Potsdam-Mittelmark : Dem täglichen Trott davongeradelt

Kinder der Evangelischen Jugendhilfe legten 1300 Kilometer zurück – und verkauften sie an Sponsoren

Thomas Lähns
Zieleinlauf bei der Tour de Geltow: 1300 Kilometer wurden erradelt.
Zieleinlauf bei der Tour de Geltow: 1300 Kilometer wurden erradelt.Foto: EJH Geltow

Schwielowsee - Andre ist jetzt noch überwältigt: „Es hat sich für mich wie Freiheit angefühlt“, beschreibt er seine Eindrücke einer Fahrradtour, bei der er über Ostern mitgeradelt ist. Unterwegs an der frischen Luft und in einer Gruppe, und nach 22 Kilometern das Gefühl, etwas wirklich geschafft zu haben – für ihn sind solche Erlebnisse nicht alltäglich.

Der 13-Jährige gehört zu den Schützlingen der Evangelischen Jugendhilfe Geltow, die auf dem Franzensberg Kinder und Jugendliche in Wohngruppen betreut. Es sind Sprösslinge aus zerrütteten Familien, die physische oder psychische Gewalt erfahren haben oder zu verwahrlosen drohten, weil ihre Eltern überfordert sind. Die 9- bis 17-Jährigen haben nicht nur die Sonnenseiten des Lebens kennengelernt.

In Geltow haben die vorwiegend aus Berlin stammenden Kinder einen sicheren Hafen gefunden – auch wenn die Tage mit Schule, Therapie und Betreuung lang werden können. Der Weg aus dem täglichen Trott heißt „Erlebnispädagogik“, und der Ausflug zu Ostern unter dem Motto „Tour de Geltow“ war ein Teil davon. 32 Kinder in 13 Gruppen sind in den vergangenen vier Wochen insgesamt knapp 1300 Kilometer in der Region abgeradelt, um diese Kilometer an Sponsoren zu „verkaufen“ und so Geld für neue Fahrräder zusammenzubekommen. „Die Kinder sollten an dieser Anforderung wachsen“, sagt der Erlebnispädagoge Jörn Kurth, der seit über einem Jahr an dem Konzept für die Einrichtung arbeitet.

Kurths Ansatz: Kinder sollen spielerisch und in der Natur an Dinge herangeführt werden, die sie vorher nicht kannten – wie Teamarbeit, Vertrauen, eigene Grenzen ausloten und vor allem Ängste überwinden. Dafür geht es auf Campingausflüge oder Kanutouren. „Manche Kinder aus der Stadt kennen keinen Wald oder auch keine Dunkelheit“, so Kurth.

Um künftig noch besser in diesem Bereich arbeiten zu können, will die Evangelische Jugendhilfe einige Anschaffungen machen: Neben sieben neuen Fahrrädern, die jetzt finanziert sind, gehören Kanus dazu sowie Zelte, Schlafsäcke und ein Kletterturm. Kostenpunkt insgesamt: 27 000 Euro. Statt sich das Geld von der öffentlichen Hand zu holen, werben sie um Sponsoren – zum Beispiel mit Aktionen wie der Fahrradtour, die unter anderem vom Rad-Haus in Werder (Havel) unterstützt wurde. Organisator war die Evangelische Stiftung „Dialog für innovative Kinder- und Jugendhilfe“. Die hatte im Vorfeld auch mehrere Sponsoren kontaktiert.

„Viele unserer Jugendlichen kennen die Unternehmen in der Region“, erklärt die Leiterin der EJH Sabine Großmann. Immerhin würden ihre Schützlinge regelmäßig Betriebspraktika absolvieren. Dass sie die zehnte Klasse schaffen und eine Ausbildung bekommen, ist eines der erklärten Ziele der Einrichtung – und bis jetzt hätten es alle geschafft.

Das heißt, sich auch mal durchbeißen zu müssen – eine Erfahrung, die man auf der Tour de Geltow verinnerlicht hat. So erinnern sich Ali, Alex und Bent an ihre 50 Kilometer: „Trotz Fahrradprobleme und Schmerzen radelten wir bis zum bitteren Ende.“ Und im nächsten Jahr, sagen die EJH-Kinder, wollen sie die 2000 in Angriff nehmen. Thomas Lähns

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