Potsdam-Mittelmark : Die Ernte ist eingefahren

Städter konnten sich in diesem Jahr auf einem Teltower Acker ausprobieren

Tobias Reichelt
Letzte Ernte. Die Berlinerin Susanne Seitter erntet Teltower Rübchen aus eigenem Anbau auf einem gemieteten Feld.
Letzte Ernte. Die Berlinerin Susanne Seitter erntet Teltower Rübchen aus eigenem Anbau auf einem gemieteten Feld.Foto: Tobias Reichelt

Teltow - Einfach lecker, so ein Rübchen. „Sie schmecken leicht nach Rettich und auch nach Nuss“, sagt Susanne Seitter. Vorsichtig fährt die 33-jährige Berlinerin mit den Fingern durch die grasgrünen Rübchenblätter am Boden. „Bevor ich hier auf meinem Miniacker losgelegt habe, kannte ich das Teltower Rübchen nicht einmal.“ Heute will die Hobbylandwirtin das feine Gemüse auf ihrer Speisekarte nicht mehr missen – nicht die eigenen Rübchen, nicht den eigenen Salat und überhaupt die eigene Ernte.

Die Rate der Rübchenbauern in der Stadt Teltow ist in diesem Jahr um ein Vielfaches angestiegen – wenn auch in kleinem Rahmen. Waren bislang der Teltower Landwirt Axel Szilleweit und sein Ruhlsdorfer Kollege Uwe Schäreke für die Aufzucht des Edelgemüses bekannt, haben sich in diesem Jahr 50 Freizeitbauern an die Rübchenzucht gewagt.

Seit Juni haben Familien, Senioren, Studenten und Selbstständige aus der Stadt an den Teltower Buschwiesen ihre Hacken schwingen lassen. Auf einem 6000 Quadratmeter großen Feld am Hollandweg hatte das Unternehmen „Ackerhelden“ aus Essen 50 biozertifizierte, zum Teil vorbepflanzte Gemüsegärten für sie angelegt. Knapp ein halbes Jahr wurden die Äcker in die Obhut der Städter übergeben, im Dezember nun klingt die Premierensaison für die Neulandwirte aus.

„Wir haben die Saison noch ein paar Tage verlängert, bis der erste richtig hohe Schnee fallen soll“, sagt Tobias Paulert. Er ist neben Birger Brock einer der beiden Geschäftsführer und Initiatoren des Projekts. Die Ackerhelden streben ein alternatives Versorgungskonzept an: ab auf den Acker statt zur Gemüsetheke. Die Städter sollen auf dem eigenen Land so viel ernten, dass sie sich den Besuch im Supermarkt sparen können. In Nachbarschaft großer Städte erfreut sich das nicht nur in Teltow, sondern zum Beispiel auch in Werder (Havel) großer Beliebtheit.

Viele, die in Teltow dabei waren, haben sich entschieden, noch einmal anzutreten, sagt Paulert. Die Zahl der Neulandwirte könnte sich im kommenden Jahr mehr als verdoppeln. Knapp 120 Parzellen zu je 40 Quadratmeter sollen dann vermietet werden. Kostenpunkt: 248 Euro pro Saison, inklusive Jungpflanzen, Saatgut, Werkzeug und Wasser. Nur die Arbeit bleibt dann noch am Städter hängen. Er muss gießen, die Erde auflockern und natürlich ernten. Wer will, kann für 445 Euro auch einen Acker mit 80 Quadratmetern Fläche mieten.

„Es war fast idiotensicher“, sagt Susanne Seitter. Als ihr Gemüse angewachsen war, habe sie sich den Gemüseeinkauf im Supermarkt tatsächlich sparen können. „Es hat mir unheimlich viel Spaß gemacht.“ Selbst im Winter versucht sie regelmäßig einmal in der Woche mit ihrer Hündin Almar von Berlin-Friedrichshain nach Teltow zu fahren, um ihren Pflanzen einen Besuch abzustatten. „Wir hatten hier wenig Unkraut“, erzählt die junge Frau. Auch dank des guten Bodens und der reichen Ernte konnte sie ihren Speiseplan im Sommer umstellen: Es gab Bohnen und Möhren, Spinat und Mangold, Rettich und später auch Kürbisse. Den Radieschen und den Zucchinis habe man beim Wachsen zugucken können, sagt Seitter. Von ihrem Gemüse hat sie zum Beispiel Zucchini-Hafer-Kekse gebacken und Quiches sowie Chutney hergestellt. Nur die Tomaten, die sind misslungen, sagt Seitter. Weil es einfach zu viel geregnet hat. „Ansonsten konnte man wenig falsch machen.“

In Zusammenarbeit mit Rübchenbauer Axel Szilleweit hatten die Organisatoren der „Ackerhelden“ die Erde für die Neulandwirte vorbereitet. Fast die gesamte Saison über konnte fleißig geerntet werden, sagt Paulert. Nun seien die Teltower Rübchen neben Grünkohl, Hirschhornwegerich und ein paar Blättern Spinat allerdings die letzten Gemüsesorten, die vor dem richtigen Wintereinbruch noch geerntet werden können. „Vor dem tiefen Frost wird der Boden dann komplett umgepflügt.“ Bei Eis und Schnee soll die Erde dann zu neuer Kraft finden. Mitte Mai – nach den Eisheiligen – dürfen die Städter wieder auf ihren Acker.

Im kommenden Jahr soll auch der „Teltower Tisch“ ein Stück Land zur Kartoffelaufzucht und Ernte zur Verfügung gestellt bekommen, sagte Paulert. Ein Acker wird zudem an die Greenpeace-Jugend gehen. Außerdem können sich Schulen um einen Schulacker bei den Ackerhelden bewerben. Alles, was es dazu braucht, seien engagierte Lehrer.

Susanne Seitter fehlt ihr Stück Acker schon jetzt, sagt die Berlinerin. Hier in Teltow hat sie neue Bekanntschaften mit anderen Ackerhelden geschlossen. Die Neulandwirte helfen sich aus, gießen mal für den Nachbarn, holen sich Tipps oder geben Ratschläge, wenn es bei der Rübchenzucht hakt. Die Teltower Rübchen stehen übrigens auf ihrer Pflanzliste für das kommende Jahr wieder ganz oben, sagt Susanne Seitter. „Ich will dann außerdem probieren, Erbsen und Fenchel zu pflanzen.“ Tobias Reichelt