Potsdam-Mittelmark : Die letzte Reserve

Die Niederlage der 12. Armee bei Ferch führte zum Selbstmord Hitlers und besiegelte das Kriegsende

Erhart Hohenstein

Die Niederlage der 12. Armee bei Ferch führte zum Selbstmord Hitlers und besiegelte das Kriegsende Von Erhart Hohenstein Schwielowsee - Als Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel am 8. Mai 1945 in Karlshorst die Kapitulation Deutschlands unterzeichnete, schwiegen in der Fercher Heide und in den Wäldern um Beelitz und Fichtenwalde erst seit einigen Tagen die Waffen. Noch bis zum 1. Mai hatten hier erbitterte Kämpfe getobt. Regisseur Oliver Hirschbiegel hat in „Der Untergang“ die Hoffnungen Hitlers dokumentiert, dass von Ferch aus der Belagerungsring um Berlin noch durchbrochen werden könnte. Ein Funkspruch über die Niederlage der Armee Wenck soll Hitlers Selbstmord ausgelöst haben. Sein letzter Funkspruch, viereinhalb Stunden vor seinem Tod, galt General Walther Wenck. Am 27. April war dessen 12. Armee von ihrem Bereitstellungsraum Brück-Belzig in Richtung Schwielowsee vorgedrungen. Dabei erreichte „die letzte deutsche Reserve“ Anfangserfolge. Der Wehrmachtsbericht vom 27. April feierte sie als von Westen „schwungvoll angreifende junge Divisionen“, die den Raum von Beelitz erreichten und dort „in schweren Waldkämpfen mit den Sowjets“ standen. Tags darauf warfen sie „den Feind in erbittertem Ringen auf breiter Front zurück und haben Ferch erreicht“. Die zahlenmäßig und waffentechnisch weit überlegene sowjetische 4. Gardepanzerarmee unter Generaloberst Leljuschenko bot alles auf, um den in Richtung Caputh und Michendorf fortgesetzten deutschen Angriff zu stoppen. Das gelang unter schweren Verlusten an der Autobahnstrecke nach Berlin, und so musste Generalfeldmarschall Keitel Hitler in einem Funkspruch melden, dass „die Spitze Wenck südlich des Schwielowsees“ festliege und „den Angriff auf Berlin nicht fortsetzen“ könne. Die Armee hielt bis 1. Mai ihre Stellungen in den märkischen Wäldern. In Beelitz fing sie Reste der aus dem Kessel von Halbe ausgebrochenen 9. Armee auf, die nach Beschuss von Zauchwitz und grauenhaften Nahkämpfen auf dem Beelitzer Friedhof die Sowjettruppen nach Wittbrietzen zurückgedrängt hatte, um zu Wenck zu gelangen. Auch nach der Eroberung durch die Rote Armee aus Potsdam flüchtende Einheiten stießen zu General Wenck. Mit ihm setzte man sich an die Elbe ab, um sich westalliierten Truppen zu ergeben. Viele der Wenck-Divisionen waren aus 16- oder 17-Jährigen zusammengewürfelt. Es heißt, dass der junge General sich gegen die letzten Befehle aus dem Führerbunker entschied, die Jugendlichen nicht sinnlos zu opfern. Am Schluss war es Wencks Truppen noch gelungen, durch ihre Infanteriedivision „Scharnhorst“ aus Lazaretten in Beelitz-Heilstätten etwa 3000 Verwundete und das Personal zu evakuieren. Angesicht der brutalen Übergriffe der Sieger, die auch aus deutschen Kriegsgräueln in der Sowjetunion und der russischen Hassprogaganda resultierten, rettete diese Aktion vielen Menschen das Leben. Die Kampfhandlungen spielten sich weitgehend außerhalb der Ortschaften ab, so dass Belzig, Werder und die meisten anderen Städte und Dörfer im heutigen Landkreis Potsdam-Mittelmark vergleichsweise geringe Schäden erlitten. In den Wäldern ließen sie dagegen Tausende gefallener Soldaten zurück, die in vielen Fällen als bis heute „unbekannte Tote“ notdürftig verscharrt wurden. 60 Jahre nach Kriegsende sind noch immer viele Schicksale ungeklärt. Dazu trug auch die Tatsache bei, dass das SED-Regime die sowjetischen Sieger als Befreier vom Faschismus ehrte, aber den deutschen Kriegstoten den Respekt verweigerte. Es bedurfte der Privatinitiative des Müncheners Ernst Rose, dessen 18-jähriger Bruder 1945 bei Neuseddin gefallen war, um dort 1994 ein Grabkreuz für die 80000 in den Wäldern gefallenen deutschen und russischen Soldaten aufzurichten. Die Inschrift vermerkt auch, dass es sich bei diesen Kämpfen um die „letzte Schlacht“ des Zweiten Weltkrieges handelte. Die mörderischen Auseinandersetzungen in den Wäldern südlich Potsdams waren am Kriegsende von historischer Bedeutung. Doch im Unterschied zur Schlacht um die Seelower Höhen, der Kesselschlacht von Halbe und der Eroberung Berlins und auch Potsdams ist ihre Dokumentation und Darstellung bisher lückenhaft. Detaillierte Angaben sind vor allem dem Neuseddiner Heimathistoriker Hans Rinza zu verdanken, der als junger Volkssturmmann Zeitzeuge der Ereignisse war und seine Erlebnisse durch Archivstudien objektiviert hat. Wünschenswert wäre, wenn das Militärgeschichtliche Forschungsamt oder der (deutschlandweit einzige) Lehrstuhl für Militärgeschichte an der Universität Potsdam an diese Vorarbeiten anknüpfen würde.

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