Coronalage in Potsdam-Mittelmark : Gesundheitsamt offenbar heillos überfordert

Patient beschwert sich: Kontaktverfolgung habe nicht stattgefunden. Offenbar kommen die wenigen Mitarbeiter nicht mehr hinterher. Kreis meldete zuletzt 50 Neuinfektionen.

Soldaten der Bundeswehr helfen in verschiedenen Regionen Deutschlands bei der Nachverfolgung von Infektionsketten von dem Coronavirus. Auch das Gesundheitsamt Mittelmark hat Hilfe angefordert.
Soldaten der Bundeswehr helfen in verschiedenen Regionen Deutschlands bei der Nachverfolgung von Infektionsketten von dem...Foto: dpa

Teltow - Peter Martens traute seinen Ohren kaum. Vor einigen Stunden hatte er das Ergebnis seines Coronatests erfahren: positiv. Nun rief ihn das Gesundheitsamt des Landkreises Potsdam-Mittelmark in Teltow an. "Faxen Sie uns bitte die Liste mit Ihren Kontakten", hieß es. Darauf entgegnete Martens, dass er kein Faxgerät habe. In dem Fall könne er die Liste auch per E-Mail schicken. Das verwunderte Martens. 

Er habe dem Gesundheitsamt doch bereits am selben Morgen eine Mail an die Adresse [email protected] geschickt, sagte er. Die Antwort, die er daraufhin bekommen habe, gibt er gegenüber den PNN folgendermaßen wieder: "Dit is umsonst gewesen. Die Mails werden alle nach Bad Belzig weitergeleitet. Die haben aber auch einen Fall. Da geht nüscht.“ Martens heißt in Wirklichkeit anders, möchte jedoch seinen Namen nicht in der Zeitung lesen.

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Das Gesundheitsamt des Landkreises ist überfordert (PNN berichteten). Doch der Aussage des Patienten zufolge könnte es wesentlich schlimmer sein, als bisher bekannt. Am Ende habe er die Kontaktliste per Online-Fax an die angegebene Nummer geschickt, sagt Martens. Das sei vor fünf Tagen gewesen. Doch keine der Personen auf dieser Liste sei in der Zwischenzeit vom Gesundheitsamt kontaktiert worden. Das Gesundheitsamt rufe ihn täglich an, um nach seinem Zustand zu fragen. “Ich bin aber noch nie zu einem möglichen Ursprungsort meiner Infektion befragt worden”, stellt er verwundert fest.  

Der Landkreis ist Risikogebiet

Unterdessen hat sich die Lage verschlimmert im Landkreis Potsdam-Mittelmark. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag am Freitag (30.10.) bei 67,88 - höher als Potsdam. Laut dem Landesgesundheitsamt meldete Potsdam-Mittelmark zuletzt 50 Neuinfektionen mit dem Coronavirus (30.10.) - die höchste Zahl landesweit. Der Landkreis gilt wieder als Corona-Risikogebiet. Das war am Dienstag bereits der Fall gewesen, am Mittwoch war der Wert vorübergehend knapp unter den kritischen Wert von 50 gefallen. 

Eine Helferin steckt einen Tupfer mit einem Coronatest-Abstrich in ein Röhrchen. Archivbild.
Eine Helferin steckt einen Tupfer mit einem Coronatest-Abstrich in ein Röhrchen. Archivbild.Foto: dpa

131 Personen gelten derzeitig (Stand 29.10.) als erkrankt. Insgesamt 921 Infektionen wurden dem Gesundheitsamt bis heute gemeldet. Kommt das Amt mit der Bearbeitung von Kontaktlisten unter diesen Bedingungen hinterher? Kai-Uwe Schwinzert, der Sprecher des Landkreises, teilt auf Anfrage mit: Das Gesundheitsamt sei über die Hotline des Landkreises unter Tel.: (03384)191111 sowie per E-Mail an [email protected] für alle Bürger zu erreichen.  

Der Sprecher nennt also genau die Adresse, die Peter Martens laut Gesundheitsamt nicht benutzen sollte, weil Mails dorthin nicht bearbeitet würden. Schwinzert gibt zu, dass die Verwaltung überlastet ist: "Die Kreisverwaltung hat bereits darauf hingewiesen, dass Anfragen der Bürgerinnen und Bürger derzeit durch das Gesundheitsamt nicht umgehend am gleichen Tag beantwortet werden können.” Mit einer Reaktionszeit von “drei bis fünf Tagen” sei zu rechnen. Das gelte aber ausdrücklich nicht, wenn es sich um “akute Einzelfälle handelt, die ein sofortiges Handeln erfordern”. Deren Anfragen würden sofort bearbeitet, sagt Schwinzert. Aber offenbar klappt das nicht immer. 

Viel Arbeit, wenig Leute im Gesundheitsamt

Unklar ist, wie viele Menschen im Gesundheitsamt eigentlich mit der Kontaktverfolgung befasst sind. Der Landkreis macht dazu keine konkreten Angaben. Der Sprecher teilt mit: Das zuständige Team habe 13 Mitarbeiter, von denen seien fünf fest angestellte Gesundheitsaufseher, die diese Aufgabe übernehmen. Das Gesundheitsamt werde zudem unterstützt von 15 Bundeswehrsoldaten und einigen “zeitlich befristet abgeordneten Mitarbeitern aus anderen Bereichen der Kreisverwaltung”, so Schwinzert. Aber wie viele dieser Menschen am Ende wirklich nach Kontaktpersonen suchen und ob sie überhaupt alle im Dienst sind, lässt der Sprecher offen.  

Seit Dienstag gelten im gesamten Landkreis verschärfte Regeln. Dazu gehört neben Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Raum und bei Privatfeiern auch eine Sperrstunde für die Gastronomie zwischen 23 Uhr und 6 Uhr. In vielen Landkreisen sind örtliche Ordnungsbehörden für die Überwachung solcher Maßnahmen zuständig. Nicht so in der Mittelmark. Zuständig ist das Gesundheitsamt. Dessen Mitarbeiter müssten also eigentlich auch Parks und Kneipen kontrollieren. 

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