Potsdam-Mittelmark : Die „Sintflut“ ist zurück

Das polnische Bydgoszcz hat sein Wahrzeichen wieder – den Lepcke-Brunnen aus Kleinmachnow

Henry Klix
Mit Hymne und Torte. Die Einweihung des Brunnens war in Polen ein Medienereignis.
Mit Hymne und Torte. Die Einweihung des Brunnens war in Polen ein Medienereignis.Foto: Krystyna Kauffmann

Kleinmachnow / Bydgoszcz - Sechs Tonnen schwer war die Bronzeskulptur, die vor 100 Jahren in Bromberg enthüllt worden war. Es handelte sich um eine der gewaltigsten Bronzegüsse Europas. Der Kleinmachnower Künstler Ferdinand Lepcke (1866-1909) hatte die Figurengruppe gefertigt, eine Szene, wie sie sich in der biblischen Sintflut abgespielt haben könnte: ein Mann auf einem Felsen, der eine bewusstlose Frau auf dem einen Arm hält und mit dem anderen versucht, einen Greis aus dem Wasser zu retten. Die Fluten prallten in Form eines illustren Wasserspiels an die Klippe.

Krystyna Kauffmann (82) plantschte in ihrer Kindheit in dem Springbrunnen, wenn kein Polizist in der Nähe war. Die pensionierte Physiologie-Professorin aus Caputh stammt aus der polnischen Stadt, die heute etwa 350 000 Einwohner zählt. 1943 wurde die „Sintflut“ eingeschmolzen, das Metall wurde in der Rüstungsindustrie benötigt. Seit einigen Wochen steht sie zu Kauffmanns größter Freude wieder – in Polen ein Anlass, über den Zeitungen, Radiosender und das Fernsehen berichteten. Kauffmann war bei der Aufstellung natürlich dabei. Schon als sie mitbekam, wie sich im Jahr 2003 im heutigen Bydgoszcz eine Initiative gegründet hatte, um das frühere Wahrzeichen der Stadt nachzubilden, war die Kunstförderin Feuer und Flamme.

Ferdinand Lepcke hatte für die Skulptur, von der Kopien in seiner Heimatstadt Coburg (Bayern) und in Eisleben (Sachsen-Anhalt) aufgestellt worden waren, den Großen Staatspreis der Preußischen Akademie der Künste erhalten. Er ist bekannt unter anderem für seine „Bogenspannerin“, von der Abgüsse in mehreren deutschen Städten, darunter im Hof der Berliner Nationalgalerie, stehen. In Kleinmachnow geht die Phryne, in Teltow das Stubenrauchdenkmal auf ihn zurück. Das unlängst erschienene Werksverzeichnis umfasst 252 Seiten – ein stolzer Umfang für einen Künstler, der mit 43 Jahren an einer Lungenentzündung verstarb.

Ferdinand Lepcke bediente den Bedarf seiner Zeit an Frauenakten in anmutigen Posen, soll ein Händchen für schöne unverhüllte Körper gehabt haben, damals ein großes Thema in Kunst und Gesellschaft. Wobei sich Kauffmann erinnert, dass eine Kopie der „Bogenspannerin“ in Bromberg noch in ihrer Jugend vor Kirchenprozessionen sittsam angekleidet wurde. Lepckes Talente wurden während seiner Ausbildung an der Berliner Kunstgewerbeschule und später an der Akademie gefördert. Er verdiente zu Beginn seiner Künstlerkarriere vor allem mit Salonbronzen sein Geld, bevor auch Großaufträge wie der Sintflutbrunnen eintrudelten. In der Hauptstadt der Provinz Posen wurde der Brunnen schnell zu einer Sehenswürdigkeit.

Als er – 100 Jahre nach seiner Aufstellung – am 24. Juni im heutigen Bydgoszcz wieder enthüllt werden konnte, spielte das grau uniformierte Jugendorchester die polnische Hymne. Auf einer riesigen Torte war die Skulptur nachgebildet, jeder durfte von der Überschwemmung kosten. Und Józef Herold, der die Idee für die Wiederaufstellung gehabt und eine Spendenaktion ins Leben gerufen hatte, bekam feierlich das „Zloty Krzyz Zaslugi“ an die Brust geheftet, das Goldene Verdienstkreuz des Staatspräsidenten.

Theaterleute präsentierten eine Sintflutpantomime, die von einer Trilogie des Nationalschriftstellers Henryk Sienkiewicz über den schwedisch-polnischen Krieg inspiriert war. In Reden war von der Bedeutung der „Sintflut“ in Zeiten des Klimawandels die Rede, erzählt Krystyna Kauffmann. Auch für sie war es ein bewegender Tag. Sie hatte das Projekt vorangetrieben und dafür gesorgt, dass mit Dietmar Leischner ein Urgroßneffe Lepckes dafür begeistert werden konnte.

Ferdinand Lepcke wohnte in seinen wichtigsten Schaffensjahren in Berlin, arbeitete aber in seinem Atelier in Kleinmachnow, wo wohl auch die Gussform der Sintflut entstanden war. Die Gießerei Noack & Gladenbeck musste, weiß Kauffmann, eine extra Werkshalle bauen, um die wuchtige Skulptur zu gießen und die drei Teile vor dem Abtransport nach Westpreußen probehalber aufzustellen. Sie hatte mit einer Bärenmama, die ihr Junges rettet und einem Hünen, der mit einer Schlange kämpft, noch zwei Begleiter.

Als anfangs der Versuch unternommen wurde, der Stadt Bydgoszcz eine moderne Adaption des Brunnens unterzuschummeln, habe es einen Aufschrei in der Bevölkerung gegeben, sagt Kauffmann. Dann wurde der Auftrag für den originalgetreuen Nachbau an einen jungen talentierten Absolventen der Krakauer Kunstakademie, an Michael Pronobis, vergeben.

Der schaute sich Zeichnungen und Fotografien der Skulptur an und fuhr nach Coburg, wo noch eine wenn auch etwas abgewandelte und unvollständige Kopie des Werkes steht. Gemeinsam mit dem Gießer Jacek Guzera aus Kielce entstand dann eine Replik, die alle überzeugte – nicht zuletzt Krystyna Kauffmann, für die, als der Brunnen wieder sprudelte, eine schöne Kindheitserinnerung wachgerufen wurde. Das Kunstwerk aus Kleinmachnow sei ein Treffpunkt gewesen im Stadtpark von Bromberg – und ist es im Sommer wieder geworden.

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