ticket bekommen sie einen Zuschuss vom Land.

Erik Richter.
Erik Richter.Foto: Enrico Bellin

Interesse an technischen Berufen sei geringer

Kontakt zu künftigen Auszubildenden erhält die Firma auf Messen und in Schulen. Deshalb sei es sehr bedauerlich, dass die Teltower Ausbildungsmesse im kommenden Jahr wie berichtet wegen eines Wasserschadens ausfallen muss. Normalerweise können Jugendliche am Messestand einen Schlüssel vergolden lassen, als Andenken an die Metallverarbeitung: „So wollen wir erreichen, dass die Jugendlichen auch zuhause noch an uns denken“, sagt Richter. Auch brauche es Aufmerksamkeit: Er merke immer wieder, wie gering das Interesse Jugendlicher für technische Berufe ist, sagte Richter. „Am Wochenende auf der Messe Parentum in Potsdam war der Flur bei uns leer. Vor den Ständen von Zoll und Polizei haben sich die Jugendlichen hingegen gedrängt.“

Diese Erfahrungen hat auch Arbeitsminister Jörg Steinbach (SPD) gemacht. „Die Jugend geht sehr selektiv über diese Messen, einige unverzichtbare Berufe sind leider sehr unbeliebt“, so der Minister. Ein erster Schritt zur Besserung sei das ab dem 1. Januar 2020 geltende Gesetz zur Modernisierung und Stärkung der beruflichen Bildung, dass eine Mindestvergütung für Azubis je nach Lehrjahr zwischen 500 und 700 Euro vorsehe. Das ist Steinbach zufolge „unterste Kante“, für einige Betriebe aber eine Herausforderung. Bei Diehl in Teltow zahlt man jedoch nach Tarif: 1005 Euro erhalten Auszubildende im ersten Lehrjahr. Mit jedem weiteren Jahr kommen Erik Richter zufolge 50 Euro dazu.

Für Julia Augat war nicht nur das die Motivation, die Ausbildung zur Werkzeugmechanikerin zu beginnen: Schon ihre Oma habe in der Firma gearbeitet, die Mutter sei noch immer im Betrieb, sagt die 16-Jährige. An der Mühlendorf-Oberschule, der heutigen Teltower Gesamtschule, habe sie viele Möglichkeiten zur Berufsorientierung gehabt. „Dabei habe ich gemerkt, dass ich gern mit Technik arbeite und mir eine Arbeit im Büro nicht vorstellen kann“, so Augat. Sie ist damit eine Ausnahme: Immer weniger Frauen entscheiden sich in Brandenburg für eine Ausbildung, nur ein gutes Drittel der Bewerber um Ausbildungsplätze waren in diesem Jahr Frauen. Von ihnen entschieden sich nur sehr wenige für technische Berufe.

Dabei werden die technischen Berufe künftig in der Region wohl noch gesuchter: Mit der geplanten Ansiedlung von Tesla in Grünheide, nur etwa 45 Kilometer östlich von Teltow, wird der Bedarf an Fachkräften auch in anderen Firmen steigen, ist sich Bernd Becking sicher. Dem Arbeitsagentur-Regionalleiter zufolge müsse man bundesweit Mitarbeiter anwerben.

Auch bei Diehl könnte durch die Ansiedlung der Bedarf steigen, schließlich benötigen die Elektroautos von Tesla viele Sensoren. In einem Diehl-Werk in Zehdenick werden zudem Teile für Elektrobatterien produziert. „Derzeit merken wir die Delle in der Automobilproduktion, aber das wird sich wieder ändern“, ist sich Erik Richter sicher.