Deutscher Kitapreis : "Waldsternchen" ist eine der besten Kitas Deutschlands

Unter den Besten: Die Kita „Waldsternchen“ am Rande einer Plattenbausiedlung in Neuseddin ist im Finale um den Preis als Deutschlands beste Kita.

Räumlich und personell gut ausgestattet: 162 Kinder werden hier betreut.
Räumlich und personell gut ausgestattet: 162 Kinder werden hier betreut.Foto: PNN / Ottmar Winter

Neuseddin - Die Tür geht auf, mitten im Eingangsbereich turnen Kinder. Das Foyer der Kita „Waldsternchen“ in Neuseddin wird jeden Morgen zu einem großen Turnraum umfunktioniert. Wer will, kann sich hier zwischen Frühstück und Mittagessen austoben – mittendrin zwei Frauen, die die Szene beobachten. Konzentriert machen sie sich Notizen in ihre Blöcke. Die Kita am Rande einer Plattenbausiedlung ist unter den Finalisten für den Deutschen Kitapreis.

Mehr als 1600 Kitas haben sich bundesweit für den Wettbewerb beworben, übrig geblieben sind zehn Einrichtungen. Im Mai werden die fünf besten gekürt. Für die finale Entscheidung der Jury werden derzeit Expertenteams vor Ort geschickt. Sie beobachten zwei Tage lang den Kitaalltag vor Ort und sprechen mit Erziehern, Kinder, Eltern und dem Träger.

Kinder im Mittelpunkt

Der Alltag in dem sternförmigen Bau in der Hans-Beimler-Straße zeigt, was der Bund mit dem jüngst verabschiedeten „Gute-Kita“-Gesetz erreichen will. Die Bedürfnisse der Kinder stehen dort im Mittelpunkt: Die Kinder sind nur zum Morgenkreis und Mittagessen in ihren Gruppen, sonst können sie sich aussuchen, worauf sie Lust haben. Basteln, werken, bauen, verkleiden, musizieren oder einfach entspannen. Auch die Bedürfnisse der arbeitenden Eltern stehen im Mittelpunkt: Die Kita ist von 5:45 Uhr bis 17:30 Uhr geöffnet. Das Personal jung, motiviert. An ihren Hosen hängt ein Bündel mit Bildchen dran, um Kindern mit Sprachschwierigkeiten verständlich zu machen, was im Kitaalltag geschieht, nutzen sie Symbolbilder, die das Gesagte nochmals erklären. Auch Gebärden setzen die Erzieher ein – und zwar im Umgang mit allen Kindern. Das sei gelebte Inklusion, sagt Kitaleiterin Katrin Breitrag.

Auch eine Bibliothek gibt es.
Auch eine Bibliothek gibt es.Foto: PNN / Ottmar Winter

„Kinder machen in früher Kindheit elementare Erfahrungen“, sagt Breitag, die seit mehr als 20 Jahren in der Kita „Waldsternchen“ arbeitet und sich nun zum ersten Mal für den Deutschen Kitapreis mit ihrer Einrichtung beworben hat. Wenn Breitag über Inklusion spricht, dann wirkt das so als ob sie über das Wetter sprechen würde. Das ist offenbar kein schwieriges Thema, Inklusion gehört zum Leben dazu. Kinder unterschiedlichster Herkunft sollen lernen vorurteilsfrei und ohne Diskriminierungen miteinander umzugehen. In der Kita sind alle Kinder gleich – und werden auch so behandelt. Ihr geht es um Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit.

Überzeugungsarbeit geleistet

Breitags Einstellung ist mit Blick auf das Kitaumfeld wichtig: Ihre Kita ist umgeben von Mietskasernen, die Gegend leicht heruntergekommen. Menschen mit wenig Einkommen, viele Alleinerziehende leben am Rande von Neuseddin. Um ihnen und ihren Kindern vor Ort die passenden Angebote zu ermöglichen, hat Breitag die Kita zu einer Inklusionseinrichtung spezialisiert. Und dafür „viel Überzeugungsarbeit“ geleistet, sagt die Frau mit den halblangen dunklen Haaren.

