Potsdam-Mittelmark : „Ein angenehmes Leben war hier“

Vom Lehnschulzengericht zur Saftfabrik: Der Wandel des Lendelschen Anwesens auf Werders Inselstadt

Josef Drabek

Werder - Handwerkerlärm und offene Türen belegen, dass die Aktivitäten am Freigut in Werder (Havel) fortgesetzt werden. Auf dem Markt 21 sind Sicherungsmaßnahmen, Aufräumarbeiten und Bauvorbereitungen im Gange, der Antrag für die weitere Sanierung ist eingereicht, erste Mieter haben sich etabliert. Besitzer und Bauherr Harald Dieckmann verwirklicht seine Pläne für die Umgestaltung der Wirtschaftsgebäude und dem Lendelhaus, deren Vorgänger im Mittelalter entstanden sind.

Die Wurzeln des Kleinods der Inselstadt dürften auf den Ortsgründer zurückgehen, der einen größeren Anteil am örtlichen Grundbesitz erhielt und Lehnschulze wurde. Als obrigkeitlicher Vorsteher forderte er Leistungen ein und übte die niedere Gerichtsbarkeit aus. Sein Wohn- und Amtssitz, das Lehnschulzengericht, war ein Bürgergut. Anfang des 16. Jahrhunderts soll es sich in Händen einer Familie Kuhlmei(er) befunden haben, zeitweilig ging es in adligen Besitz über.

1573 beurkundete Kurfürst Johann Georg dem Rittmeister Christoph von Rochow auf dessen „unterthänigstes und fleißiges Ansuchen und Bitten … sein erkauftes Haus und Hof im Städtlein Werder sammt jetzigen dazugehörigen Aeckern, Weinbergen, auch Wiesen, Gärten“ von allen Schössen, Steuern, Diensten, Wachen und anderen bürgerlichen Pflichten zu befreien. Außerdem wurde ihm gestattet, viermal im Jahr zinsfrei Bier „zu seiner Hausnothdurft“ zu brauen.

Das Freigut, das als größter städtischer Grundbesitz über sechs Hufen Ackerland, also etwa 45 Hektar, verfügte und am Weinbau beteiligt war, wechselte durch Erbfolge, Verkauf oder Spekulation oft den Besitzer und kam 1645 wieder in bürgerliche Hände, der Preis schwankte zwischen 2 400 und 6 503 Talern. In der Taxierung von 1701 wird aufgeführt: „ein groß Wohnhaus … 2 Stock hoch an allen Seiten … mit Steinen ausgeflochten“, also ein Fachwerkhaus, das ebenso desolat war wie die Hofgebäude.

Die Größe des Brauhauses belegt, dass nicht nur, wie einst erlaubt, zum Eigenbedarf, sondern zu Erwerbszwecken gebraut wurde. Das blieb der Steuerbehörde nicht verborgen: Zum Schutz der seit 1617 bestehenden Brauereien wurde das Braurecht für das Freigut begrenzt. 1722 kassierte die Obrigkeit vom Pächter zehn Taler Strafe wegen unerlaubten Bierausschanks.

Daneben betrieb das Freigut umfangreichen Weinanbau. Der Weinberg war 1680 „auf kirchlichem Grund“ angelegt worden, das Presshaus stand auf dem Mühlenberg. Spätestens ab 1775 ist auch die Schnapsbrennerei auf dem Anwesen belegt. 1786 kaufte es der Petzower Lehnschulze und Ziegeleibesitzer August Kaehne für 3 000 Taler. Er ließ das Fachwerkhaus abreißen und ein neues errichten.

Das spätbarocke Gebäude ist ein eingeschossiges neunachsiges Stadtpalais mit marktseitiger Schaufassade. Sie besticht durch die in hellem Grau auf rosarot ausgeführte Stuckverzierung, die mittleren Risalite und die ausschwingende Freitreppe. Die Baukosten einschließlich neuer Wirtschaftsgebäude beliefen sich auf 10 455 Taler, wobei der auf Antrag gewährte königliche Zuschuss ganze 300 Taler betrug. Dafür bestätigte König Friedrich Wilhelm II. die dem „Gute anklebenden Freiheiten“.

