Potsdam-Mittelmark : Eine Frau mit kritischem Blick

An die Fotografin und Journalistin Marie Goslich erinnert in Geltow jetzt ein Stolperstein

Kirsten Graulich
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01.04.2013 23:05

Schwielowsee – Das genaue Todesdatum von Marie Goslich ist nicht bekannt. Auf dem Stolperstein, der für die Bildjournalistin am Montag in der Geltower Straße Am Wasser vom Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt wurde, steht nur die Jahreszahl 1938. Darüber der Hinweis, dass sie 1937 in die Landesanstalt Brandenburg-Görden eingeliefert wurde und von dort ein Jahr später nach Obrawalde, wo sich eine Nazi-Forschungsstätte zur Einführung der Euthanasie befand. Die Umstände ihres Todes sind noch ungeklärt, da bislang keine Akte gefunden wurde.

Bekannt ist jedoch, dass die „Unterbringung“ von Geisteskranken in den eroberten polnischen Gebieten eine Tarnbezeichnung für eine Krankenmord-Aktion war, bei der die Patienten von SS-Kommandos erschossen oder im Gaswagen ermordet wurden. Neuere Forschungen ergaben zudem, dass viele der „Patienten“ in der Obrawalder Heilanstalt nachweislich psychisch und physisch Gesunde waren, deren Leben aber nach den politischen Vorstellungen des NS-Regimes als „unwert“ galt.

Die 1859 in Frankfurt/Oder geborene Marie Goslich soll in ihren letzten Lebenstagen etwas zerstreut gewesen sein, erinnerte sich später der Sohn eines Gärtners, der der alleinstehenden alten Dame regelmäßig Gemüse lieferte. Im Adressbuch ist sie 1937/38 eingetragen als „Marie Kuhls, Schriftstellerin“. Nach ihrer Scheidung von dem Schriftsteller Karl Kuhls war sie 1915 nach Geltow gezogen, aber schon in den Jahren davor hatte sie viele Sommer im Gasthaus „Baumgartenbrück“ bei Familie Herrmann verbracht, in deren Gästebuch sie 1904 schrieb: „Die einzige reine Freude ist die Freude an der Natur“. Ein Jahr später beginnt sie zu fotografieren. Schon die Handhabung einer schweren Plattenkamera samt Stativ ist körperliche Schwerstarbeit für eine Frau, die zudem noch mit der ganzen Technik durch die Landschaft zieht. Marie Goslich ist zu dieser Zeit Mitarbeiterin im Potsdamer Stiftungsverlag und schreibt für dessen Zeitschrift „Bote für die christliche Frauenwelt“.

Ihre erste Fotoreportage über den Spreewald erscheint im gleichen Jahr. Anfangs sind es meist noch die feinen Bürger, die sie beim Flanieren durch den Park ablichtet, später Bauern, Fischer und Hausierer. Auch ihr Haus, das bis in die 1960er Jahre noch in der früheren Havelstraße 4 stand, ist auf einem der Fotos zu sehen. Davor auf der Straße ein Mann mit einem Hundegespann. Das Bild hängt in der Heimatstube des Ortes und Albrecht Herrmann hat es nur ausnahmsweise abgehängt, um es zu zeigen bei der Verlegung des Stolpersteines. Über 400 Fotoplatten hat Albrecht Herrmanns Mutter, Lieselotte Herrmann, von Marie Goslich aufbewahrt und Ende des Zweiten Weltkrieges so vergraben, wie Nachbarn ringsum ihr Silber und Porzellan. So blieben die Bilder über Jahre aufbewahrt in der Gaststätte, aber unentdeckt.

Bis Albrecht Herrmann sie eines Tages Krystyna Kauffmann vom Heimatverein zeigte, die sofort wusste, dass diese Fotos nicht nur wertvolle Zeitdokumente waren, sondern fotografische Kunstwerke. Die faszinierten sie so, dass sie mehr über die Frau hinter der Kamera wissen wollte. Ein Buch mit dem Titel „Poesie der Landstraße“ ist daraus geworden, ein zweites soll demnächst auch in englischer Sprache erscheinen. Krystyna Kauffmann ist besonders vom kritischen Blick der Fotografin angetan, die ihrer Zeit weit voraus gewesen sei. Auch Goslichs Artikeln haftet diese Haltung an. So schrieb sie einmal über die schlechte Entlohnung von Heimarbeit, „.. ohne die viele elegante Damen gar nicht so elegant sein können, denn dieses Elend hat ja seinen Grund in der schlechten Bewertung der Arbeit“.

Krystyna Kaufmann hat den am Montag verlegten Stolperstein durch Spendengelder finanziert, die sie bei ihrem Geburtstag gesammelt hat. Sie freut sich, dass es den Nazis nicht gelang, diese mutige Frau, die zu den ersten deutschen Fotojournalistinnen gehört, aus dem kulturhistorischem Gedächtnis zu streichen. „Ich möchte noch einen Stein für Marie Goslich vor dem Potsdamer Stiftungsverlag verlegen lassen“, kündigte sie an. Der Künstler Gunter Demnig hat bereits zugesagt.