Ihr Einsatz hat sich gelohnt: Bei einem Rundgang durch die Kita fällt auf, dass in fast jedem Raum immer ein bis zwei Erzieher sind. 162 Kinder werden in Neuseddin von 34 Erziehern betreut. Neben dem „klassischen“ Personal, das sich nach dem gesetzlich verankerten Betreuungsschlüssel bemisst, finanziert der Träger, die Gemeinde Seddiner See, weitere Fachkräfte.

Unbürokratische Hilfe

Für die Eingewöhnung von neuen Kindern stehen der Kita drei zusätzliche Erzieher zur Verfügung. „Bei bis zu acht Neuaufnahmen im Monat wollen wir das Personal nicht zusätzlich belasten“, erklärt Hauptamtsleiter Christian Motz die Entscheidung der Gemeinde. „Wir nennen das das Pauschalmodell“, so Motz weiter, denn die Erzieher würden auch dann arbeiten, wenn es keine Eingewöhnung gebe.

Zusätzlich finanziert der Träger auch eine Fachkraft für Sprachförderung. Ebenso weitere vier Heilpädagogen, die das Kernteam täglich unterstützen und das „Waldsternchen“ zu einer Kita mit bester Ausstattung machen.
Eigentlich würde das Angebot der Heilpädagogen derzeit nur zehn Kindern zur Verfügung stehen; sie bekommen vom Amt diese zusätzliche Hilfe bezahlt. Da aber so ein Antragsprozedere beim Amt lang und aufwendig ist, will die Kita schneller, und vor allem unbürokratischer helfen. „Auch hier haben wir uns dafür entschieden, die Hilfen pauschal zu finanzieren“, sagt Motz. Das hat zur Folge, dass die Heilpädagogen, die auch als Sozialpädagogen und Kunstpädagogen ausgebildet sind, für alle Kinder da sind.

Auf Fantasiereise

Im Gang wird es laut, drei Kinder rangeln sich. Kunst- und Heilpädagogin Kessy Ücker geht dazwischen. Sie fragt, wer Lust habe, mit ihr in den Entspannungsraum zu gehen. Die Kinder hüpfen voraus. Der schallgedämpfte Raum ist der Vorzeigeraum der Kita, hier werden beruhigende Bilder über einen Projektor an die Wand geworfen, in der Ecke blubbert monoton säuselnd eine Wassersäule. Kessy Ücker geht mit den drei Kindern auf Fantasiereise. Die Wut im Bauch ist verflogen.
„Präventiv zu arbeiten ist sehr wichtig“, sagt Leiterin Breitag und weiß auch, dass das in Neuseddin nur deshalb so gut geht, weil die Ausstattung stimmt. Doch das Zusatzpersonal kostet. Wie viel genau, dass will man in der Verwaltung auf Anfrage nicht genau beziffern. Das sei eine komplexe Rechnung, zudem fördere der Landkreis auch einen Teil der Fachkräfte. Nur so viel: Die Zusatzkosten seien vom Gemeindeparlament im Haushalt beschlossen worden, betont Hauptamtsleiter Motz.

Ein guter Start ins Leben

Auf die Frage, warum andere Kommunen das nicht auch so machen wie Neuseddin, zuckt er mit den Schultern. Dass die Kita zu einer Mustereinrichtung geworden ist, habe auch viel mit dem „Sozialraum“ zu tun. Damit meint er die umliegenden Plattenbauten. Bevor es dort brenzlig wurde, hat die Gemeinde reagiert. Motz und der Kitaleiterin geht es um „einen guten Start in das Leben“. „Oft wird die Schule in den Fokus der Entwicklung von Kindern gerückt“, sagt Kitaleiterin Breitag. Dabei sei bereits die Arbeit in den Kitas, gemeinsam mit den Eltern zentral. „Damit es jedes Kind packt“ – ist der dazu passende Slogan des „Gute-Kita“-Gesetz. In dem Gesetz geht es um einen guten Betreuungsschlüssel, mehr Qualität und weniger Gebühren. Brandenburg stehen dafür wie berichtet rund 164 Millionen Euro vom Bund zur Verfügung. Wie viel davon in Neuseddin ankommen wird, bleibt abzuwarten. Das „Waldsternchen“ jedenfalls jetzt schon zeigt, wie gute Kita funktionieren kann.