1827 verkaufte Kaehnes Sohn Karl Friedrich August das Freigut ohne Äcker, Wiesen und Hütungsrechte an bürgerliche Besitzer, deren wirtschaftlicher Schwerpunkt auf Brauerei und Brennerei lag. Der landwirtschaftlich orientierte Kaehne beanspruchte den anfallenden Dung. Nach erneutem Kaehneschen Besitz, wovon das Wappen von 1840 über der Eingangstür kündet, ging das Anwesen 1875 in die Hände der Brauerei Schultze und Hildebrandt beziehungsweise 1896 der Vereinigten Werderschen Brauerei AG. Damals entstanden die Backsteinbauten der Fabrikanlage mit dem Giebel zur Uferstraße.

1916 erwarb Kaufmann Friedrich Wilhelm Lendel das Anwesen, um den 1889 auf gegenüberliegendem väterlichen Grundstück gegründeten Obstverarbeitungsbetrieb auszudehnen. Nach Bau eines Lokomobilschuppens und Aufstellung eines Dampfkessels begann die Herstellung von Obstwein, Säften, Mosten, Obstkonserven, Sirup und Marmelade. Das Freihaus wurde Wohnung und Kontor, erhielt an der Rückseite zwei Veranden und im Flur einen offenen Kamin mit Kacheln aus friderizianischer Zeit.

Nach Lendels Tod 1935 übernahm Ehefrau Lucie den Betrieb. Die tüchtige Inhaberin brachte das Anwesen erfolgreich über Kriegs- und Nachkriegszeit mit Einquartierung sowjetischer Soldaten, deren Kommandant die Produktion auf Sauerkraut und dicke, süße Marmelade umstellen ließ. 1953 nahm sie staatliche Beteiligung auf und ließ im Hof den 30 Meter hohen Schornstein bauen. Nach ihrem Tod 1964 verwaltete Prokurist Hans Sternke als „Papiererbe“ die Fabrik, die ab 1971 „VEB Havelland“ hieß und 1990 die Produktion einstellte.

1993 kamen die Gebäude unter Denkmalschutz, zog die letzte Mieterin, Johanna Beyer, aus. Ihr Vater hatte in der Fabrik und Mutter im Haushalt des Anwesens gearbeitet. Beider Hochzeit richtete der Arbeitgeber aus, Lucie Lendel wurde Taufpatin, „nicht nur auf dem Papier, sondern gelebt“, wie sich Johanna Beyer erinnert. Seit ihrer Geburt 1935 war die Tochter „immer hier“, ab 1951 wohnte sie im Stadtpalais. „Wenn ich träume, spielen sich die Träume immer hier ab“, schwärmt Meteorologin und heutige Stadtführerin.

1997 bis 1999 erhielt das inselstädtische Kleinod seine äußere Schönheit zurück. Im ehemaligen Herren- und Damenzimmer präsentiert Galerist Manfred Giesler derzeit eine Sommergalerie, ab Oktober bietet Claudia D“Otilie „Schönes & Nützliches“ an. In der Fabrikhalle wird das Wandertheater „Ton und Kirschen“ Ende September den „Hamlet“ aufführen, und am 1. Adventsonntag gibt es im Hof wieder einen Adventsmarkt.

Ab September geht die Jugendbauhütte ans Werk, um weiter denkmalgerecht zu sanieren. Dem Weinlager folgen Backstube, Ölmühle, Raucherkabinett und Eiskeller. Im Sommer 2008 soll in neuen Ausstellungsräumen zum 160. Geburtstag Karl Hagemeisters dessen künstlerisches Lebenswerk gewürdigt werden. Der obere Teil des früheren Produktionsgebäudes wird als Ruine konserviert, wo ein zur Regenwasserzisterne umfunktioniertes großes Holzfass an die Saftfabrik erinnert. Und nicht zuletzt plant Harald Dieckmann, hier Wohnungen zu errichten und selbst zu wohnen. So wird wieder wahr, wovon Johanna Beyer träumte: „Hier war immer Leben, ein angenehmes Leben war hier.“