Potsdam-Mittelmark : Die Euphorie des Anfangs

Statt „Dinge totzulabern“ will die Piratenpartei sie „einfach mal machen“ – jetzt auch in der Mittelmark

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Foto: Manfred Thomas
29.01.2012 20:50

Potsdam-Mittelmark - Schnittchen, Muffins, Chili con carne: Während bei Treffen alteingesessener Parteien einfach die Catering-Firma vorbeikommt, bringen die Piraten aus der Mark ihr Buffet noch selbst mit. Anlass dazu war die Gründung des Kreisverbandes Potsdam-Mittelmark, die am Samstagabend in der Potsdamer Landesgeschäftsstelle der Piratenpartei Brandenburg vollzogen wurde. Ein überfälliger Schritt, findet Justus Pilgrim von der Potsdamer Basisorganisation, denn immerhin verfügt der Landkreis mittlerweile über 74 Parteimitglieder – fast so viele also wie Potsdam mit 82. Als Wahlleiter für den Abend half Michael Hensel, Vorsitzender des Landesverbandes Brandenburg, aus.

Zum neuen und ersten Vorsitzenden wurde der 48-jährige Fahrlehrer Bernd Wolf aus Kleinmachnow gewählt, der sich zuvor mit einem denkwürdigen Satz vorstellte: „Ich war davor 20 Jahre lang in der CDU.“ Eine Funktion habe er bei den Christdemokraten zwar nicht ausgeübt, aber dennoch habe ihm der Umgang der Partei mit ihren eigenen Mitgliedern im Laufe der Zeit immer weniger gefallen. Er selbst beschreibt sich als Pragmatiker, der aktiv etwas verändern wolle. Von allen Mittelmärkern im Raum hat Wolf vermutlich die meiste politische Erfahrung: Er war in der Vergangenheit Betriebsratsmitglied, ist bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi organisiert und Mitglied des Kleinmachnower Vereins Jugendkulturtreff. Und er ist der einzige, der am heutigen Abend einen Anzug trägt, während der Rest der etwa 35 Anwesenden eher leger gekleidet ist.

Nach der Wahl der Posten steht auch fest: Drei von fünf Vorstandsmitgliedern sind weiblich. Den viel kritisierten Frauenmangel bei den Piraten kann man am heutigen Abend nicht feststellen. Klar gebe es Frauen bei den Piraten, so Justus Pilgrim: „Aber es sind eher die Frauen, die als Mädchen auch gut mit Jungs spielen konnten und eher Pippi Langstrumpf als Barbie zum Vorbild hatten.“ Auch die ungarisch-stämmige Bühnenbildnerin Melinda Mosbacher (44) aus Kleinmachnow sieht kein Geschlechterproblem bei der Partei: „Es heißt immer, Frauen würden sich hier nicht wohl fühlen, aber ich fühle mich sehr wohl bei den Piraten. Ich finde, hier wird viel für Gender-Themen getan.“ Gewählt habe sie die Partei schon 2009, aber richtig übergesprungen sei der Funke erst bei der Berlin-Wahl 2011: „Im Oktober bin ich beigetreten.“ Eine Aussage, die man am heutigen Abend noch öfter hören wird, auch vom Vorsitzenden Bernd Wolf.

Man merkt den Mittelmärkern die Euphorie des Anfangs an: Die Stimmung ist von Optimismus und Neugier geprägt, auch wenn viele freimütig zugeben, bislang kaum politische Erfahrungen gesammelt zu haben. Aber sie sind voller Tatendrang, wie die 28-jährige Melanie Rotsch, gelernte Chemie-Laborantin und Vorstandsmitglied des Kreisverbandes: „Man sollte die Dinge nicht totlabern, sondern einfach mal machen. Nicht immer nur beschweren, denn das habe ich selber jahrelang gemacht.“ Ein Elan, den der Kreisverband gebrauchen kann, denn Potsdam-Mittelmark – flächenmäßig der drittgrößte Landkreis Deutschlands – erfordert viel Arbeit: „Die Mark will bereist werden!“, kündigt Wolf seinen Mitpiraten vorsorglich an.

Inhaltliche Pläne werden heute noch nicht geschmiedet, aber Wolf sieht eindeutig das Thema Flugrouten als erstes auf der Tagesordnung: „Damit müssen wir uns jetzt schnell auseinandersetzen.“ Weitere Schwerpunkte sind die bessere Anbindung ländlicher Gebiete an öffentliche Verkehrsmittel sowie Bildungs- und Umweltpolitik: Man wolle etwa Möglichkeiten ausloten, ob und wie man Unternehmen aus dem Bereich Erneuerbare Energien vor Ort ansiedeln könne, heißt es in der Ideenliste der Mittelmärker.

Der Gründungsreigen der Brandenburger Piraten geht indes weiter: Am 4. Februar wird sich der Kreisverband Ostprignitz-Ruppin gründen, danach (noch ohne Termin) soll der Kreisverband Teltow-Fläming geboren werden.

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