Potsdam-Mittelmark : Die verlorene Ehre des Konstantin Tschaika

Heimatverein fordert eine Aufarbeitung der Ehrenbürger-Geschichte Teltows

Tobias Reichelt

Teltow - 65 Jahre ist es her, dass Konstantin Fjodorowitsch Tschaika als einer der ersten russischen Soldaten die Berliner Stadtgrenze erreichte. Mit seinem Stoßtrupp schlug sich der russische Leutnant im April 1945 bis zum Teltowkanal durch, dann wurde er bei einem Granatenangriff in Teltow lebensgefährlich verletzt und verlor ein Auge. Für seinen Einsatz soll Tschaika am 8. Mai 1975 in Anwesenheit der Teltower Stadtverordneten zum Ehrenbürger ernannt worden sein. Heute ist Tschaika aus den Geschichtsbüchern der Stadt jedoch verschwunden und damit nicht der einzige, mahnt Heimatvereinschef Peter Jäckel. Er fordert eine offene Aufarbeitung der Ehrenbürgergeschichte der Stadt.

„In Teltow gehen die Uhren anders“, sagte Peter Jäckel gegenüber den PNN. Nach seinen Unterlagen haben die Stadtväter neben Konstantin Fjodorowitsch Tschaika noch einen weiteren Ehrenbürger unterschlagen: Den Professor und Leiter des Instituts für Polymerchemie in Teltow-Seehof, Erich Correns. „Das ist Geschichte pur, da kann man nicht einfach dran vorbei“, sagt Jäckel. Doch zu seinem Ärger findet sich im offiziellen Archiv der Stadt derzeit nur ein Ehrenbürger wieder: Landrat Ernst von Stubenrauch. Er war es, der mit dem Bau des Teltowkanals 1906 die Entwicklung der Stadt vorantrieb. Zu seiner Ehre findet sich seit 1908 eine Büste auf dem Teltower Marktplatz wieder – genau dort, wo zu Hitlers Zeiten auch Nazis ihre Aufmärsche abhielten, betont Jäckel nicht ohne Grund.

Seit Jahren halten sich die Gerüchte, dass die Teltower Stadtväter nach der Machtergreifung Hitlers auch einen Nazi zu ihren Ehrenbürgern machten, erklärt der Heimatvereinschef: „Das könnte Goebels oder Hitler gewesen sein.“ Damals war das nicht ungewöhnlich, doch genaues weiß man nicht, sagt Jäckel. Das Problem: Viele der geschichtsträchtigen Unterlagen seien im Rathaus erst nach Kriegsende und später nach dem Mauerfall verschwunden.

„Wir haben keine Unterlagen“, sagte der Leiter des Stadtarchivs, Walter Tzschach, auf Anfrage den PNN. Seit 1991 existiert das Stadtarchiv. Vorher war das Schriftgut der Stadt nicht erschlossen, erklärte Tzschach. Die größten Lücken bestünden in der Zeit um den Zweiten Weltkrieg.

„Alle Papiere auf denen ein Hakenkreuz war, wurden nach dem Krieg weggeworfen“, so Tzschach. Lediglich aus Papiernot wurden die Rückseiten einiger Blätter wiederverwendet – ein schlüssiges Bild über die Geschichte der Stadt zu Zeiten der Nazi-Diktatur ergebe sich aus den bunten Papiersammlungen aber nicht, sagte Tzschach.

Zuletzt habe man im Jahr 2006 „ sehr gewissenhaft“ die eigenen Archive und die von Kreis und Land auf der Suche nach den Ehrenbürgern durchforstet. Dabei hätten sich die Gerüchte um die Nazi-Ehrenbürger zerschlagen, sagte Tzschach. Auch zum russischen Soldaten Tschaika und zu Professor Correns hätten sich keine Ehrenbürgerurkunden gefunden. Fündig wurde man nur bei Landrat Stubenrauch. „Damit haben wir uns zufriedengegeben“, so Tschach

Für Heimatvereinschef Jäckel ist das zu wenig. In den Büchern des Vereins, den Ortschroniken von Herbert Leib, sind Correns und Tschaika als Ehrenbürger erwähnt. Zeitzeugen hätten von beiden Ehrenbürgern berichtet. Fotos zeigen den russischen Leutnant bei seinen Besuchen in Teltow. „Tschaika und Correns, das sind Leute, auf die man stolz sein kann“, sagt Jäckel. Er hat den Bürgermeister bereits drauf angesprochen. „In die Sache muss Bewegung kommen“, wünscht sich Jäckel. Tobias Reichelt

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