Potsdam-Mittelmark : Der letzte Sommer in Caputh

Einstein privat – eine verpasste Chance für die Dauerausstellung des Initiativkreises „Albert-Einstein–Haus“

Erhart Hohenstein

Einstein privat – eine verpasste Chance für die Dauerausstellung des Initiativkreises „Albert-Einstein–Haus“ Von Erhart Hohenstein Schwielowsee · Caputh - Am Sonntag steht die Wiedereinweihung des Einsteinhauses bevor. Das Sommeridyll des großen Physikers soll im Jubiläumsjahr der 1905 veröffentlichten speziellen Relativitätstheorie donnerstags und sonntags besichtigt werden können. Später wird das nicht mehr möglich sein: Der Hauseigentümer, die Hebräische Universität Jerusalem, will hier wissenschaftliche Konferenzen, Empfänge, gelegentlich Konzerte und Lesungen veranstalten lassen. Auch ein Wohnaufenthalt von Stipendiaten ist vorgesehen. Besichtigungen werden dann nur noch in Ausnahmefällen über den Hausverwalter, das Potsdamer Einstein-Forum, möglich sein. Interessenten können sich jedoch nach einem Blick von außen in einer Dauerausstellung im Bürgerhaus Caputh über das Sommerhaus informieren. Es wird in allen Details dargestellt. Ebenso ausführlich sind die Informationen über seinen Architekten Konrad Wachsmann, natürlich gibt es dazu die Lebensdaten von Einstein und Bilder einiger seiner Gäste, allen voran der indische Dichter Rabindranath Tagore mit wallendem Bart. Der örtliche Initiativkreis Albert-Einstein-Haus hat die Ausstellung initiiert. Eine Chance, die sich nur in Caputh bietet, wurde allerdings kaum genutzt: Einstein privat und in seinem Verhältnis zu den Dorfbewohnern zu zeigen. Vereinsmitglied Carmen Hohlfeld, die Archivarin der Gemeinde Schwielowsee, hat natürlich Recht, wenn sie nur aus verlässlichen Quellen schöpfen will. Über Einsteins Caputher Jahre sind allerhand Märchen verbreitet worden, so vom im Erdbeer- und Kartoffelbeet gärtnernden Professor. Dabei gab es auf dem Gelände keine Gemüsebeete. Geige spielte der Physiker ganz sporadisch, nicht wie behauptet zu fester Stunde nachts auf der Terrasse, ein Klavier gab es gar nicht. Solche Anekdoten beruhen meist auf Hörensagen. Doch es gibt auch seriöse Zeugen wie Herta Schiefelbein, die von 1927 bis 1933 Hausangestellte der Familie Einstein war. In einem als Buch erschienenen Interview mit dem Wissenschaftshistoriker Friedrich Herneck lieferte sie 1978 exakte und detaillierte Auskünfte über das häusliche Leben der Einsteins in Caputh. Der Phyiker behielt im Sommerhaus seinen Berliner Bekanntenkreis bei, der vorwiegend aus prominenten Berufskollegen, Künstlern und Ärzten bestand. Gegenüber den Caputhern verhielt er sich leutselig, entwickelte aber keine engeren Beziehungen. Des öfteren unterhielt er sich mit dem arbeitslosen Schriftsetzer Meier, einem Sozialdemokraten, den er auch als Gärtner beschäftigte. Kontakte bestanden zum benachbarten Töpfermeister Wolff. Bei Anrufen wurden die Einsteins, zuletzt mit einer Signaltrompete, hierher gerufen, weil das Sommerhaus keinen Telefonanschluss besaß. Außerdem gab „Herta“ ihre Lebensmittelbestellungen an einen Potsdamer Händler durch. Im Ort kaufte die Familie lediglich bei Nachbarn Spargel, Kartoffeln, Erdbeeren und Gurken. Auch beim Bäcker war die Hausangestellte kaum einmal, die Brötchen wurden früh an die Tür gehängt. Herta Schiefelbein hat Aussagen zurückgewiesen, sie sei beim Bäcker antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Einstein, der Steinpilze und Maronen liebte, machte sich meist allein auf Pilzsuche, nahm nur hin und wieder einen Besucher mit. Baden ging er als Nichtschwimmer nicht, fuhr aber mit seinem Segelboot „Tümmler“ häufig auf den Templiner See hinaus. Auch dabei begleiteten ihn manchmal Gäste, von denen 1932 im letzten Sommer in Caputh nicht die Nobelpreisträger, sondern vor allem die junge österreichische Freundin des 53-Jährigen für Gesprächsstoff sorgte. Die Liaison hat zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem Ehepaar Einstein geführt. Schließlich rieten die Töchter Margot und Ilse ihrer Mutter: „Du musst dich eben damit abfinden, oder du musst dich von Albert trennen.“ Elsa Einstein gab auf und fuhr einmal die Woche in die Berliner Stadtwohnung, um ihrer Konkurrentin Platz zu machen. Bekanntlich kehrte Einstein nach der Machtergreifung der Nazis 1933 nicht nach Deutschland zurück. Sein Sommerhaus wurde 1935 „zugunsten des preußischen Staates“ eingezogen. Der Physiker wurde angesichts der Judenvernichtung zum Deutschenhasser, sein Sommerhaus und sein Boot, das durch die Gemeinde 1934 an einen Nowaweser Zahnarzt verkauft worden war, hat er dennoch in guter Erinnerung behalten. Resignierend schreibt er 1947 aus Princeton (USA) an Herta Schiefelbein, der er nach dem Krieg Lebensmittelpakete schickte: „Das Häuschen dort haben nun die Russen und ein Nazi (was der Zahnarzt allerdings nicht war) hat das dicke Segelschiff bekommen.“ Für eine Bildmappe der Gemeinde Caputh zu seinem 70. Geburtstag dankte er 1950: „Die von freundlicher Gesinnung zeugende, künstlerisch ausgestattete Erinnerung an Caputh und die dort verbrachten Jahre macht mir große Freude.“ Die unvollständige Aufzählung zeigt, dass der Initiativkreis Albert-Einstein-Haus Möglichkeiten hätte, seine Ausstellung um das Thema „Einstein privat“ zu verdichten. Dazu könnte nicht zuletzt Carmen Hohlfeld selbst beitragen. Ihr Großvater, der Rohrweber und Obstbauer Teichmann, besaß nämlich einen Langhaardackel, der nicht von Einsteins Seite weichen wollte. Purzel lag neben ihm auf der Terrasse, begleitete ihn auf Spaziergängen und sprang sogar mal unbemerkt in ein Auto, das den Physiker zum Sonnenobservatorium in Potsdam fuhr. „Einstein privat“ könnte durchaus zu einem weiteren touristischen Pluspunkt für Caputh werden. Vor Jahrzehnten hat ein Naturtalent in Sachen Marketing davon schon profitiert. Als „Einsteins Briefträger“ war Willi Aftring im Sommerhaus mit Schnaps bewirtet worden und hatte den Professor bei der Pilzsuche begleitet. Diese Erzählungen machten den umtriebigen alten Mann zum lokalen „Medienstar“ und gefragten Wanderleiter. Allerdings bezeugt Hausmädchen Herta, dass sie die Post stets an der Haustür entgegennahm; und Aftring soll damals noch gar nicht bei der Post gewesen sein …